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Schleswig-Holstein Kein Busverkehr: Abgehängt auf dem Dorf
Nachrichten Schleswig-Holstein Kein Busverkehr: Abgehängt auf dem Dorf
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14:30 10.10.2019
Von Katharina Horban
Zukunftsmusik: ÖPNV in Bissee ist kein leichtes Thema. Quelle: Ulf Dahl
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Bissee

Die Straße wird enger, schlängelt sich durch die hügelige Landschaft. Plötzlich kreuzen vier Rehe die Fahrbahn. Schon auf dem Weg nach Bissee im Kreis Rendsburg-Eckernförde holt einen die Dorfidylle ein. An einer Kreuzung etwa zwei Kilometer vor dem Ort hängt das erste Hinweisschild, weiß-grüne Schilder weisen Radfahrern den Weg. Und da hört die Wahl der Fortbewegungsmittel auch schon auf: Nach Bissee kommt man nur mit dem Auto oder dem Zweirad. "Diejenigen, die hier herziehen, müssen sich darüber informieren, wie sie aus dem Dorf wegkommen", sagt Bürgermeister Sönke Hamann (CDU). 

Der Ort Bissee ist kein Einzelfall

So wie Bissee geht es vielen Dörfern im Flächenland Schleswig-Holstein: Zieht man aufs Land, ist das Auto unverzichtbar. Von der Unabhängigkeit, die ein Auto bedeutet, auf die wenig ausgebaute Busverbindung umsteigen – das macht im Alltag kaum jemand. Während in den Städten über Luftverschmutzung und Elektrobusse diskutiert wird, haben die Bisseer zum Auto keine Alternative. 

"Zu der eingegebenen Adresse konnten keine geeigneten Haltestellen ermittelt werden", heißt es auf der Webseite vom Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein. Nur der Schulbus der Linie 541 hält in dem Dorf, das mit seinem Skulpturensommer Besucher aus ganz Schleswig-Holstein anzieht. Einkaufsläden gibt es keine. Der nächste Kindergarten ist in Brügge, der Bahnhof in Bordesholm.

Bissee: An der Bushaltestelle hängt noch der Fahrplan von 2006

Während der Herbstferien kauen die Kühe hinter dem Bushäuschen Gras, sonst ist dort niemand. Seit 2006 wurde der Fahrplan nicht mehr ausgetauscht – und ist vom Wetter gezeichnet: Ein Symbol für die fehlende Anbindung Bissees an den öffentlichen Nahverkehr.

Zieht eine Familie ins Dorf, braucht sie zwei Pkw

Der Bürgermeister erzählt, wie sich der landwirtschaftlich geprägte Ort verändert: Die Bauernhöfe würden mit der Zeit immer weniger, und junge Familien zögen auf der Suche nach dem Landleben bewusst nach Bissee. Die Eltern seien meist auswärts berufstätig. Hamann erklärt: "Wenn eine Familie herzieht, muss sie zwei Pkw haben. Um überhaupt zur Arbeit zu kommen und um von Zuhause aus einkaufen zu können. So ist es leider."

Hamann, Bürgermeister von knapp 170 Menschen, erinnert sich: Vor rund zehn Jahren habe es eine Busverbindung von Neumünster nach Kiel über Bissee gegeben. Doch das sei längst Geschichte: "Das war ein Geisterbus. Da saß nie einer drin, wenn der Bus durch das Dorf gefahren ist." Dies ist so lange her, dass dazu auch der Kreis Rendsburg-Eckernförde auf Anfrage nichts sagen kann.

Seit diesem Jahr ist der Schulbus auch für Erwachsene da

Immerhin: Seit Anfang dieses Jahres können Bürger im Schulbus die gut sieben Kilometer von Bissee nach Bordesholm und Wattenbek mitfahren. Am Morgen hält der Bus Richtung Bordesholm zweimal im Ort. Zurück geht es nur am Nachmittag mit den Schülern, letzte Abfahrt in Bordesholm: 16.09 Uhr. Für die meisten Pendler viel zu früh. 

"Das ist die einzige Anbindung, die wir haben", sagt Hamann. Seit kurzem gibt es Mitfahrbänke im Ort. Die meisten Senioren würden aber Auto fahren: Viel geht in Bissee über Nachbarschaftshilfe und Unterstützung in der Familie – damit die Großeltern nicht selbst zum Supermarkt fahren müssen. 

Bürgermeister: Bus muss auf Zugverbindung in Bordesholm abgestimmt werden

Der Bürgermeister fordert: "Der ÖPNV muss an die Zugverbindungen in Bordesholm und den umliegenden Nahverkehr angekoppelt werden. Damit ein Pendler aus Bissee bis acht Uhr morgens mit Bus und Bahn in Kiel ankommt. Sonst läuft das nicht und wird nie angenommen." Die Leute müssten sich aber auch "in die Abhängigkeiten der Fahrzeiten begeben wollen". Der Kreis hat Bissees Abgeschiedenheit nach eigenen Angaben erkannt: Ab Anfang 2021 werde das Dorf über die Buslinie 93 erschlossen – zunächst "für die Zeiten der Schülerbeförderung". Dann gebe es "erstmals auch am Wochenende" Verbindungen nach Bordesholm.

Solange es das noch nicht gibt, berichtet Heimke Siemen-Thiesfeld von Hilfsaktionen unter Nachbarn. Oft nehme sie auf dem Weg in ihre Tierarztpraxis in Neumünster spontan Menschen vom Straßenrand mit: "Da hält im Dorf jeder an, wir kennen uns ja alle. Aber das ist keine Lösung, vor allem die Älteren möchten nicht fragen." Ihre Familie betreibt seit 2018 die Hofscheune in Bissee, einen historischen Ort für Veranstaltungen aller Art. Ihr Sohn Johannes Thiesfeld sagt: "In den Städten geht der Trend vom Auto immer weiter weg. Und wie kommen die Kieler zu einer Feier bei uns?"

Der Führerschein ist für die jungen Menschen ein Meilenstein

Auf Anfrage bietet die Familie einen Shuttle von und zum Bahnhof Bordesholm an. Als der heute 25-Jährige vor sieben Jahren den Führerschein gemacht hat, war das für ihn der "größte Moment". Inzwischen ist er für sein Studium nach Kiel gezogen. Viele seiner Freunde würden aber mittlerweile nach Bissee zurückkehren: "Einmal raus aus dem Dorf ist gut, um die Heimat wieder wertzuschätzen."

Bissee wertschätzen – das machen auch viele Gäste von außerhalb. Auf dem Antik-Hof, neben dem Skulpturensommer das Aushängeschild des Dorfes, genießen Johanna Schumann und Maximilian Bauer aus Quarnbek einen Apfelstrudel. Ob sie mit dem Bus gekommen wären, wenn es einen gäbe? "Wenn wir ehrlich sind: nein." Die 37-Jährige sagt, dass auch in ihrem Ort die Anbindung schlecht sei – eine Busfahrt nach Bissee sei nicht praktikabel.

Manche Besucher suchen bewusst eine schwierige Anreise

"Zum ÖPNV in Bissee etwas zu sagen, ist schwierig", sagt Karin Russ lachend. Die 71-Jährige, Geschäftsführerin von „Russ Einrichtungen“ im Antik-Hof, erklärt: "Unsere Gäste suchen etwas anderes als Komfort im Transport. Wenn sie ankommen, steigen sie völlig entschleunigt in Gummistiefel aus dem Auto."

Hin und wieder holt sie Kunden vom Bahnhof ab, fährt mit ihnen über die engen Straßen nach Bissee und beobachtet, wie sie die Idylle genießen. Die Busanbindung wünscht sich Russ aber für die Kinder und Rentner aus dem Dorf – damit deren Alltag einfacher wird.

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