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Schleswig-Holstein Auf der Hallig spürt man keine Corona-Folgen
Nachrichten Schleswig-Holstein Auf der Hallig spürt man keine Corona-Folgen
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13:11 22.04.2020
Nele Wree und Holger Spreer stehen in der Küche ihres Hauses auf der Hallig Süderoog. Direkte Auswirkungen der Corona-Krise spüren sie nicht. Das kann sich aber bald ändern - wenn weiterhin keine Besucher kommen dürfen.  Quelle: Carsten Rehder/dpa
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Hallig Süderoog

Maximal drei Meter hoch ist Süderoog und 0,6 Quadratkilometer klein. Auf der fast herzförmigen Hallig im nordfriesischen Wattenmeer kann man großartige Sonnenauf- und -untergänge genießen, aber auch bedrohliche Sturmfluten erleben. Vor sieben Jahren kamen Holger Spreer (40) und Nele Wree (37) als damals einzige Bewohner auf die Hallig, mittlerweile haben sie zwei kleine Töchter. Die Corona-Krise hat sie abgesehen von der Psyche samt Sorge um Freunde und Angehörige noch nicht erreicht. «Einschränkungen werden wir erst zu spüren bekommen, wenn im Mai die Saison starten soll», sagt Spreer am Telefon. Nach aktuellem Stand sind Touristenbesuche auf den Inseln und Halligen im Wattenmeer verboten.

Bisher nimmt die Familie die Corona-Krise nur am Gemüt wahr. «Man kann sich dem ja nicht entziehen», sagt Spreer. Vorratswirtschaft ist für die Halligbewohner nichts Neues in diesen Zeiten, sondern ganz normal. Da Süderoog an keine Fährlinie angeschlossen ist, müssen sich die Bewohner um ihre Versorgung selbst kümmern. Spreer war gerade wieder mit dem Boot zum Einkaufen auf der nahen Insel Pellworm. Leere Regale hat er dort im Supermarkt nicht gesehen. «Es gibt auch Klopapier und Hefe, was auf dem Festland ja Mangelware sein soll.»

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Auf engem Raum zusammenzusein, ist für Hallig-Bewohner normal

Auch Wree nimmt bisher persönlich keine Einschränkungen infolge der Krise wahr. «Für mich ist die Situation etwas unwirklich», erzählt sie. «Die Schutzmaßnahmen kann ich hier gar nicht richtig greifen». Wenn sich Freunde jetzt um ihre Arbeit sorgen müssen und Existenzängste haben, tue ihr das sehr leid. «Da finde ich es schwierig, den Anderen nicht so richtig beistehen zu können.» Den Kinderarzt am Festland kann Wree derzeit mit ihren Töchtern nicht besuchen, aber das muss sie auch nicht: «Beide sind gesund.»

Ständig auf engem Raum zusammenzusein, ist für die Hallig-Bewohner ganz normal. Ob sie Tipps haben für jene, die dazu jetzt gegen den eigenen Willen gezwungen sind? «Einfühlungsvermögen ist in der Partnerschaft ganz wichtig», sagt Spreer, der in Frankfurt (Oder) geboren wurde und im Spreewald aufwuchs. Er kam an die Nordsee, um wie sein Vater Fischer zu werden, fuhr als Kapitän auf einem Krabbenkutter, ist Wasserbauwerker und Versicherungsfachmann, und einen Jagdschein hat der 40-Jährige auch. Selbstreflexion sei wichtig: «Wie fühlt sich der Andere? Wie liebenswürdig bin ich eigentlich gerade?»

Von den Freiheiten, die es anderswo nicht gibt

Partnerin Nele sieht das auch so. Wenn man ständiges Zusammensein auf engem Raum nicht gewohnt sei, könne das schwierig sein. «Man muss die Situation dann annehmen, versuchen, sich Freiräume zu schaffen und aufeinander zu gehen.» Wichtig sei es darüber zu sprechen, wie der Andere sich fühlt.

Auf der Hallig habe man zudem Freiheiten wie anderswo nicht, sagt Spreer. Wenn es eng wird, tritt man einfach vor die Tür und genießt die Natur. Zu tun gibt es ohnehin genug, von den Töchtern einmal ganz abgesehen.

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Spreer und Wree sind beim Land angestellt, teilen sich eine Stelle. Sie kümmern sich um Küsten- und Naturschutz, sammeln Müll ein, zählen Vögel und tragen mit ihrer Arbeit dazu bei, dass es dem Wattenmeer als Weltnaturerbe der Unesco gut geht. Das Paar hält in einem «Arche»-Hof seltene und vom Aussterben bedrohte Schafe, Gänse, Hühner und Enten. Aus Norwegen hinzugekommen ist die ursprünglich in der Gegend heimische Heide-Biene. «Wir versuchen jetzt erstmals, Königin-Nachwuchs hinzubekommen», erzählt Spreer.

Lammzeit macht derzeit zusätzliche Arbeit

All das lockt in normalen Zeiten neugierige Urlauber an, die per Schiffsausflug oder Wattwanderung kommen. Das können bis zu 1500 in einer Saison von Mai bis Oktober sein, täglich oft um die 50 pro Wattwanderung-Tour und 100 mit dem Schiff) sein. «Wenn so viele einmarschieren, dann ist hier ganz schön was los», sagt Spreer.

Jetzt ist Lammzeit, das kostet zusätzlich viel Arbeit. Gerade ist ein neuer Praktikant eingetroffen, der kräftig hilft. Kost und Logis bekommt er dafür kostenlos. Das Prinzip «Hand gegen Koje» wird im Wattenmeer seit Jahren erfolgreich praktiziert.

Da immer genug zu tun ist, fühlen sich Spreer und Wree auf «ihrer» Hallig nicht einsam, sagen sie. Solche Gefühle kämen höchstens im Dezember und Januar auf, wenn es deutlich ruhiger ist. «Aber das ist dann keine quälende Einsamkeit, sondern eine ersehnte», schildert Spreer.

Wie wird es in dieser Saison weitergehen?

«Einsamkeit ist überhaupt kein Thema für uns», sagt Wree. Die studierte Kunsthistorikerin kommt aus dem Kreis Segeberg und hat auch schon ein Café in Jerusalem betrieben. Nach Süderoog kämen fast die ganze Saison Landwirtschaftshelfer, dazu Mitarbeiter vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz, auch Handwerker. «Das ist eher ein WG-Leben.» Einsam dürften sich eher Menschen fühlen, die im Großstadtgewühl untergehen, mutmaßt Wree.

Die nächsten Wochen werden zeigen, um wie viel ruhiger es auf Süderoog diesmal in der Saison zugehen wird als in Nicht-Corona-Zeiten. Bisher spricht alles für eine lange Besucher-Pause. Genug zu tun bleibt Spreer und Wree unabhängig davon.

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Von RND/lno

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