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Schleswig-Holstein In Afghanistan droht ihm der Tod
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12:04 12.07.2019
Von Bastian Modrow
Seit Februar lebt Rohullah im Kirchenasyl der Emmaus-Gemeinde in Kiel. Quelle: eis - Thomas Eisenkrätzer
Kiel

96 Flüchtlinge hat Schleswig-Holstein in den ersten sechs Monaten des Jahres in andere EU-Länder abgeschoben. Unter diesen sogenannten Dublin-Fällen hätte auch Rohullah sein sollen. Der 19-Jährige sollte nach Norwegen zurückgebracht werden – in das Land, in dem der Afghane erstmals registriert worden war. Für den jungen Migranten würde die Ausreise allerdings einem Todesurteil gleichkommen: Anders als Deutschland schiebt Norwegen Flüchtlinge nach Afghanistan ab – und in seiner Heimat müsste der homosexuelle Mann mit der Hinrichtung rechnen. Die Emmaus-Gemeinde in Kiel will das nicht zulassen und hat Rohullah Kirchenasyl gewährt.

"Ich will niemandem zur Last fallen"

Seit Februar lebt der junge Mann in einer Einliegerwohnung des Gemeindezentrums. Vom Schreibtisch seiner 25 Quadratmeter-Wohnung kann er ins Grüne schauen, während er Deutsch lernt, zeichnet, Origami-Figuren bastelt oder Zeitung liest. Wie lange er hier bleiben muss und wie es danach für ihn weitergeht? „Ich weiß es nicht“, sagt er in ziemlich perfektem Deutsch. So vieles in seinem Leben ist ungewiss. Stabilität und Sicherheit sind für ihn mehr als nur Fremdworte, auch in der vierten Sprache, die er nun lernt. „Eigentlich möchte ich niemandem zur Last fallen“, sagt er. „Ich möchte nur leben dürfen.“

Flüchtlinge in Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein hat im Juni deutlich weniger neue Flüchtlinge aufgenommen als im Vorjahresmonat. Dies geht aus dem jüngsten Monatsbericht des Landesamts für Ausländerangelegenheiten hervor. Demnach kamen im Juni 287 Flüchtlinge, im Juni 2018 waren es noch 412 gewesen. Im Vergleich zum Mai kamen aber 58 Flüchtlinge mehr. In den ersten sechs Monaten des Jahres gelangten insgesamt 1965 Flüchtlinge neu ins Land, nach 2365 im Vorjahreszeitraum. Die meisten stammen aus Iran, Syrien und Afghanistan. In den Landesunterkünften in Neumünster, Boostedt und Rendsburg leben derzeit etwa 1500 Schutzsuchende. Damit ist die Gesamtkapazität zu gut 50 Prozent ausgelastet.

Als Kind ging er auf die Flucht

Ende 2014 machte er sich auf die Reise. Damals war er 15, lebte in der Provinz Helmand an der Grenze Afghanistans. Seine Kindheit war von Mangel, Gewalt und Willkür geprägt. Der Vater schwer krank, wuchs Rohullah bei seinem Onkel auf. Seine Mutter schickte ihn schließlich fort – in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Ferne. Über Pakistan und den Iran ging es in die Türkei. „Mit dem Auto, aber auch zu Fuß.“ Im Schlauchboot ging es nach Griechenland.

Drei Monate lebte er am Viktoria-Platz in Athen, bevor es über Ungarn und Österreich nach Deutschland ging. „Wir wurden von Schmuggler zu Schmuggler gegeben“, erinnert er sich. In München wurde der Afghane erst von der Polizei, später als „allein reisender Minderjähriger“ vom Jugendamt in Obhut genommen. „In der Unterkunft sagten viele, wir sollten sehen, dass wir nach Skandinavien kommen, weil man von dort nicht zurückgeschickt wird. Außerdem hatte ich dort Bekannte.“

In Norwegen lernte er seinen ersten Freund kennen

Per Zug und Schiff ging es weiter bis Oslo. Zwei Jahre lebte Rohullah in einer Flüchtlingsunterkunft unweit der Hauptstadt. Er machte seinen Schulabschluss, machte Judo, spielte Schach – und verliebte sich zum ersten Mal in einen Jungen. Für den Moment schien sein Leben perfekt – „bis der Brief von der Ausländerbehörde kam, dass mein Asylantrag abgelehnt worden ist, weil Afghanistan für mich sicher sei“, berichtet der 19-Jährige. Binnen einer Woche sollte er das Land verlassen.

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Eine Anwältin habe ihm nicht helfen können, die Behörden hätten trotz seiner sexuellen Orientierung keine Abschiebe-Hindernisse erkannt. „Ich musste einmal miterleben, wie ein Junge aus Afrika nachts von der norwegischen Polizei abgeholt wurde. Die haben mit einer Ramme die Tür aufgebrochen und ihn abgeführt“, sagt er. „Ich hatte Angst.“

Rohullah flüchtete zurück nach Deutschland

Über Stockholm und Kopenhagen ging es zurück. Erst nach Hamburg, danach nach Neumünster und schließlich nach Boostedt. „Ich habe am 6. September 2018 einen Asylantrag gestellt“, erzählt Rohullah. Zeit zum Durchatmen blieb dem Afghanen nicht: Bereits am 8. Oktober wurde auch in Deutschland sein Gesuchen abgelehnt.

Die Begründung des Bundesamtes war und ist trotz aller Versuche von Freunden und Flüchtlingshelfern stets dieselbe geblieben. „Da ich bereits in einem anderen EU-Land einen Antrag gestellt hatte, müsse ich laut Dublin-Vereinbarung in das Land zurückkehren“, sagt er. Dass sein Asylbegehren in Norwegen abgelehnt worden sei und ihm bei einer Abschiebung in seine Heimat nach Gesetzen der Scharia die Todesstrafe drohe, beeindruckte offenkundig niemanden.

Kiel: Seit Februar lebt der Afghane im Kirchenasyl

Als nichts mehr half und seine zwangsweise Rückführung nach Oslo drohte, habe eine Hamburger Anwältin den Kontakt zur Nordkirche vermittelt. Anfang Februar nahm ihn die Emmaus-Gemeinde in Kiel auf. Bis zu eineinhalb Jahre muss Rohullah ausharren, bis die Rückführungsfrist ausläuft und sein Fall neu geprüft werden kann. So lange muss er die psychische Belastung ertragen, mit „Angst und den vielen Sorgen“ umgehen können. Manchmal hilft dabei der Blick ins Grüne. Viel zu häufig allerdings auch nicht.

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