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Schleswig-Holstein Iris Richter kämpft um Therapie
Nachrichten Schleswig-Holstein Iris Richter kämpft um Therapie
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14:06 12.06.2019
Von Heike Stüben
Sigrun Wolf aus Heikendorf will weiter dafür kämpfen, dass ihre Tochter die Reha in Bad Segeberg fortsetzen kann, bis sie sich am Rollator bewegen kann. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Es war am Sommeranfang, als Iris Richter aus ihrem Leben gerissen wurde. Durch eine Hirnblutung wurde die Kielerin ohne Vorwarnung zum kompletten Pflegefall. Mit einem unbändigen Willen und hoher Kunst von Ärzten und Therapeuten erkämpfte sie sich viele Fähigkeiten zurück – angetrieben von der Aussicht, in ihre Wohnung zurückkehren zu können. Doch nun hat ihre Kasse dafür gesorgt, dass die 49-Jährige im Pflegeheim leben muss.

Iris Richter ist an jenem 21. Juni 2018 mit dem Fahrrad unterwegs, als sie ein extremer Kopfschmerz und Schwindel erfasst. Die Altenpflegerin stürzt, schafft es noch irgendwie, den Rettungsdienst zu rufen. Im Universitätsklinikum wird eine Hirnblutung festgestellt. Iris Richter wird operiert, ins künstliche Koma versetzt, künstlich beatmet. In den darauffolgenden Tagen erleidet sie drei Infarkte. Das Hirn schwillt an. Die Schädeldeckel muss entfernt und später wieder aufgesetzt werden.

Mehrere Operationen sind nötig

Ihr Verlobter Jens Seyferth und ihre Mutter Sigrun Wolf bangen um ihr Leben. Doch es geht gut. Die 48-Jährige wacht aus dem Koma auf, ist aber deutlich desorientiert, redet nur verschwommen, erkennt sich selbst auf Fotos nicht mehr, kann sich kaum bewegen. Ein Amtsrichter bestellt die Mutter zur Betreuerin.

Nach vier Wochen wird die Patientin ins Neurologische Zentrum der Segeberger Kliniken verlegt. Doch es sammelt sich zunehmend Flüssigkeit im Hirn an. Im November muss Iris Richter wieder ins UKSH. Noch einmal wird der Knochendeckel entfernt und später wieder reimplantiert. Im Dezember kehrt sie in die Segeberg Kliniken zurück. Die Krankenkasse BKK Mobil Oil bewilligt eine Rehabilitation – jeweils für ein paar Wochen. „Bei jedem Besuch habe ich eine Verbesserung festgestellt. Sie hat jedes Mal Fortschritte gemacht“, berichtet Sigrun Wolf. „Die Ärzte und Therapeuten waren fantastisch. Sie haben Iris unablässig gefordert und motiviert und sie hat ungeahnte Reserven mobilisiert.“ Die Sprache, die Orientierung und immer mehr Bewegungsabläufe kommen langsam zurück. Das überzeugt auch die Kasse. Viermal verlängern sie auf Antrag der Mutter die intensive Therapie.

Reha wird einfach beendet

Doch im April ist Schluss. Begründung der BKK Mobil Oil: Die Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung MDK habe ergeben, dass eine weitere Reha keine Aussicht auf Erfolg habe. Iris Richter ist entsetzt. Denn sie erlebt weiter Fortschritte. „Ich habe im UKSH zwei Spitzfüße bekommen. Der linke ist durch die Therapie bereits weg, der rechte ist aber noch gedreht, deshalb dauert das länger.“ Sie ist fest überzeugt, dass sie mit weiterer Therapie irgendwann nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen ist, sondern am Rollator gehen kann. „Dann könnte ich mich in meiner Wohnung bewegen und auch allein auf die Toilette gehen.“

Die Klinik und auch Sigrun Wolf legen Widerspruch ein. „Denn auch die Klinik hat sehr wohl noch Verbesserungspotenzial gesehen“, sagt Jens Seyferth. Es folgt ein erneutes Gutachten und wieder kommt der MDK zu dem Ergebnis: „Eine weitere neurologische Rehabilitation vermag einen funktionellen Hinzugewinn für die Bewältigung des täglichen Lebens bei Frau Richter nicht zu begründen.“ Die Kasse stellt die Finanzierung der Reha zum 17. April ein.

Iris Richter muss ins Pflegeheim

Die Familie lässt Iris Richter weiter in der Rehaklinik. Doch täglich 282,12 Euro – das ist irgendwann nicht mehr tragbar. Im Mai kommt Iris Richter notgedrungen in ein Pflegeheim in Kiel. Auf Nachfrage von KN-online räumt eine Pressesprecherin der BKK Mobil Oil ein, dass der MDK Iris Richter gar nicht gesehen hat. Beide Gutachten seien nach Aktenlage erstellt. Hinzu kommt: Der MDK gibt nur eine Empfehlung – die Kasse kann anders entscheiden. Doch die BKK Mobil Oil bleibt dabei: Iris Richter sei am besten im Pflegeheim aufgehoben. Auch dort sei ja eine ambulante Therapie möglich.

Stichwort: Hirnblutung

Jede Hirnblutung ist ein Notfall! Der Patient sollte schnellstmöglich ins Krankenhaus gebracht werden. Denn durch die Blutung entsteht ein Bluterguss (Hämatom), der das Hirngewebe schädigen kann. Fordert der Bluterguss mehr Raum, erhöht sich der Druck innerhalb des knöchernen Schädels, wodurch Hirngewebe zugrunde gehen kann. Das kann schließlich zum Tod führen.

In der Segeberger Klinik, die auch ohne Iris Richter ausgelastet ist, sieht man das anders. „Wir haben bei ihr nach einigen Komplikationen große Fortschritte feststellen können. Im Verlauf so einer Therapie, die ja viele Monate dauern kann, ist es ganz normal, dass die positive Entwicklung des Patienten langsamer vonstatten geht, je länger sie dauert. Das ist im Fall von Frau Richter genauso. Ich bin daher sicher, dass wir langfristig in einer stationären Therapie mehr für Frau Richter erreichen können, als es ambulant möglich ist“, sagt Anja-Marie Drenckhahn, Oberärztin Neurologisches Zentrum Segeberger Kliniken.

Davon ist auch Iris Richter überzeugt. Im Heim könne sie vielleicht zwei Mal in der Woche einen Therapeuten bekommen. „In der Klinik aber habe ich jeden Tag mehrfach Therapie.“ Ihre Mutter sieht, wie die Zuversicht der Tochter schwindet. Jens Seyferth empört noch etwas anderes. „Krankenkasse und Pflegekasse haben verschiedene Töpfe. Da ist es für die Krankenkasse natürlich günstiger, wenn meine Verlobte im Heim ist und die Pflegekasse zahlen muss. Aber Kassen sind auch zu Wirtschaftlichkeit verpflichtet. Und eine 49-Jährige ins Heim zu stecken, ist doch am Ende viel teurer, als sie soweit zu therapieren, dass sie nach Hause kann. Vom Menschlichen will ich gar nicht erst reden.“

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