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Schleswig-Holstein Eine enttäuschte Liebe
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08:04 16.12.2015
Von Uta Wilke
Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass Otto Kelling seinen Stuhl im Rathaus räumen musste. Er ist jetzt nach eigenen Angaben Geschäftsführer dreier Wohnungsgesellschaften in Sachsen – und macht einen zufriedeneren Eindruck. Über seine Kieler Zeit sagt er: „Was ein Mensch alles aushalten kann.“ Quelle: Lars Rosenkranz
Kiel

Es schien, als seien die Spuren nach dem Zerwürfnis im Rathaus und seiner Abwahl gelöscht. Doch Fortuna war gnädig. Der gefühlt hundertste Anruf in seinem ehemaligen Büro in Iserlohn brachte Klarheit: „Sie haben Glück, dass Sie mich hier erwischen“, antwortete Kelling nach dem zweiten Klingeln. „Ich bin jetzt hauptsächlich im Raum Chemnitz/Zwickau tätig, da gehören mir drei Wohnungsgesellschaften.“

 Eine Analyse der damaligen Verhältnisse hat er sofort parat. „Ich kam kurz vor dem Sturz Björn Engholms nach Schleswig-Holstein, als in der SPD allenthalben eine Atmosphäre von Konspiration und Intrige herrschte“, erzählt der heute 66-Jährige. Wie einst klagt er über die „Akteure“. Die „Akteure“ sind die Kieler Genossen und seine Kontrahenten im früheren Magistrat, die ihre „Interessenhöfe“ nicht haben hergeben wollen. Das seien herzlose Leute, Personen aus Stahl. „Eitelkeitsmanieren“ und „Aufgeplustertheiten“ hätten die Politik bestimmt. Dabei sieht 1992 alles nach einer Liebesheirat zwischen der SPD und dem neuen OB aus. Nach der langen Amtszeit des volkstümlichen Karl Heinz Luckhardt sehnen sich alle nach einem Verwaltungsfachmann, einem Modernisierer. Auch etliche Genossen sind der Meinung, dass der Apparat der Stadt aufgebläht worden ist. Der Sozialdemokrat Kelling mahnt, es sei nicht Aufgabe einer Kommune, Beschäftigungspolitik zu betreiben. Dies solle man dem Bund überlassen. Das klingt richtig. Er scheint die Idealbesetzung zu sein.

 Selbst seine früheren Gegner würden wohl unterschreiben, dass der Diplom-Kaufmann und Diplom-Sozialwirt, der Dr. rer. pol. ein überzeugender Theoretiker ist. Man ist auch heute noch versucht, beifällig mit dem Kopf zu nicken, wenn er über Kontraktmanagement in der Verwaltung, über Qualitätszirkel und Controlling referiert. Was ihn zu Fall bringt, sind nicht die politischen Konflikte – etwa um seinen Vorschlag, aus Kiel und den Umlandgemeinden einen Stadtkreis zu bilden. Kelling kann offenbar Theorie und Praxis nicht in Einklang bringen. Er kann nicht gut mit den Menschen, aus denen auch eine Verwaltung nun mal besteht. Es wird schnell einsam um ihn im Rathaus.

 Schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt ist der Streit eskaliert. Der OB wird von „seiner“ SPD-Ratsfraktion ins Gebet genommen. Die Vorwürfe sind heftig. Er habe nicht an den Haushaltsberatungen mit den Dezernenten teilgenommen und ihre schriftlichen Sparvorschläge ignoriert. Er unterschreibe Verwaltungsvorlagen, von denen er sich später distanziere. Er lasse stapelweise Theorie-Papiere erarbeiten und vernachlässige die praktische Lösung von Problemen. Selbst mit seinem ureigensten Projekt, der Verwaltungsreform, komme er nicht voran.

 Und dann ist da noch die Sache mit dem Wohnsitz. Bei seiner Nominierung auf einem SPD-Kreisparteitag hat er versprochen, in Kiel „dauerhaft Wurzeln schlagen“ zu wollen. Doch ein Besichtigungstermin nach dem nächsten verstreicht. Keine Immobilie gefällt Kelling. Die Familie bleibt in Iserlohn. Er mietet eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung, fährt nahezu jeden Freitagmittag „nach Hause“ und kommt erst am späten Montagvormittag zurück. Noch heute macht der Alt-OB den Eindruck, als begreife er gar nicht, was „die anderen“ von ihm gewollt haben. Wohnsitz in Kiel? Die hätten „kein Verständnis für die Bedeutung der Familie“, kontert er.

 Der Versuch, eine „einvernehmliche Lösung“ zu finden, scheitert. Die Genossen, allen voran der neue Fraktionschef Hans-Werner Tovar, sind jetzt unerbittlich. Sie hadern wohl auch ein wenig mit sich selbst, dass sie die Defizite ihres Traumkandidaten nicht gesehen haben. Das Ganze hat etwas von enttäuschter Liebe. Im Frühjahr 1995 wird Kellings Absetzung betrieben. Er muss sich auf vier Regionalkonferenzen seiner Partei rechtfertigen, obwohl das Urteil schon festzustehen scheint. Doch die für die Abwahl nötige Zweidrittel-Mehrheit kommt in der Ratsversammlung nicht zustande. Die CDU verweigert sich, obwohl sie den Verwaltungschef laufend unter Beschuss genommen hat. Die Verlockung ist wohl zu groß, aus dem SPD-internen Streit Kapital für sich zu schlagen.

 Schließlich macht Kelling selbst im Herbst 1996 den Weg für seine Abwahl frei – mit einem stichhaltigen Argument. Im nächsten Jahr trete die neue Kommunalverfassung in Kraft, die den Oberbürgermeister mit sehr viel mehr Rechten als bisher ausstatte. Dafür fehle ihm die demokratische Legitimation durch die Bevölkerung. Der glücklose Verwaltungschef geht. Heute sagt er über seine Zeit in Kiel: „Was ein Mensch alles aushalten kann.“

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Deutsche Presse-Agentur dpa 15.12.2015