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Schleswig-Holstein Einmal verstrahlt, immer geächtet
Nachrichten Schleswig-Holstein Einmal verstrahlt, immer geächtet
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08:02 23.04.2018
Von Heike Stüben
Bis zur Erschöpfung: Dieses Foto von zwei sogenannten Liquidatoren (diese waren an der Eindämmung nach der Katastrophe beschäftigt) im Atomkraftwerk Fukushima machte der Journalist Shun Kirishma, der sich als Liquidator verdingte, um den tatsächlichen Zustand der Reaktorblöcke zu recherchieren. Quelle: Shun Kirishma
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Kiel

Das Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein Kastranek war auch in dem doppelten Dorf Wiltscha in der Ukraine: Das alte wurde nach dem Reaktorunglück wegen der Verstrahlung zwangsgeräumt, die Bewohner in das neue, 700 Kilometer entfernte Wiltscha 2 verfrachtet, das dafür aus dem Boden gestampft wurde. „Das Dorf mit den 750 Häusern ist schon jetzt nach etwa 30 Jahren marode. Es gibt keine Arbeit, kein eigenes Steueraufkommen. Man ist finanziell von den Nachbarorten abhängig. Die Leute haben mir gesagt: Meine Heimat ist das hier nicht geworden.“ Nur einmal im Jahr dürfen die Dorfbewohner zurück nach Wiltscha 1, um die Gräber zu besuchen.

Entwurzelung ist ein großes Problem

„Diese Entwurzelung ist ein sehr hoher Preis, den die zahlen müssen, die zufällig zu nah am Reaktor lebten und die Verstrahlung bisher überlebt haben“, sagt der Kieler. Kaum jemand wisse, dass durch Tschernobyl in Weißrussland 480 Dörfer unbewohnbar geworden seien – so viele wie im Zweiten Weltkrieg verheert wurden.

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Zwangsrückkehr trotz Strahlung

Doch ebenso wie Entwurzelung kann Zwangsrückkehr zum Problem werden. „Die Menschen, die nach Fukushima 2011 zwangsevakuiert wurden, müssen seit 2017 wieder in die 30 Kilometerzone zurückziehen. Man sagt ihnen, die verstrahlte Erde sei abgetragen, doch die Säcke mit der Erde stehen oft noch neben den Häusern. Ich habe selbst Eltern erlebt, die mit Geigenzähler die Wege abgehen um herauszufinden, wie ihre Kinder am wenigsten belastet zur Schule kommen.“

Opfer werden ausgegrenzt

Warum aber ziehen die Menschen dorthin zurück? „Weil sie sonst die Unterstützung vom Staat von 700 Euro nicht mehr bekommen. Und weil sie in anderen Orten nicht erwünscht sind – wegen möglicher Verstrahlung. Es ist wie bei den Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki.“

Ulf Billmayer-Christen 23.04.2018
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