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Schleswig-Holstein Fremde Fischarten erobern die Ostsee
Nachrichten Schleswig-Holstein Fremde Fischarten erobern die Ostsee
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15:00 08.04.2019
Von Sven Hornung
Glubschaugen und ein breites Maul: Die Schwarzmundgrundel breitet sich explosionsartig in der Ostsee aus. Wie stark schadet das dem Ökosystem? Quelle: Eric Engbretson, U.S. Fish and Wildlife Service
Kiel

Robben, Wale, Schwertfische und sogar Delfine tummeln sich gelegentlich in der Ostsee, auch vor den Küsten Schleswig-Holsteins. Angler berichten vermehrt von ungewöhnlicheren Fängen wie Pollack, Meeräsche und Makrele, die eigentlich in der Nordsee heimisch sind. Wie erklären Sie sich das?

Jan Dierking: Die Ostsee ist stark vom Einströmen des Nordseewassers abhängig. Je nach Wind und Wetterlage kann es sein, dass in der Kieler oder Eckernförder Bucht Salzgehalte entstehen, die annähernd marin sind. Wir messen schon mal 22 oder 23 PSU (Salinität; Salzgehalt eines Gewässers, Anm. der Red.). Das Nordseewasser liegt bei 30 PSU. Bei längeren Ostwindlagen wiederum drückt der Sturm mehr Süßwasser zu uns, dann gehen wir runter auf etwa 14 PSU, ein Indikator für Brackwasser.

Somit beobachten Sie ein System, dass extrem stark fluktuiert…

Wenn eine große Blase Nordseewasser über das Kattegat reinschwappt, kommen dementsprechend auch andere Fischarten oder Tiere zu uns. Während Feuerquallen auch über das Oberflächenwasser in die Ostsee gelangen, benötigen Fische sogenannte Einstromevents. Dafür wird ein starker Ostwind benötigt, der das Wasser zunächst rausdrückt und die Ostsee somit etwas leerläuft. Kurze Zeit später dreht der Sturm auf West und das Wasser strömt zurück. Daraus resultiert ein großer Austausch von Wassermengen.

Sind das auch Folgen des Klimawandels?

Nein, das hat damit nichts zu tun. Delfine oder Robben finden irgendwann den Weg zurück in die Nordsee. Fischarten, die eigentlich in der Nordsee leben, vermehren sich nicht in der Ostsee. Sie treten vielleicht zwei oder drei Jahre auf und wachsen in diesem Zeitraum, werden aber irgendwann von Anglern oder Fischern gefangen. Entscheidend ist: Sie schaffen es nicht, hier zu laichen, weil die Eier und Larven nicht an die Bedingungen in der westlichen Ostsee angepasst sind. Die Eier von Pollack oder Makrelen müssen im Wasser schweben. Brackwasser hat eine geringere Dichte als marines Wasser. Deshalb sinkt die Schwebfähigkeit, die Eier treiben auf den Meeresboden und sterben.

Dennoch gibt es Fischarten, die in großen Mengen in die Ostsee ziehen oder sogar dort heimisch geworden sind.

Die Meeräsche beispielsweise zieht mittlerweile regelmäßig im Frühjahr aus der Nordsee ein, wenn das Wasser sich bei 11 Grad einpendelt. Sie bleibt bis zum Herbst und wandert dann wieder zurück. Meeräschen kann man im Sommer in den Häfen an der Wasseroberfläche beobachten, sie werden sehr groß. Die Meeräsche laicht allerdings weiterhin in der Nordsee. Anders der Wittling: Er bildet vermutlich einen eigenen Bestand. Wärme und Salzgehalt scheinen hier zu passen.

Und die Grundel? Angler ärgern sich darüber, dass sie statt eines Aals oder Plattfisches viele Schwarzmundgrundeln an den Haken bekommen.

Sie ist ein Beispiel für die Einschleppung nicht-heimischer Arten, vor allem durch den Schiffsverkehr. Larven werden regelmäßig aus dem Ballastwasser der Frachter in die Häfen gespült. Die Grundel kommt eigentlich aus dem kaspischen Meer und hat sich seit fünf Jahren in riesigen Mengen explosionsartig in der Ostsee ausgebreitet, vor allem in der Küstenregion des Baltikums. Sie löst dort Kaskaden aus, ganze Muschelbänke sind verschwunden. Im Greifswalder Bodden fressen sie zum Teil auch Heringseier auf. Um die Population zu begrenzen, konzentrieren sich die baltischen Fischer jetzt auch auf den etwa 25 Zentimeter langen Speisefisch. Im Nord-Ostsee-Kanal wiederum profitiert der Zander von dem nun größeren Nahrungsangebot, er ist fitter und fetter. Das zeigt, dass die Auswirkungen der Einschleppung einer neuen Art sehr komplex sind, und neben Problemen manchmal sogar Chancen bieten.

Fakt ist aber, dass sich die Ostsee seit rund 30 Jahren durch den Klimawandel erwärmt. Welche Arten sind besonders betroffen?

Prominentestes Beispiel ist das dramatische Abmagern des Ostseedorsches, besonders östlich von Bornholm. Dort existiert die größte Biomasse an Dorsch. Untersuchungen zeigen die Ausbreitung von sogenannten Sauerstoffminimum-Zonen, hinzu kommt ein niedriger Salzgehalt. Die Jungdorsche finden in den toten Zonen keine Nahrung. Zudem wandert die Sprotte in Richtung Norden ab. Der Dorsch kann ihr aber nicht folgen, weil er mit den Bedingungen dort noch schlechter zurechtkommt.

Ein anderes Beispiel ist die Meerforelle. Sie zieht im Herbst in Flüsse und Bäche, um zu laichen. 2018 war ein sehr trockener Sommer, und viele Auen waren komplett ausgetrocknet. Eine Häufung solcher Jahre könnte die natürliche Reproduktion dieser Art also stark beeinträchtigen.

Wir scheinen den klimatischen Veränderungen ausgeliefert zu sein.

Die Verschiebung der Artengrenzen nach Norden, gerade in der Nordsee, sind eine Folge des Klimawandels und nicht mehr aufzuhalten. Fischarten, die sich beispielsweise vor der Küste Englands wohlfühlten, zieht es jetzt 200 Kilometer weiter in Richtung Norden, weil das Wasser dort kühler ist. Die Ostsee wird sauerstoffärmer, süßer und wärmer. Das messen wir jetzt schon im bottnischen- und finnischen Meerbusen nördlich von Gotland. Es ist möglich, dass die Ostsee in 100 Jahren ohne Dorsch sein wird, dafür mit Sardellen, Anchovis oder Doraden.

Gibt es Lichtblicke?

Einerseits müssen wir versuchen, unsere regionalen Probleme immer wieder zu thematisieren. Denn wenn wir diese in den Griff bekommen, können die Auswirkungen des globalen Wandels besser abgepuffert werden. Nährstoffe – gekoppelt mit der Temperatur – führen zu den Sauerstoff-Problemen. Es dürfte in der Landwirtschaft nur smart gedüngt werden. Mittelfristig muss es das Ziel sein, dass weniger Nährstoffe auf die Felder gelangen. Andererseits müssen wir das Fischereimanagement weiter stärken. Wenn man Umweltproblemen ausgesetzt ist und trotzdem Arten überfischt, ist das einfach zu viel.

Mehr zum Sorgenkind Ostsee - wie es um das Binnenmeer derzeit steht - lesen Sie hier.

Die Initiative „plastic in the basket“ nimmt an den Küsten der Ostsee weiter Fahrt auf. Das Prinzip: Auf dem Weg zurück zum Auto sammeln Angler Plastikmüll am Strand. Auch der Tourismusverband Schleswig-Holstein will die Aktion unterstützen.

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