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Schleswig-Holstein Sind Dutzende Kliniken überflüssig?
Nachrichten Schleswig-Holstein Sind Dutzende Kliniken überflüssig?
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20:22 15.07.2019
Von Heike Stüben
Die Notfallversorgung war für die Autoren der Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung das wesentlich Kriterium, um die notwendige Zahl von Kliniken bundesweit herauszufinden. Quelle: Friso Gentsch
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Kiel

Ist solch eine massive Konzentration sinnvoll? Oder sogar notwendig? Darüber gehen die Meinungen im Land weit auseinander.

Die Wissenschaftler vom Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) sollten herausfinden, wie viele Krankenhäuser in Deutschland für eine gute Versorgung notwendig sind. Das bedeutet, dass auch Notfälle mit Herzinfarkt und Schlaganfall rund um die Uhr adäquat versorgt werden. Notwendig sind dazu Fachärzte, ausreichend erfahrenes Personal und eine angemessene technische Ausstattung.

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Konzentration führt zu mehr Qualität

In einer Fallstudie für den Raum Köln/Leverkusen kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis: Würden dort die Krankenhäuser von 38 auf 14 reduziert, würde sich die Versorgung verbessern, ohne dass die Fahrzeiten für die Patienten im Durchschnitt viel länger würden.

Insgesamt hält die Studie 550 Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich gut 600 Betten und etwa 50 Maximalversorger wie das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein mit durchschnittlich 1300 Betten für die beste Lösung. Heute hätten die Häuser im Schnitt 300 Betten.

AOK: Klinik sollten mindestens 500 Betten haben

Für AOK-Vorstandschef Tom Ackermann ist es durch das Krankenhausstrukturgesetz schon heute möglich, Kliniken für mehr Qualität zu zentralisieren und zu spezialisieren. "Dabei geht es nicht vorrangig um die Frage, wie viele Kliniken es am Ende gibt. Ein deutlicher Schritt wäre es bereits, wenn zukünftig Kliniken mit mehr als 500 Betten nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel in der Krankenhauslandschaft bilden."

Vdek: Die Erkenntnis ist nicht neu

Der Verband der Ersatzkassen (vdek) in Kiel predigt das seit Jahren. „Die Erkenntnis ist nicht neu. Das will nur keiner hören“, sagt Pressesprecher Florian Unger.

Abseits von Spezial- und psychiatrischen Kliniken gebe es in Schleswig-Holstein 67 Krankenhäuser für die somatische Versorgung. Anerkannt als Notfallversorger seien davon 30, aber nur 20 könnten Schlaganfälle und Herzinfarkte gleichermaßen versorgen.

„Eine Konzentration von 67 auf 20 Kliniken würde bedeuten: mehr Fälle pro Krankenhaus, damit mehr Erfahrung und mehr Qualität für die Patienten. Und mit 20 Krankenhäusern über das Land verteilt ließe sich auch eine maximale Anfahrtszeit von 30 Minuten einhalten.“

Krankenhausgesellschaft: maximal fünf Kliniken zu viel

Patrick Reimund, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein KGSH, interpretiert die Studie anders. Die Autoren überschätzten das Einsparpotenzial von Doppel- und Dreifachstrukturen. So ergebe sich in Schleswig-Holstein schon durch die Inseln eine besondere Situation.

„Die vier Krankenhäuser auf Fehmarn, Helgoland, Föhr und Sylt sind notwendig. Damit wären wir schon mal bei 25 statt 21 Häusern. Außerdem müssen wir von den heutigen 30 Notfallversorgern – und nicht von rund 70 Krankenhäusern – ausgehen. Also müsste die Zahl maximal um fünf Krankenhäuser reduziert werden.“ 

Gesundheitsministerium: Land ist gut aufgestellt

Im Gesundheitsministerium in Kiel heißt es: In Schleswig-Holstein sei der Konzentrationsprozess schon weiter als in anderen Bundesländern. Die Studien-Ergebnisse seien daher nicht eins zu eins übertragbar.

Der zuständige Staatssekretär, Mathias Badenhop, betont: Schleswig-Holstein sei in der Krankenhauslandschaft bereits heute gut aufgestellt ist. „Das Land kann trotz seiner herausfordernden geographischen Lage schon effizientere Strukturen vorweisen als viele andere Bundesländer, insbesondere in der Notfallversorgung.“

Es sei zwar richtig, dass erhöhte Routinen zu mehr Qualität führen. Aber für eine erfolgreiche medizinische Behandlung sei auch maßgeblich, dass der Rettungsdienst die Klinik schnell erreichen kann.

Christian Hiersemenzel 15.07.2019
15.07.2019