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Schleswig-Holstein Mitarbeiter kritisieren UKSH-Neubau
Nachrichten Schleswig-Holstein Mitarbeiter kritisieren UKSH-Neubau
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13:46 05.12.2019
Von Heike Stüben
Im August wurde in Kiel das neue Zentralklinikum des UKSH bezogen, im November folgte das neue Zentralklinikum in Lübeck (Foto). Doch viele Mitarbeiter sind enttäuscht: Eine Entlastung habe ihnen der Umzug nicht gebracht. Quelle: Markus Scholz
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Kiel

Viele Pflegekräfte, Ärzte und Ausbildende sind auf der Zinne. Zuerst gab es nicht einmal genug Licht für Untersuchungen in den Patientenzimmern. Man hatte nur Punktstrahler am Bett eingeplant. Es mussten Deckenleuchten nachgerüstet werden.

Die Orientierung sei zuerst kaum möglich gewesen, weil die Patientenzimmer mit endlos langen Ziffern gekennzeichnet gewesen seien, die sich niemand hätte merken können. Pflegekräfte hätten dann selbst für Abhilfe gesorgt: kurze Ziffern ausgedruckt und an die Türen geklebt.

Defekte Türen, umständliche Software

„Nach wie vor nerven die automatischen Türen, die ständig defekt sind. Das erschwert uns die Abläufe, kostet Zeit, die uns ohnehin fehlt“, sagt ein Pfleger. Andere kritisieren das neue Computerprogramm PDMS: zu kompliziert und zeitraubend. Spinde seien zu klein, Sozialräumen ohne Lüftung.

Beim UKSH räumt durchaus Baumängel ein. UKSH Vorstandschef Prof. Jens Scholz erklärt dazu: „Ein großer Teil der Baumängel wird bis zum Ende dieses Jahres, einige wenige verbleibende Mängel bis zum Frühjahr behoben.“

Altbau 7000 Schritte - Neubau 10000

Doch Mitarbeiter bezweifeln, dass das in allen Punkten möglich ist. Denn ihrer Meinung nach ist einiges schlicht unsinnig geplant worden. Einige Pflegekräfte haben mit Schrittzählern erfasst, wie weit sie auf ihrer alten Station und nun im neuen Zentralklinikum in einer Schicht laufen müssen. „Vorher waren es 7000 Schritte, jetzt sind 10000. Das kann man doch nicht als Verbesserung verkaufen“, erklärt eine erfahrene Krankenschwester.

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Auch andere bestätigen das. „Der Neubau erschwert die Arbeit und zehrt an den Kräften“, sagt eine Pflegefachkraft. Aus seiner pflegerischen Sicht seien die neuen Intensivstationen eine Fehlkonstruktion.

Zu heiß auf Intensivstationen

"Die Lüftung kühlt zu wenig herunter. Bei hohen Außentemperaturen wurden es schon mehr als 30 Grad heiß, sodass wichtige elektrische Geräte den Betrieb einstellten. Kollegen haben nachts die Fenster geöffnet, um Erleichterung für die Patienten zu schaffen. Daraufhin wurde das Öffnen unmöglich gemacht. Die Fenster lassen sich nicht mehr öffnen und sind im Notfall als Fluchtmöglichkeit nicht mehr nutzbar. Und der Raum, in dem die Medikamente aufbewahrt werden, erhitzt sich auf der Station am stärksten. Dabei weiß jeder, dass die meisten Medikamente keine Temperaturen über 25 Grad vertragen.“

Auch andere kritisieren die Situation auf den Intensivstationen: „zu groß, zu viele Betten, zu wenig Pflegekräfte“. Die Folge sei, dass immer wieder Betten gesperrt werden müssten. „Bei uns sind ständig vier bis sechs Betten gesperrt - aus Personalmangel.“

Personalmangel macht "Morbus Wochenende"

Insgesamt belaste die Personalknappheit aber am stärksten. „Ich weiß, dass in Lübeck eine Kollegin 14 Tage frei hatte und jeden Tag – also 14 mal – in dieser Zeit aus dem Frei geholt worden ist, weil anders die Station nicht zu besetzen gewesen war“, sagt Steffen Kühhirt, der bei Verdi Nord den Fachbereich Gesundheit leitet. Oft werde die Mindestbesetzung auf Intensivstationen nur auf dem Papier eingehalten.

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Vor allem an Wochenende und nachts gebe es Probleme. „Wir reden schon Morbus Wochenende.“ Ein Beispiel schildert eine Pflegekraft einer Intensivstation: „Nachts mit vier Pflegekräften auf der Intensivstation – das ist schon die Minimalbesetzung. Doch dann kam ein Notruf und der Arzt und eine Pflegekraft mussten in Notnotfallambulanz. Solche Rufe kommen immer wieder, auch aus anderen Kliniken. Die Pflegekraft und der Arzt kamen nach 90 Minuten zurück, mit dem Patienten, der weiter intensivmedizinisch versorgt werden musste.“

Normalstationen noch stärker belastet

Derlei Unterversorgungssituationen seien extrem belastend. „Normalstationen sind davon noch häufiger als wir betroffen.“ 

Das Personal hofft deshalb auf einen Tarifvertrag Entlastung. Inzwischen unterstützen 4600 Beschäftigte diese Forderung mit ihrer Unterschrift, heißt es bei Verdi. Am Donnerstag  verhandeln Verdi und UKSH-Vorstand über solch einen Haustarifvertrag für die rund 5000 nichtwissenschaftlichen UKSH-Beschäftigten. Beim ersten Treffen am Montag einigte man sich darauf, dass auch für die Akademie, an der Pflegekräfte ausgebildet werden, und das ZIP (Zentrum für Integrative Psychotherapie) mitverhandelt wird. Nun soll es an Inhaltliche gehen. Das erste Treffen habe in freundlicher Atmosphäre stattgefunden, hieß es dazu im UKSH.

Verdi fordert Stellen statt Überstunden

Verdi fordert mehr Personal, mehr Anleitungszeit, einen Freizeitausgleich für Arbeit in unterbesetzten Schichten... Das soll über ein Punktekonto funktionieren. Wer unter besonders belastenden Arbeitsbedingungen wie Unterbesetzung oder nicht ausreichend qualifiziertem Personal seinen Dienst tut, soll Punkte gutgeschrieben bekommen, die dann in Freizeit umgewandelt werden.  

 Bisher werden Überstunden oft mit Geld bezahlt. Doch das Personal will den Ausgleich in Freizeit „Das Geld, das das UKSH für Überstunden und Leiharbeitskräfte ausgibt, muss in zusätzliche Stellen investiert werden“, sagt Kühhirt. Aktuell seien 120000 Überstunden aufgelaufen.

Auch die Zahl der Demenzkranken nimmt weiter zu

Der Mangel an Pflegekräften wird noch verstärkt durch die Zunahme von Pflegebedürftigen mit einer Demenz. „Ihre Zahl ist in Schleswig-Holstein innerhalb der vergangenen zehn Jahre von rund 40000 auf rund 60000 angestiegen“, erklärt der Leiter des Kompetenzzentrums Demenz, Swen Staack, und rechnet mit einem weiteren Anstieg. Viele Angehörige pflegen die Erkrankten, so lange es irgendwie geht, zu Hause. „Doch es fehlen Kurzzeitpflegeplätze für vorübergehende Aufenthalte, wenn Pflegende Angehörige selbst Erholung oder eine Krankenhausbehandlung benötigen“, sagt Staack. Ein zunehmendes Problem sei auch die ambulante Pflege: Die Angehörigen finden immer seltener einen Pflegedienst mit freien Kapazitäten. Aber auch die Suche nach einem Heimplatz oder einem Platz in einer der 82 Demenz-Wohngemeinschaften dauere immer länger. Oft bestünden Wartelisten. „Viele Angehörige fühlen sich deshalb alleingelassen mit der Situation“, sagt Staack. Infos für Betroffene: www.demenz-sh.de, Telefon: 040-60926420

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