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Schleswig-Holstein Welche Rolle spielen G8 und Inklusion?
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21:58 14.01.2020
Von Heike Stüben
Rufen dazu auf, Kindern und Jugendlichen bei Depressionen in Schleswig-Holstein schneller zu helfen (von links): DAK-Landeschef Cord-Eric Lubinski, Julian Witte (Uni Bielefeld) und die Fachärztin Anja Walczak (BKJPP). Quelle: eis - Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Oft ist die Depression bereits mittelschwer, wenn die Kinder und Jugendlichen behandelt werden. DAK-Landeschef Cord-Eric Lubinski fordert deshalb, das Tabu Depression zu durchbrechen. „Die betroffenen Kinder leiden oft leise, bevor sie eine passende Diagnose bekommen. Wir müssen aufmerksamer werden – ob in der Familie, in der Schule oder im Sportverein – und nachhaltig helfen“, sagte DAK-Landeschef Cord-Eric Lubinski bei der Vorstellung der Studie in Kiel.

Wenn alles zu viel wird

Sie zeigt: Die Zahl der Depressionen steigt im Teenageralter deutlich an. Die Jugendlichen sind niedergeschlagen, traurig, verlieren das Interesse an Freunden und Hobbys, haben keine Kraft mehr, den Alltag zu bewältigen. Sie ziehen sich zurück, schaffen es manchmal nicht mehr, in die Schule zu gehen.

2,3 Prozent der DAK-versicherten Jungen und Mädchen zwischen zehn und 17 Jahren waren 2017 dadurch so stark beeinträchtigt, dass sie Hilfe bei einem Arzt suchten - fünf Prozent mehr als im Vorjahr.

Unerkannte Signale: Bauchschmerzen, Kopfweh 

Dabei geht die Studie von einer Dunkelziffer aus: Noch immer würde hinter Symptomen wie Bauch-, Kopf- oder Rückenschmerzen die wahre Ursache Depression nicht erkannt.

Mädchen gehen deutlich häufiger wegen depressiven Phasen zum Arzt als Jungen. Das könnte aber auch an einem unterschiedlichen Umgang mit der Erkrankung liegen. Mit einer diagnostizierten Angststörung kämpfen 2,3 Prozent aller Schulkinder. Dabei treten Depressionen und Angststörungen durchaus häufiger im Doppelpack auf. Das galt 2017 für fast jeden sechsten Jungen und fast jedes vierte Mädchen mit einer diagnostizierten Depression.

Risikofaktoren

Dabei wurde 2017 bei 15- bis 17-Jährigen deutlich häufiger eine Depression diagnostiziert als bei Gleichaltrigen auf dem Land. "Das muss nicht bedeuten, dass Kinder in der Stadt eher krank werden“, erklärte Julian Witte, Autor der Studie von der Universität Bielefeld, "es ist auch möglich, dass durch die höhere Facharztdichte in der Stadt Depressionen eher erkannt werden".

Andere Risikofaktoren seien dagegen nachweisbar: Wer im Jugendalter unter einer chronischen körperlichen Erkrankung leidet, hat ein bis zu 4,5-fach erhöhtes Depressionsrisiko. Für eine Angststörung steigt das Risiko um das Dreifache. Auch Kinder seelisch kranker Eltern sind deutlich gefährdeter, selbst eine depressive Störung zu entwickeln. Das trifft auch auf Kinder von suchtkranken Eltern zu.

Erhöhtes Risiko durch Schulreformen

Anja Walczak, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, unterscheidet deshalb zwischen Erkrankungen mit und ohne äußere Belastungsfaktoren. „Die Depressionen ohne Belastungsfaktoren haben nach unserer Erfahrung nicht zugenommen – wohl aber die Depressionen mit Belastungsfaktoren, und da sehen wir einen Zusammenhang mit Schulreformen der letzten Jahre.“

Die Stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP) macht das an vier Patientengruppen fest. "Wir sehen seit der Inklusion einen rapiden Anstieg von Angststörungen und Depressionen bei den 6-, 7-, 8-Jährigen, weil die Beschulung in Regelschulen offenbar nicht mit dem dafür notwendigen sonderpädagogischen Personal ausgestattet worden ist.“

Überforderung durch G8

In den 9.,10. und 11. Klassen auf G8-Gymnasien gebe es leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, die an eigenen Fähigkeiten zweifelten, sich in Frage stellten, in depressive Phasen rutschten und nicht mehr ihr Potenzial zeigen könnten.

Hinzu kämen jene Teenager, die von den Eltern auf G8-Gymnasien geschickt worden und dort chronisch überfordert seien. „Das äußert sich häufig in Bauch- und Kopfschmerzen. Oft werden diese Kinder lange Zeit nicht behandelt. Wir plädieren dafür, diese Kinder schneller an Fachärzte weiterzuleiten.“ Anja Walczak rät zu einer Abklärung bei einem Kinder- und Jugendarzt, wenn Kinder und Jugendliche mehr als 10 Fehltage pro Halbjahr in der Schule fehlen. 

Zukunftsängste

Schließlich würden Fachärzte zunehmend Jugendliche sehen, die Zukunftsängste entwickeln. „Wenn man die realen Zukunftsaussichten dieser Generation sieht, könnte man dies schon fast als gesunde depressive Reaktion beschreiben“, befand Anja Walczak.

Der DAK-Report zeigt auch, dass in Schleswig-Holstein überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche mit Depressionen in Kliniken behandelt wurden. Jedes elfte Schulkind mit einer diagnostizierten Depression wurde 2017 stationär behandelt, durchschnittlich für 44 Tage.

Immer wieder in die Klinik

Nach der Entlassung fehlt oft eine passende ambulante Nachsorge. Folge: Mehr als jeder fünfte dieser Teenager musste innerhalb von zwei Jahren mehrfach wieder in die Klinik. „Wir haben offenkundige Versorgungslücken nach der Krankenhausentlassung, die wir dringend schließen müssen“, betont Cord-Eric Lubinski. „Eine Rehospitalisierungsquote von 22 Prozent ist alarmierend!“

Die DAK will gegensteuern. Betroffene ab 12 Jahren sollen über die App Smart4me gestärkt werden. Außerdem wird das Schulprogramm gegen Stress fit4future ausgebaut.

Für den DAK-Report hat Julian Witte von der Universität Bielefeld die Krankendaten von  41.000 Kinder und Jugendlichen ausgewertet, die bei der DAK versichert sind. Die Daten sind repräsentativ für Schleswig-Holstein, was das Alter, Geschlecht und die soziale Lage angeht. Ob DAK-Versicherte häufiger depressiv sind als andere Versicherte, konnte mangels Vergleichsdaten nicht festgestellt werden.

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