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Schleswig-Holstein Mehr als eine Million Euro Schaden durch falsche Polizisten in Schleswig-Holstein
Nachrichten Schleswig-Holstein Mehr als eine Million Euro Schaden durch falsche Polizisten in Schleswig-Holstein
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11:11 14.12.2019
Seit Wochen verzeichnet die Polizei in Schleswig-Holstein einen starken Anstieg von Anrufen falscher Polizisten mit fatalen Folgen für die Opfer. Quelle: dpa
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Kiel

Seit Wochen verzeichnet die Polizei in Schleswig-Holstein einen starken Anstieg von Anrufen falscher Polizisten mit fatalen Folgen für die Opfer. Zwei Kieler Rentner fielen am Mittwoch und Donnerstag darauf herein. Der Schaden liegt allein in diesen beiden Fällen bei mehr als 100.000 Euro.

Einem Rentner wurde vorgemacht, auf ihn sei ein Raubüberfall geplant und auch die Wertgegenstände in seinem (tatsächlich vorhandenen) Bankschließfach seien nicht sicher. Der Rentner glaubte dem Anrufer, holte die Gegenstände und deponierte sie im Umfeld einer Straße, wo sie von Unbekannten unbemerkt abgeholt wurden. Tags zuvor war ein 75-Jähriger auf die nahezu gleiche Masche reingefallen – ein fünfstelliger Betrag war futsch.

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Fast 100 versuchte Betrugsdelikte – an einem Tag

Allein am 10. Dezember hat es allein in Kiel und Neumünster insgesamt fast 100 versuchte Betrugsdelikte von Gaunern gegeben, die sich als Polizeibeamte ausgeben. Die Betrugsmasche hat Konjunktur.

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So gab es 2018 in Schleswig-Holstein nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) insgesamt 1971 versuchte und 31 vollendete Taten, die der Polizei bekannt wurden. Die Schadensumme betrug rund 1,54 Millionen Euro. In diesem Jahr sind es demnach bislang 2121 versuchte und 36 vollendete Taten. Die Schadensumme beträgt bislang rund 1,06 Millionen Euro.

Aufklärungskampagne von Polizei und Land

Um die breite Bevölkerung über Betrugsmaschen gegenüber älteren Menschen aufzuklären hat die Landespolizei Schleswig-Holstein gemeinsam mit dem Landespräventionsrat im September eine Aufklärungskampagne gestartet. Unter anderem werden 1,5 Millionen Flugblätter mit Tipps zum Schutz vor Telefonbetrügern an alle Haushalte in Schleswig-Holstein verteilt.

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„Wir setzen ganz gezielt darauf, Betrügern das Leben schwerer zu machen. Das ist auch notwendig, denn der sogenannte "Enkeltrick", der "Falsche Polizeibeamte" oder jede Form von Gewinnversprechen funktionieren leider immer noch viel zu häufig“, sagte Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) bei der Vorstellung der Kampagne. Die Zahlen der Versuche stiegen weiterhin. Und immer häufiger geschehe dies in organisierten kriminellen Strukturen, sagte der Minister.

Anrufe aus Callcentern im Ausland

Nach Angaben des LKA haben die Taten ihren Ursprung in Callcentern im Ausland, oft der Türkei. Die Täter in den Callcentern gehen dabei arbeitsteilig vor. „Zum einen gibt es den Anrufer, zum anderen den Logistiker“, sagte ein LKA-Sprecher. Die Anrufer geben sich demnach am Telefon als Polizeibeamte aus und bringen die Opfer unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu, Geld und Wertgegenstände an Komplizen auszuhändigen, die sich ebenfalls als Polizeibeamte ausgeben.

Für die Kontaktaufnahme zu den Geschädigten bedienen sich die Täter laut LKA oftmals einer sogenannten Spoofing-Software. „Durch diese ist es Ihnen möglich, eine beliebige Nummer im Display des Geschädigten erscheinen zu lassen. Rückschlüsse auf die tatsächlich von den Tätern genutzte Rufnummer sind nicht möglich.“

Haftstrafen für falsche Polizisten

Bei erfolgreicher Opfer-Akquise kontaktiert der Logistiker aus dem Callcenter einen sogenannten Residenten in Deutschland. Von diesem lässt er sich einen Abholer vermitteln. „Der Logistiker im Callcenter führt dann den Geldabholer aus der Türkei per Telefon zu den Opfern“, erklärte der LKA-Sprecher. Der Resident nehme die Beute in Empfang, leite diese an die Verantwortlichen im Callcenter weiter und bezahle den Geldabholer.

Das LKA weist daraufhin, dass auch die Abholer Mittäter sind und entsprechend bestraft werden, wenn sie erwischt werden. Das Kieler Landgericht verurteilte im Mai falsche Polizisten zu Haftstrafen, die nach Überzeugung des Gerichts einen 88-jährigen Senior aus Norderstedt (Kreis Segeberg) um rund 185.000 Euro betrogen hatten. Drahtzieher aus der Türkei hatten den Senior 2017 tagelang mit der Drohung unter Druck gesetzt, sein Vermögen befinde sich in akuter Gefahr. Daraufhin hob er das Geld von seinem Bankkonto ab und übergab es den Betrügern.

Goldbarren für rund 400.000 Euro erbeutet

Und das Amtsgericht Norderstedt verurteilte im April zwei Männer aus Berlin zu Bewährungsstrafen, die als falsche Polizisten im Oktober 2017 einen Rentner um Goldbarren im Wert von mehreren Hunderttausend Euro erleichtern wollten. In diesem Fall blieb es beim Versuch: Als die falschen Beamten das Paket abholen wollten, wurden sie von der echten Polizei in Empfang genommen.

Ein Bankmitarbeiter war misstrauisch geworden, als der Senior kurz nach dem Kauf von zwölf Kilo Gold für 433.000 Euro erneut sechs Kilo für knapp 213.000 Euro kaufen wollte. Er schaltete die Polizei ein. Die größere Goldmenge war indes bei dem 88-Jährigen abgeholt worden. Von wem, konnte in dem Prozess nicht aufgeklärt werden.

Von dpa/RND

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