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Schleswig-Holstein Nasenspray-Sucht: Was kann man dagegen tun?
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12:58 20.01.2020
Von Jördis Merle Früchtenicht
Die Schleimhäute können von Nasenspray abhängig werden, ohne das Medikament ist das Atmen durch die Nase dann schwer. Wer darauf angewiesen ist, sollte zum Arzt gehen. Quelle: Christin Klose/dpa
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Kiel

Man hat Schnupfen und kann wegen der schlechten Atmung nicht schlafen, mit Nasenspray kommt man zur Ruhe, bekommt die nötige Erholung. Doch bestimmte Nasensprays können bei längerer Einnahme abhängig machen. Unter anderem solche, die die Wirkstoffe Xylometazolin, Oxymetalozin oder Tramazolin beinhalten. 

Dr. Martin Laudien (52), Oberarzt an der Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie am UKSH Kiel, erklärt, ab wann der Nasenspray-Gebrauch problematisch ist. Im Klinikalltag begegnet er regelmäßig Menschen, die abhängig von Nasenspray sind.

Wie wirkt Nasenspray?

Dr. Martin Laudien: Es gibt verschiedene Nasensprays. Diejenigen, die abhängig machen, sind die mit abschwellender Wirkung. Sie enthalten ein Alpha-Sympathomimetikum, das ist ein Wirkstoff, durch den sich die Gefäße zusammenziehen. Damit wird mehr Platz in der Nase geschaffen, weil die Schleimhaut abschwillt. Das macht die freiere Nase. Es gibt natürlich noch Nasensprays mit anderen Wirkstoffen, etwa Salzwasser, Cortison und Antihistaminikum. Die machen allerdings nicht abhängig.

Nasenspray-Sucht

Nasenspray mit Xylometazolin zählt zu den am häufigsten verkauften Medikamenten. Alleine in Deutschland werden jährlich über 50 Millionen Packungen verkauft. Rund 100.000 bis 120.000 Menschen sind Schätzungen zufolge süchtig und können ihren Alltag nicht mehr ohne Nasenspray meistern.

Eine Sucht nach Nasenspray entsteht also durch die abschwellenden Wirkstoffe?

Die Schleimhaut wird an den Stellen, an denen das Spray appliziert wird, abgeschwollen, also meist auf beiden Seiten der Nase. Eigentlich haben wir einen physiologischen Nasenzyklus. An einer Seite sind die Nasenschleimhäute abgeschwollen und an der anderen angeschwollen, dort ist die Durchblutung höher. Die Seiten wechseln über den Tag.

Dass wir auf beiden Seiten gleich viel Luft bekommen, ist nicht normal. Mit den Nasentropfen gewöhnen wir uns daran, dass beide Seiten gleichzeitig abgeschwollen sind.

Was bedeutet das für die Schleimhäute?

Die reagieren auf die geringe Durchblutung mit einem Mehr an Durchblutung, weil so die Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff sowie die Regenration besser funktioniert. Diese Reaktion auf die Nasenspraynutzung führt dazu, dass die Nasenatmung schlechter wird, wenn die Wirkung nachlässt. Wenn man das zu lange macht, gewöhnt man sich an die gute Atmung und erträgt die Schwellung, die hinterher auftritt, schlechter.

Ab wann ist das Nutzen von Nasenspray und Nasentropfen heikel?

Eine Woche ist unproblematisch. Wer abschwellende Nasentropfen länger nutzt, sollte ein Gespräch mit einem Haus- oder HNO-Arzt führen, um zu klären, ob die Tropfen weiter notwendig sind oder ob es eine bessere therapeutische Möglichkeit gibt.

Was sind die Folgen einer Nasenspray-Abhängigkeit?

Die verminderte Durchblutung sorgt dafür, dass sich die Nasenschleimhäute nicht ausreichend regenerieren können. Damit werden sie anfälliger für alles, was von außen kommt. Die Schleimhäute können dann nicht so gut auf Umwelteinflüsse reagieren.

Dr. med. Martin Laudien: "Es gibt dafür unterschiedliche Ansätze, etwa die Dosis immer weiter zu reduzieren."

Nasenspray-Sucht - zu welchem Zeitpunkt sollte man sich Hilfe suchen?

Die Abhängigkeit ist dann da, wenn wir an die freie Nase gewöhnt sind. Wenn man nicht mehr ohne Nasentropfen sein kann, etwa weil ein Einschlafen oder Durchschlafen nicht möglich ist. Dann ist es wichtig, sich Gedanken zu machen, wieso die Schleimhäute geschwollen sind.

Man muss die Ursachen mit einem kompetenten Ansprechpartner analysieren. Wenn ein Virusinfekt für die Schwellung sorgt, ist das ganz normal. Es können aber beispielsweise auch Entzündungen oder Allergien ursächlich sein. Diese sind mit einem abschwellenden Nasenspray falsch therapiert.

Wird Nasenspray zu leichtfertig verkauft?

Es gibt Aufklärung: Die Problematik ist überall veröffentlicht, etwa in den Packungsbeilagen. Es wäre natürlich schön, wenn wir jeden Menschen davor bewahren könnten, von Nasenspray abhängig zu werden. Aber ich glaube nicht, dass das mit einem sinnvollen Einsatz von Ressourcen möglich ist.

Wie lange dauert es, bis sich Nasenspraysüchtige an einen Arzt wenden?

Wir haben regelmäßig Patienten, die langfristig Nasentropfen oder -sprays nehmen, etwa ein bis zwei Jahre. Diese kommen dann zu uns, wenn die Wirkung zu schlecht geworden ist. Sie berichten, dass die Nasentropfen keine ausreichende Wirkung mehr haben und die Beschwerden weiterhin vorhanden sind.

Nasenspray-Sucht: Negative Folgen

Nasensprays mit abschwellender Wirkung sorgen bei akutem Schnupfen dafür, dass die Nase wieder frei wird. Das ist erst einmal positiv - nach fünf bis sieben Tagen tritt allerdings ein Gewöhnungseffekt ein. Die Schleimhäute schwellen dann ohne Nasenspray gar nicht mehr ab.

Und das hat negative Folgen. Denn erstens kann der permanente Einsatz von Nasenspray die Schleimhaut schädigen, zweitens droht der Verlust der Geruchsfähigkeit - und damit auch der Geschmacksfähigkeit. Um das zu verhindern, sollte man abschwellendes Nasenspray nie länger als fünf bis sieben Tage nehmen.

Wie kommen die Patienten dann wieder vom Nasenspray weg?

Wenn die Nasentropfen ein Jahr lang exzessiv genutzt wurden, zieht sich der für den Patienten schwierige Prozess über Wochen hin. Zunächst müssen wir die Ursache feststellen. Warum ist das Problem da? Wenn wir keinen anderen Grund finden als das Nutzen des Nasensprays selbst, dann ist es ein schwieriger Weg für den Patienten, davon wegzukommen.

Es gibt dafür unterschiedliche Ansätze, etwa die Dosis immer weiter zu reduzieren. Zunächst wird das Spray nur noch genutzt, wenn es wirklich notwendig ist. Zwei Wochen später wird die Erwachsenendosis gegen die für Kinder ausgetauscht. Die wiederum wird durch die Dosierung für Säuglinge ersetzt. Zusätzlich kann man die Nasenschleimhäute durch Salzwasserspülungen unterstützen.

Was für unbedenkliche Alternativen zu abschwellenden Nasensprays gibt es?

Man erreicht die Nasenschleimhäute mit salzhaltigen Nasenspülungen. Diese pflegen und wirken auch abschwellend, wenn die Salzkonzentration ein bisschen über der Konzentration des Körpers liegt. Inhalation, etwa mit Kamille, wirkt auf die Nasenhaupthöhle entzündungshemmend.

Medikamentenabhängigkeit

Medikamentenabhängigkeit in Deutschland

Die Dosis macht das Gift, sagte schon Paracelsus. Das Risiko, süchtig nach Arzneimitteln zu werden, ist bei sachgerechter Verordnung und Anwendung gering. Dennoch sind laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geschätzt 1,5 bis 1,9 Millionen Menschen in Deutschland durch Langzeitgebrauch von Medikamenten abhängig. Ein Großteil der Betroffenen nimmt Tranquilizer oder Schlafmittel. Als besonders gefährdet gelten ältere Menschen. Zudem sind laut DHS zwei Drittel der Medikamentenabhängigen Frauen.

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