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Schleswig-Holstein Die kuschelige Mini-Kirche
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19:46 03.05.2016
Der Kieler Privatdozent Jürgen Hach predigte am 1. Mai in der Waldkapelle Neuwühren, der kleinsten Kirche im Norden. Quelle: Gerhard Müller
Neuwühren

Zugleich hängt die Zukunft der kleinsten Kirche Norddeutschlands von ein paar wenigen engagierten Bürgern ab, von denen keiner unter 70 Jahre alt ist. Am ersten wirklich schönen Tag dieses Jahres sitzt Günter Mix im kleinen Orgelraum und spielt sich warm, neben ihm surrt ein Heizlüfter. „Wir haben ein Nachwuchsproblem“, räumt der 82-jährige Vorsitzende des Kapellenvereins ein. Irgendwann hat man ihn mal gefragt, ob er hier nicht predigen möchte. Mix predigte. Später hat man ihn gefragt, ob er nicht den Vereinsvorsitz übernehmen wolle. Mix wollte. Als schließlich ein Organist gesucht wurde, sagte der ehemalige Kieler CDU-Ratsherr erneut nicht nein. Auch seine Frau Renate packt mit an. Nach Gottesdiensten gibt’s Kaffee und selbst gebackenen Kuchen, und man fragt sich, wie die Geschichte dieser kleinen Kapelle ohne solch liebenswerte Menschen fortgeschrieben werden kann.

Auf den elf kleinen Holzbänken finden nur jeweils zwei Besucher Platz, zehn bis zwölf sind es im Schnitt bei den Andachten. Kommen mehr, werden Klappstühle aufgestellt. Für den Gottesdienst am 1. Mai hat der frühere Metallurgie-Professor Mix Jürgen Hach gewinnen können. Der Privatdozent der Christian Albrechts-Universität verspricht, keine intellektuelle Predigt zu halten. Er wird Wort halten. Doch zunächst gilt es, die Glocke zu läuten. Schon macht sich der Nachwuchsmangel bemerkbar. 14 Zuhörer, von denen mancher nicht mehr gut zu Fuß ist, sind erschienen, darunter immerhin ein sportliches Pärchen aus der U-50-Generation mit dem Motorrad. Die Glocke darf schließlich der Reporter betätigen: Exakt zwei Minuten gilt es, an einem Bambusstab, der an der Kette befestigt ist, rhythmisch zu ziehen.

Danach kann es losgehen. Hach, 73, von dem emeritierten Theologie-Professor Klaus Kürzdörfer, 79, als „Spezialist für Ikonen“ vorgestellt, hat ein wertvolles Exemplar zuvor sanft auf dem Altar abgestellt. Die russische Ikone („Sie ist klein, hat aber eine gewaltige Ausstrahlung“) zeigt Petrus und Paulus. Hach steht an einem Pult, für dessen Dreibein ein Apfelbaum sein Holz gespendet hat. Im Grunde ist es eher ein gut verständlicher Vortrag über die beiden Apostel. Gott sei Dank. Seine Ikone stelle Petrus als Handwerkertypen dar, er sei ja auch Fischer gewesen, und Paulus mit der Stirnglatze des Gelehrten. Hach, ein promovierter Theologe mit vollem Haupthaar, bezweifelt, dass Petrus und Paulus, wie die römisch-katholische Kirche behaupte, als Märtyrer in Rom gestorben seien: „Das lässt sich nur über Paulus ohne Zweifel sagen, für Petrus gilt das historisch als unwahrscheinlich oder sogar ausgeschlossen. Da kommt viel frühkirchliche Phantasie ins Spiel.“ Sehr kurzweilig.

„Die Predigt darf nicht zu lang sein, sonst frieren die Besucher“, hatte Günter Mix zuvor schmunzelnd gesagt und den Heizlüfter ausgestellt, „so richtig kuschelig warm wird es hier nicht.“ Nach einer halben Stunde beginnt der kalte Steinfußboden tatsächlich seine Wirkung zu entfalten. Doch die Freundlichkeit in der trotz allem kuscheligen Kapelle ist erwärmend. Aushilfs-Organist Mix bedient Pedale und Pfeifen weit besser, als er prophezeit hatte („Die Kirche vergibt ja Fehler“), es wird laut gesungen und still gebetet. Bevor es draußen in der Frühlingssonne Kekskuchen gibt, bittet Klaus Kürzdörfer um eine Kollekte für verfolgte Christen. Wie passend, denn am Vortag hat ein Flüchtling aus Aleppo eine spezielle Botschaft in gut verständlichem Deutsch im Gästebuch der stets unverschlossenen Kapelle hinterlassen: „Guten Tag, mein Name ist Alaa. Mein Stadt Aleppo tut sehr weh. Gott, bitte sicher alles menschen in Syrien und alles welt. Und vielen Dank für Deutscher und Deutschin.“ Einzigartige Zeilen, ein Unikat in einem Unikum.

Von Gerhard Müller und Silke Rönnau

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