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Schleswig-Holstein Das rollende Klassenzimmer
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"Nicht meckern, machen!" 2020: Das rollende Klassenzimmer aus Hannover

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19:10 25.11.2020
Ein großes Gefährt: Matthes (l.) und Fionn auf dem Achtzehntonner von Fahrschule Steckelberg.
Ein großes Gefährt: Matthes (l.) und Fionn auf dem Achtzehntonner von Fahrschule Steckelberg. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Barsinghausen

Wie ein riesiges Kreuzfahrtschiff zwischen lauter kleinen Hafengebäuden – so gewaltig wirkt der Lastwagen auf dem Parkplatz vor der Grundschule im Barsinghäuser Ortsteil Groß Munzel (Niedersachsen), als die Kinder der Klasse 3a ihn neugierig umschwärmen.

Der achtjährige Fionn braucht ein bisschen, bis er die Stufen zum Fahrerhaus des Achtzehntonners erklommen hat. Wie von einem Aussichtsturm blickt er auf den Schulhof hinunter.

„Man kann nicht direkt hinter den Lkw gucken – und wer neben dem Laster steht, ist auch nicht immer gut zu sehen“, ruft Fionn herunter, während er prüfend in alle Rückspiegel schaut. Sein Schulfreund Matthes erklärt, wieso das so ist: „Wenn jemand so steht, dass man ihn nicht sehen kann, ist er im toten Winkel.“

Der tote Winkel wird für Kinder zur Gefahr

Mammutlaster sind oft blinde Riesen. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen, weil Fahrer Kinder neben ihrem Laster schlicht nicht sehen können. Zwar gibt es mittlerweile moderne Sicherheitssysteme, doch längst nicht alle Fahrzeuge sind damit ausgerüstet. „Gerade beim Rechtsabbiegen ist die Unfallgefahr groß“, sagt Jörg Steckelberg.

Der Fahrlehrer arbeitet daran, dass sich das ändert. In dritter Generation betreibt der 49-Jährige eine Fahrschule mit drei Filialen in der Region Hannover – und steuert seit 2017 mit seinen Lastwagen regelmäßig Schulhöfe an.

In der Grundschule Groß Munzel, die auch Fionn und Matthes besuchen, ist er längst Stammgast. Einzeln dürfen die Kinder bei ihm ins Fahrerhaus klettern und sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes einen Überblick verschaffen.

Grundschüler verschaffen sich einen Überblick über den toten Winkel

„Es ist schon ein Unterschied, ob ein Kind vom toten Winkel nur im Unterricht hört, oder ob es die Erfahrung einmal selbst vom Lkw aus gemacht hat“, sagt Schulleiterin Elke Jasper. Es ist buchstäblich ein Perspektivwechsel, bei dem die Kinder den Platz des Fahrers einnehmen. „Der tote Winkel kann so groß sein, dass ganze Schulklassen darin verschwinden“, sagt die Schulleiterin. „Das zu sehen, ist immer wieder beeindruckend.“

In Deutschland ist die Zahl der Verkehrstoten zwar gesunken, von mehr als 19.000 im Jahr 1970 auf 3046 im Jahr 2018. Doch noch immer sind Verkehrsunfälle bei Kindern zwischen fünf und 14 Jahren weltweit die häufigste Todesursache. Die EU hat als Ziel ausgerufen, die Zahl der Verkehrstoten bis 2050 auf nahezu null zu bringen. „Bis dahin haben wir aber noch viel Arbeit vor uns“, sagt Fahrlehrer Steckelberg.

Das rollende Klassenzimmer entstand im Lkw

Die Idee zum rollenden Klassenzimmer wurde in einem Lastwagen geboren. „Der Sohn einer Schulsekretärin war bei uns in der Ausbildung, wir sprachen darüber – und dann beschlossen wir, angehende Berufskraftfahrer und Schulkinder zusammenzubringen“, sagt Steckelberg.

Schließlich ist der tote Winkel in Grund- und Fahrschulen gleichermaßen ein Thema. Nicht nur die Kinder lernen dabei, dass sie im Zweifel besser vorsichtig sein müssen. Denn Steckelberg nimmt auch die angehenden Kraftfahrer mit in die Schulen. „Die Fahrer sollen Gesichter vor Augen haben – Gesichter von Kindern, die neben ihnen an der Ampel stehen könnten.“

Nicht meckern, machen!

Schlechte Nachrichten gibt es genug. In unserer Serie „Nicht meckern – machen!“ erzählen wir deshalb eine Woche lang Geschichten, die Mut machen. Die Kieler Nachrichten haben zusammen mit der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“, dem „Hamburger Abendblatt“ und NDR Info nach Menschen gesucht, die im Norden etwas bewegen und Dinge zum Besseren verändern.

Auf dem Schulhof von Groß Munzel haben die Jungen und Mädchen ihre Lektion gelernt: „Ich dachte eigentlich, ein Lkw wäre wie jedes andere Auto auch“, sagt Fionn, „aber jetzt weiß ich, dass ich lieber Abstand halte und besonders vorsichtig bin.“ Nach der Unterrichtsstunde am Lenkrad sind eigentlich alle zufrieden.

Schulleiterin Jasper, weil die Kinder etwas fürs Leben gelernt haben: „Wir hoffen, dass möglichst viele Schulen solche Präventionsprojekte machen“, sagt sie. Fahrlehrer Steckelberg, wenn er auf die Bilder von Lastern schaut, die die Schüler für ihn gemalt haben: „Dieses Feedback ist unser Lohn“, sagt er. Und Fionn und seine Freunde sowieso. Mit breitem Lächeln verrät Fionn, warum: „Im Lkw zu sitzen macht eben mehr Spaß als Mathe.“

Von Simon Benne

KN-online (Kieler Nachrichten) 24.11.2020
Christian Hiersemenzel 24.11.2020