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Schleswig-Holstein Der Senioren-Chat überbrückt den Abstand
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"Nicht meckern, machen 2020": Der Senioren-Chat überbrückt den Abstand

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10:00 27.11.2020
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Roland Rühr vor seinem Laptop im Videochat mit Gerda Oberg. Quelle: SAMANTHA_FRANSON
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Hannover

Sie befassen sich gerade mit Youtube. Auf dem Videoportal gebe es Anleitungen zu allen möglichen Themen, sagt Roland Rühr. Wie man eine Fahrradkette repariert, wie man am besten Rosen beschneidet, mit welchen Zutaten man eine Torte backt – und wie das Ergebnis am Ende aussehen soll. Gerda Oberg schaltet sich ein, ihr Bild taucht auf Rührs Laptop-Bildschirm auf – Brille, Halskette, Knopf im Ohr: „Muss man sich bei Youtube anmelden?“

Die PC-AG-West tagt. Die Arbeitsgruppe ist eine von rund 15 in Hannover, in denen sich Senioren treffen, um die Geheimnisse der digitalen Welt zu verstehen. Es geht um das Internet, um die Smartphone-Bedienung, um Sicherheit beim E-Mail-Verkehr. In aller Regel organisieren sich diese Gruppen selbst – unterstützt von ehrenamtlichen Experten. Hilfe bekommen sie auch vom Kommunalen Seniorenservice Hannover.

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Treffen ab sofort im Internet

Die PC-AG-West mit zehn bis 20 Mitgliedern im Alter zwischen 65 und 80 plus, vor allem aus den Stadtteilen Ahlem, Davenstedt und Badenstedt, hat sich normalerweise in der Begegnungsstätte Ahlem getroffen. Seit Corona aber ist nichts mehr normal. Doch anders als viele andere Gruppen, die in der Pandemie pausieren, treffen sich die West-Senioren weiterhin – und zwar genau an dem Ort, den sie erkunden: im Internet. Sie rufen im Browser das kostenlose Videochat-Tool Jitsi Meet auf und reden miteinander über Videochats und diverses anderes. Learning by doing.

Die Internetverbindung hakt. Oberg beklagt den schlechten Ton, ihr Videobild ist ziemlich verpixelt. „Bei Jitsi muss man Abstriche machen“, sagt Rühr. „Aber dafür ist es kostenlos.“ Neue Konterfeis tauchen auf seinem Screen auf. Immer montags setzen sie sich virtuell für ein, zwei Stunden zusammen und beratschlagen, wie man Excel bedient, wo das Internet das beste Haushaltsbuch versteckt hält und wie der Computer eingestellt werden muss, damit das Headset funktioniert.

Nicht meckern, machen!

Schlechte Nachrichten gibt es genug. In unserer Serie „Nicht meckern – machen!“ erzählen wir deshalb eine Woche lang Geschichten, die Mut machen. Die Kieler Nachrichten haben zusammen mit der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“, dem „Hamburger Abendblatt“ und NDR Info nach Menschen gesucht, die im Norden etwas bewegen und Dinge zum Besseren verändern.

Teil 1: Das rollende Klassenzimmer

Teil 2: Die Rendsburger Helfer geben nicht auf

Teil 3: Ein Projekt ist Andreas Böhle zu wenig

Manchmal müssen sie dafür auch telefonieren. Oder sie bemühen den Team-Viewer, ein Programm, mit dem sich eine Person via Internet in den Computer einer anderen Person einschalten kann. Für solche Dinge ist Gernot Sander zuständig. Er stammt aus Hannover und ist nach seinem Berufsleben – davon 25 Jahre am Rechenzentrum der Uni Duisburg-Essen – in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Einmal im Monat instruiert er sie nun, spricht per Videochat über Online-Formulare und Scanner-Bedienung, und hinterher verschickt er eine leichtverständliche Powerpoint-Präsentation des Stoffs.

„Wichtig ist, dass man es selbst macht“, sagt Rühr. Einmal kam eine Frau mit einem neuen Tablet in die Gruppe und fragte, wie man damit Roland Kaiser hören kann? „Sie war so happy, als sie es hingekriegt hat“, erinnert sich Rühr. „Wenn man Erfolg hat, löst das Ängste.“ Wichtig sei, die digitale Welt „nicht als Feind, sondern als Hilfsmittel zu betrachten“.

Es geht bei den Videochats der Gruppe aber um weitaus mehr, denn besonders das Klönen sei wichtig – gerade in diesen Zeiten des Abstands. Oberg ergänzt, dass die Videochats zuallererst dazu dienen, die Gruppe zu erhalten, bis man sich wieder „richtig“ treffen könne. Denn das – der direkte Kontakt – sei das Wichtigste für die Gruppe.

Enkel schicken die Großeltern

So haben sich die AG-Senioren selbst eine digitale Überbrückung der Pandemie geschaffen. Susanne Beike vom Kommunalen Seniorenservice bestätigt, dass nur wenige andere Gruppen das Pandemie-Problem so gelöst haben. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten schon länger dabei sind – die West-AG besteht seit 2013. Die Impulse, dort mitzumachen, kämen übrigens meist gar nicht von den Senioren selbst, erzählt Rühr. „Es sind oft die Enkel, die sagen: Opa, du musst da mal ran.“

Von Bert Strebe (HAZ)

Frank Behling 27.11.2020
KN-online (Kieler Nachrichten) 27.11.2020