Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Nigerianerinnen in den Fängen der Menschenhändler
Nachrichten Schleswig-Holstein Nigerianerinnen in den Fängen der Menschenhändler
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:00 22.07.2019
Von Heike Stüben
Viele jungen Nigerianerinnen fliehen vor der islamistischen Terrormiliz Boko Haram in den Süden des Landes. Weil es dort keine Perspektiven für sie gibt, sind sie leichte Opfer für Menschenhändler. Quelle: STR
Anzeige
Boostedt

Die Frauen kommen aus Nigeria. Sie sind jung, sie sind häufig schwanger oder haben ein Baby. Es sind keine Kinder der Liebe. Doch darüber schweigen die Frauen meist. In den Flüchtlingsunterkünften in Schleswig-Holstein stellen diese Frauen die Betreuerinnen vor ganz neue Herausforderungen. Denn die Nigerianerinnen sind offenbar Opfer einer schwer nachweisbaren Form des organisierten Menschenhandels.

Das Phänomen ist in anderen Bundesländern seit Längerem bekannt. Schleswig-Holstein war damit bisher nicht konfrontiert, weil das Land nicht für Asylanträge von Menschen aus Nigeria zuständig war. Weil deren Zahl jedoch seit 2018 immer stärker steigt, teilt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BamF) seit diesem Jahr auch Schleswig-Holstein Menschen aus Nigeria zu. Sie stellen jetzt die sechstgrößte Gruppe und leben in den drei Landesunterkünften in Rendsburg, Neumünster und Boostedt.

Anzeige

Die Frauen leben in einem geschützten Bereich

In Boostedt sind es aktuell zwölf Nigerianerinnen. „Wir haben die Frauen hier in einem Gebäude in einem geschützten Bereich untergebracht“, sagt Anastasia Schoenrath, die Einrichtungsleiterin vom DRK in Boostedt. „Sonst wohnen bei uns alle Nationalitäten gemischt.

Aber in diesem Fall ist eine gesonderte Unterbringung notwendig, damit die Frauen aus Nigeria zur Ruhe kommen und sich sicher fühlen. Denn das hier ist meist der erste geschützte Raum, seit sie ihr Heimatland verlassen haben.“ Es sei ein langer Weg, bis sie überhaupt Vertrauen fassen und über ihre Erlebnisse berichten würden. Schuld daran ist vor allem Juju – ein Schwur, der die Frauen unter enormen Druck setzt.

Das Juju-Ritual ist ein großes Problem

Suzan Tepp von Contra, der Fachstelle gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein, berät aktuell etwa 20 Frauen, die ihr Schweigen gebrochen haben. „Auch wenn die Geschichten sehr unterschiedlich sind, lassen sich Muster erkennen“, sagt sie. Oft würden Mädchen und junge Frauen in Nigeria zunächst vor der islamistischen Terrormiliz Boko Haram in den Süden des Landes flüchten. Aber dort gibt es kaum Zukunftsperspektiven für sie.

Nigeria ist zwar reich an Öl, doch die Bevölkerung ist bitterarm. Bildung und Verdienstmöglichkeiten sind rar, die soziale Absicherung und Gesundheitsversorgung Privatsache. „Die jungen Frauen sind empfänglich dafür, wenn eine andere Frau sie anspricht, sich scheinbar aus Mitleid um sie kümmert und ihnen irgendwann eine gute Arbeit oder eine kostenlose ärztliche Behandlung in Europa verspricht“, sagt Suzan Tepp.

Die jungen Frauen würden dieser „Madame“ vertrauen und ihr folgen. Bevor sie gen Europa aufbrechen, müssen sie sich aber dem Juju-Ritual unterziehen. Dabei müssen sie Haare, Nägel oder Blut abgeben und schwören, dass sie alle Reisekosten zurückzahlen und alles tun werden, was ihnen aufgetragen wird.

Juju-Schwur setzt Frauen unter Druck

Juju-Schwur setzt Frauen unter Druck

Seit einigen Jahren wird in Deutschland gegen Menschenhändler aus Nigeria ermittelt, die Frauen mithilfe des Juju-Schwurs zu Prostitution gezwungen haben. Bereits 2017 hatte das Bundeskriminalamt insgesamt 16 nigerianisch dominierte Gruppen der organisierten Kriminalität im Visier – auch wegen Menschenhandels. Wie die Wiesbadener Behörde mitteilte, sind insbesondere drei Gruppen in Deutschland aktiv: die „Black-Axe“ (schwarze Axt) und zwei Bruderschaften, die sich „Supreme Eiye Confraternity“ und „Selected Brothers Of Germany“ nennen.

In Duisburg wurden im Januar dieses Jahres mehrere nigerianische Täter wegen Menschenhandels und Zwangsprostitution verurteilt – darunter auch eine Madame zu fünf Jahren Gefängnis. In Hessen wurden kürzlich zwei mutmaßliche Menschenhändler festgenommen, die der nigerianischen Mafia zugerechnet werden. Nach einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ hat der Bundesnachrichtendienst BND in einer vertraulichen Analyse vor der Ausbreitung von „äußerst brutal agierenden nigerianischen Strukturen der organisierten Kriminalität“ gewarnt.

Von den 1956 Personen, die in diesem Jahr in die Erstaufnahmen Neumünster, Boostedt und Rendsburg kamen, stammen 103 aus Nigeria. In den Vorjahren gab es in Schleswig-Holstein keine Aufnahmen aus dem westafrikanischen Land.

Auch Aberglaube spielt eine Rolle

„Zwar sind die Nigerianerinnen oft gläubige Christen, doch der Aberglaube ist in der Gesellschaft immer noch so stark verwurzelt, dass mit diesem Ritual eine starke psychische Abhängigkeit geschaffen werden kann“, sagt Nadine Schier vom Landesamt für Ausländerangelegenheiten. Die Menschenhändler müssen keine Waffen, keine körperliche Gewalt, keine Strafe anwenden.

Es reicht die Drohung aus dem Juju-Ritual, dass jede Zuwiderhandlung Konsequenzen für die junge Frau oder ihre Angehörigen hat – Krankheiten, Kinderlosigkeit, Wahnsinn, Unfälle oder sogar den Tod. „Die Frauen fürchten diese Strafe so sehr, dass sie sich gezwungen fühlen, den Schwur zu erfüllen“, sagt Suzan Tepp.

Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen

Die International Organisation Migration (IOM) bestätigt diese Vorgehensweise als typisch für die organisierte Kriminalität in Nigeria. Durch Schleuser würden die Frauen dann mit ihrer Madame nach Europa gebracht, meist nach Italien. Dort, aber auch in Frankreich oder Deutschland, würden sie gezwungen, die Schulden von mehreren Zehntausend Euro durch Prostitution abzuarbeiten. Die Madame fungiert dabei als Kontrollinstanz und als Vertraute. „Oft prostituiert auch sie sich, die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen. Die Drahtzieher dieses organisierten Menschenhandels bleiben im Dunkeln“, sagt Viviane Salzmann-El Bechri, Fachbereichsleiterin in Boostedt.

Ihre Zukunft ist und bleibt unsicher

Doch selbst wenn es den Frauen gelingt, sich aus der Zwangsprostitution zu befreien und in Deutschland Asyl zu beantragen, ist ihre Zukunft unsicher. Denn wenn sie in Italien bereits registriert worden sind, werden sie nach dem Dublin-Abkommen dorthin zurückgeschickt. Selbst wenn sie Angst und Scham überwinden und rechtzeitig über ihre Erfahrungen sprechen, können sie kein Asyl erhalten, wenn sie nicht schon im Heimatland die individuelle Verfolgung glaubhaft machen konnten. Damit bleibt eigentlich nur die Chance auf eine befristete Duldung. „Wenn die Frauen glaubhaft machen können, Opfer von Menschenhandel geworden zu sein, gibt es in der Theorie eine Bleibeperspektive – in der Praxis erleben wir das aber nicht“, sagt Anastasia Schoenrath.

Um über die besondere Problematik der Frauen und ihrer Kinder zu informieren, wurden deshalb alle beteiligten Stellen im Land zu einem runden Tisch zusammengeholt.

KN-online (Kieler Nachrichten) 23.07.2019