Notbetreuung wegen Corona: Kitas müssen viele Eltern abweisen
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Schleswig-Holstein Notbetreuung: Kitas müssen viele Eltern abweisen
Nachrichten Schleswig-Holstein Notbetreuung: Kitas müssen viele Eltern abweisen
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21:30 22.04.2020
Von Heike Stüben
Bisher waren in Schleswig-Holstein in der Notbetreuung maximal fünf Kinder pro Kita-Gruppe erlaubt. Jetzt dürfen es bis zu sieben - und auf Antrag auch bis zu zehn Kinder sein. So soll die wachsende Nachfrage nach Notbetreuung bewältigt werden.
Bisher waren in Schleswig-Holstein in der Notbetreuung maximal fünf Kinder pro Kita-Gruppe erlaubt. Jetzt dürfen es bis zu sieben - und auf Antrag auch bis zu zehn Kinder sein. So soll die wachsende Nachfrage nach Notbetreuung bewältigt werden. Quelle: Michael Reichel/dpa
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Kiel

Die Zahl der Kinder in Notbetreuung hat sich in Schleswig-Holstein seit dieser Woche verdoppelt – auf rund 5700 Kinder. Als die Kitas und Schulen Mitte März zum Schutz vor Corona geschlossen wurden, wurde die Notbetreuung nur spärlich genutzt.

„Doch nach dem Ende der Osterferien und mit der Öffnung zahlreicher Geschäfte und Betriebe hat sich das Betreuungsproblem bei Eltern massiv vergrößert. Auch die Arbeitgeber stehen unter Druck, weil sie ihre Mitarbeiter brauchen“, sagt Gesa Kitschke vom Awo-Landesverband.

„Dennoch müssen wir uns an die Vorgaben der Landesregierung halten und deshalb leider viele Kinder ablehnen, deren Eltern eine Notbetreuung benötigen.“

Arbeitgeber fordern Kinderbetreuung

Die Kitas müssten auch immer wieder Arbeitgeber abweisen, die für ihr Personal Kinderbetreuung einfordern. Da helfe es auch nichts, wenn der Chef eine Bescheinigung vorlegt, dass ein Mitarbeiter dringend in der Firma benötigt wird. Eltern fordern inzwischen ein Corona-Familiengeld, um Einkommenseinbußen mangels Kinderbetreuung zu lindern. 

Auch die Stadt Kiel appelliert an die Arbeitgeber, zusammen mit den Beschäftigten nach familienfreundlichen Lösungen zu suchen. „Wir wissen, dass auch in vielen Betrieben die Situation dramatisch ist. Aber bei uns fordern immer mehr Eltern eine Notbetreuung, weil sie sonst den Verlust ihres Arbeitsplatzes befürchten“, sagt die Kieler Bürgermeisterin Renate Treutel.

Welche Lösung sie vorschlägt? Pauschale Lösungen gebe es nicht. „Aber vielleicht können Väter und Mütter nur stundenweise oder zu unüblichen Zeiten arbeiten. Oder zwei Beschäftigte teilen sich die Kinderbetreuung.“

Notbetreuung unterschiedlich praktiziert

Insgesamt legen die Kitas im Land offenbar unterschiedlich aus, wer Notbetreuung bekommt und wer nicht. So hat ein Lkw-Fahrer, der Lebensmittel transportiert, nicht überall Anspruch auf eine Notbetreuung für sein Kind. In Kiel bekommt er dagegen einen Platz.

Begründung: Alleinerziehende oder Familien, bei denen ein Elternteil im systemrelevanten Bereich arbeitet, haben Anspruch auf Notbetreuung. Und zum systemrelevanten Bereich der Lebensmittelversorgung gehöre nicht nur das Personal an Kasse und im Verkauf, sondern auch jeder, der Lebensmittel transportiert und einräumt.

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Corona-Krise: Kinder nicht zu Verlierern machen

In der Landeshauptstadt werden zudem immer mehr Kinder aus schwierigen Verhältnissen in die Notbetreuung genommen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Jüngsten neben den Berufstätigen die Verlierer der Corona-Krise werden“, sagt Treutel. Folge: Die Zahl der Kita-Kinder in Notbetreuung hat sich in Kiel auf über 800 vervierfacht, die der Schulkinder auf 526 versechsfacht.

Insgesamt werden von 114.000 Kita-Kindern im Land aktuell nur knapp fünf Prozent betreut. Doch schon das stellt das Personal vor riesige logistische Probleme. „Wir bekommen ständig neue Ansagen – meist ändert das Land die Vorgaben am Freitagnachmittag und ab Montag gilt das dann schon. Da wünschen wir uns wirklich einen längeren Vorlauf“, sagt Gesa Kitschke.

Rückblick: Coronavirus in Schleswig-Holstein

Bis zu zehn Kinder pro Gruppe

Gerade wurde die Gruppengröße von fünf auf sieben Kinder erhöht. Wenn das nicht reicht, kann ein Antrag gestellt werden. Dann dürfen in einer Gruppe bis zu zehn Kinder betreut werden. Das ist notwendig, weil die Kapazitäten begrenzt sind - vor allem die Räume mit notwendigen hygienischen Vorrichtungen wie Waschraum und Wickelmöglichkeiten. Vor allem in den Städten gibt es deshalb bereits Anträge auf Zehner-Gruppen, heißt es im Sozialministerium.

Aber auch das Personal ist in vielen Kitas nicht komplett einsetzbar, weil Fachkräfte selbst oder Angehörige zu Risikogruppen gehören. In Kiel war in einer Kita nur noch eine Erzieherin einsetzbar. Um die Notbetreuung sicherzustellen, springt nun Personal aus anderen Einrichtungen ein. Solche gegenseitige Hilfe verlangt die Stadt – im Gegenzug zahlt sie den Trägern weiter die Betriebskosten.

Personal fühlt sich benachteiligt

Für das Personal ist aber der organisatorische Aufwand das Hauptproblem. Die Gruppen dürfen sich nicht begegnen, Eltern müssen gestaffelt und möglichst über verschiedene Zugänge ihre Kinder bringen und abholen, müssen dafür Überschuhe anziehen und Hände desinfizieren.

Es gibt auch Kritik daran, dass vielerorts das Kita-Personal keine Masken tragen soll, weil es die Kinder verstören kann, vor allem aber die Kommunikation über die Mimik behindert.

„Wir haben schon den Eindruck, dass wir für die Politik nicht so schützenswert sind wie andere. Abstandhalten können wir nicht, Masken sollen wir auch nicht nutzen – da wird mit zweierlei Maß gemessen“, klagt eine Erzieherin.

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