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Schleswig-Holstein Online-Glücksspiel: Politik in SH feiert, Experten warnen
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19:34 20.02.2020
Von Bastian Modrow
Bislang ist Online-Glücksspiel nur in Schleswig-Holstein erlaubt. Das soll sich nach Plänen der Ministerpräsidenten aller Bundesländer ab 2021 ändern.  Quelle: Thomas Eisenkrätzer/ Carsten Rehder/dpa
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Kiel

Schleswig-Holstein ist so etwas wie der Vorreiter, wenn es um die Regulierung des Glücksspielsmarkts im Internet geht. 2011 hatte die damalige Landesregierung den Weg frei gemacht für Online-Angebote – mit dem Ziel, virtuelle Glücksspiele zu legalisieren, sie durch die Verteilung von Lizenzen zu kontrollieren und nebenbei Kasse zu machen. Jährliche Mehreinnahmen von 50 bis 60 Millionen versprach sich die Politik von dem Deal.

Online-Glücksspiel: Daniel Günther (CDU) warb für bundesweite Regelung

In allen anderen Bundesländern blieb es zunächst bei dem Verbot virtueller Glücksspiele. Das soll sich nun ändern: Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hat erfolgreich bei seinen Amtskollegen der übrigen 15 Bundesländer dafür geworben, nach Auslaufen des aktuellen Glücksspielstaatsvertrages 2021 eine neue Fassung auf den Weg zu bringen. Im Landtag sammelte Günther am Donnerstag schon einmal die Unterstützung des Parlaments ein.

Hintergrund: Der reformierte Staatsvertrag, der bislang nur als Entwurf vorliegt, wird zunächst auf Bundesebene, später dann in erster und zweiter Lesung im Landesparlament diskutiert.

Innenminister Grote: Mehr Schutz gegen Spielsucht

Der zuständige Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) zeigte sich im Plenum davon überzeugt, dass die Änderungen nach schleswig-holsteinischem Vorbild eine erfolgreiche Regulierung von Glücksspielarten ermöglichen werden. „Die erklärten Ziele des Glücksspielstaatsvertrags sind Suchtprävention, Spieler- und Jugendschutz“, argumentierte der Minister.

Die Landesregierung habe sich in den bisherigen Verhandlungen intensiv für eine Regulierung eingesetzt, die diesen Zielen tatsächlich gerecht wird. Für Glücksspiele im Internet sollen laut Entwurf beispielsweise zum Schutz der Spieler vor finanziellen Folgen von Spielsucht die Einzahlungen auf 1000 Euro pro Monat limitiert werden. In einer Sperrdatei sollen Zocker mit Selbst- oder Fremdsperre erfasst werden.

Jamaika feiert "großen Erfolg"

Im Landtag feierte sich die Jamaika-Koalition schon einmal vorab. „Das ist ein besonderer Tag für mich – seit nunmehr 16 Jahren beschäftigen wir uns in der Fraktion mit dem Thema“, frohlockte Hans-Jörn Arp (CDU).

Auch FDP-Innenpolitiker Jan-Marcus Rossa jubilierte: „Wir können stolz auf die Arbeit unserer Landesregierung sein, dass es ihr in zähen Verhandlungen gelungen ist, legales Online-Glücksspiel in ganz Deutschland zu ermöglichen.“ Lars Harms, dessen SSW die Neuregulierung mitträgt, bekannte gar: „Auf der einen Seite lassen wir ein beschränktes und reglementiertes Angebot zu und auf der anderen Seite bekämpfen wir illegale Angebote. Vernünftiger kann man an die Sache eigentlich nicht herangehen.“

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Kritik gab es im Landtag allein von der SPD, die sich vor allem am verfrühten Zeitpunkt der Diskussion störte. „Sie wollen hier eine Jubelarie abziehen und nicht die Argumente hören“, empörte sich Innenpolitiker Kai Dolger und sprach von einem „Schaufensterantrag“.

Online-Glücksspiel: Suchtexperten sind skeptisch

Mit großer Skepsis verfolgt Kai Sachs, Geschäftsführer der Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein (LSSH), die politische Entwicklungen. „Natürlich ist es gut, Glücksspiel aus der Illegalität zu holen, aber es gibt viel zu viele offene Fragen“, sagt der Experte.

Ihm sei völlig unklar, welche rechtlichen Sanktionsmaßnahmen für Anbieter geplant seien. Häufig hätten diese ihre Firmensitze im Ausland. „Wie will man kontrollieren, wie alt die Online-Gamer tatsächlich sind? Wie sollen die angekündigten Sperren funktionieren?“, fragt Sachs. Die 1000-Euro-Begrenzung klinge zwar gut, sei aber für Spielsüchtige, die ein wenig findig sind, leicht zu umgehen.

Onlin-Glücksspiel

2,63 Milliarden Euro sind 2018 allein Deutschland in nicht regulierten Online-Casinos umgesetzt worden – zum Vergleich: Im Jahr zuvor waren es noch 1,76 Milliarden Euro gewesen. Obwohl in Deutschland (mit Ausnahme Schleswig-Holsteins) Internet-Glücksspiele verboten sind, gab es zuletzt mehr als 750 Casino-Angebote im Netz. Zum Vergleich: Laut Landesregierung hatten sich 2019 zwölf verschiedene Anbieter in Schleswig-Holstein eine Lizenz für Online-Angebote eingeholt.

Bei Suchtexperten gelten virtuelle Spielautomaten als besonders gefährlich. „Anders als in der Spielhalle brauche ich kein echtes Geld, kann rund um die Uhr auf dem Smartphone oder am Computer spielen“, sagt Kai Sachs von der LSSH. User verlieren umso mehr den Überblick, da in den Spielen häufig mit Credits oder Coins in fiktiven Wertigkeiten gerechnet wird. So erhalten Nutzer beispielsweise für 50 Euro, die per Kreditkarte abgerechnet werden, 100 virtuelle Spielmünzen. Das Angebot an Online-Spielen ist gewaltig – von klassischem Poker oder Roulette bis zum Glücksrad und "Wer wird Millionär".

Mehr Spielsüchtige durch Online-Casinos

Schon jetzt funktioniere die Kontrolle des in Schleswig-Holstein zugelassenen Glücksspiels nicht. „Anbieter werben im Fernsehen intensiv für ihre ,Glücksspiele für SH’, weisen darauf hin, dass diese Angebote nur für Nutzer mit Wohnsitz oder häufigem Aufenthalt in Schleswig-Holstein gelten, nur überprüft wird dies nicht“, argumentiert Sachs. Mit Sorge beobachtet er die Zunahme von Spielsüchtigen im Land: „Wir haben einen Zuwachs von zwei bis drei Prozent, vor allem bei den jungen Männern.“ 

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