Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein EU senkt Fangquote für Ostsee deutlich
Nachrichten Schleswig-Holstein EU senkt Fangquote für Ostsee deutlich
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:46 15.10.2019
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Die erlaubte Fangmenge beim Hering soll um 65 Prozent und beim Dorsch um 60 Prozent gesenkt werden. Quelle: Jens Büttner/dpa
Kiel

Wie in der Nacht bekannt wurde, soll die erlaubte Fangmenge beim Hering um 65 Prozent und beim Dorsch um 60 Prozent gesenkt werden.

Vor dem Treffen waren sogar noch stärkere Kürzungen im Gespräch. So empfahl der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) im Mai noch einen Fangstopp für den östlichen Dorsch und den westlichen Hering.

Fangquoten werden unter den EU-Staaten verteilt

Die EU-Fischereiminister legen in jedem Jahr die sogenannten zulässigen Gesamtfangmengen fest. Die EU-Kommission macht dafür Vorschläge auf der Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen, in denen der Zustand einzelner Bestände untersucht wird. Ein Bestand ist eine Fischart in einem bestimmten Gebiet.

Die Gesamtfangmengen werden unter den EU-Staaten dann als nationale Quoten verteilt. Wenn das in einer Quote erlaubte Kontingent ausgeschöpft wurde, darf das jeweilige Land dort vorübergehend keine Fische mehr fangen. In den Verhandlungen geht es grundsätzlich darum, eine Balance zwischen dem Schutz der Bestände und den Interessen und Bedürfnissen der Fischfangindustrie zu finden.

Fangquote: Das Aus der Ostsee-Fischerei?

Der Landesfischerei-Verband Schleswig-Holstein befürchtet, dass viele Betriebe an der Ostseeküste pleitegehen. Die Kürzungen beim Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee träfen die Fischereibetriebe schwer, sagt der stellvertretende Vorsitzende Benjamin Schmöde. Diese Arten seien die Haupteinnahmequellen der Fischer in Schleswig-Holstein. Für bis zu 20 Betriebe im Land könnten die Kürzungen das Aus bedeuten, sagt Schmöde.

An Schleswig-Holsteins Ostseeküste gibt es noch etwa 60 Fischereibetriebe, in Mecklenburg-Vorpommern noch knapp 230. Nach Angaben des Fisch-Informationszentrums Hamburg wurden im vorigen Jahr 86 Prozent des in Deutschland verbrauchten Fisches importiert.

„Wir brauchen jetzt einen unbürokratischen Einsatz der vorhandenen Mittel für unsere Fischer", sagt auch Niclas Herbst, Europaabgeordneter aus Schleswig-Holstein. "Der EU-Rechtsrahmen darf sozialverträglichen Unterstützungsmaßnahmen nicht im Wege stehen! Wir dürfen in dieser krisenhaften Situation, die nicht durch Überfischung entstanden ist, die Fischer nicht alleine lassen!"

Mehr Lesen:Kommentar zur Krise der Fischerei

Doch nicht nur Berufsfischer, sondern auch Freizeitangler dürfen in Zukunft weniger Dorsch fangen.
Nach NDR-Angaben sind für sie künftig nur noch fünf statt sieben Dorsche pro Tag erlaubt. Im Februar und März sollen es sogar nur zwei sein.

Der Landessportfischerverband gibt zu bedenken, dass die bisherige Quote bei Angeltouren in der Regel sowieso nicht ausgeschöpft werden kann.

"Grundsätzlich muss man sagen, dass die Fünf auch nichts bringt", sagt auch Dennis Valentin vom Angler-Fachmarkt Fisherman's Partner in Kiel-Russee. "Wenn man die Bestände wirklich schützen will, hätte man den Fang schon komplett dicht machen müssen."

Dass es in der Ostsee von Dorschen nicht mehr so wimmelt, ist aus Sicht von Valentin aber nicht nur die Schuld der Fischer, sondern hänge auch mit den Nährstoffeinträgen aus der Landwirtschaft zusammen. Diese hätten das Fischsterben der letzten Jahre begünstigt und so dazu beigetragen, dass viele Kutter in der Förde aufgeben mussten, weil sich Angelfahrten schlicht nicht mehr lohnten.

Um den Fortbestand der Angelfahrten sorgt sich auch der Europaabgeordnete Herbst: "Aus guten Gründen hatten wir uns für einen Verbleib von sieben Dorschen beim Baglimit eingesetzt. Es bleibt abzuwarten, ob unsere Tourismusregion den heutigen Beschluss verkraften kann. Die Sieben war weitestgehend eine psychologische Ziffer, ob das auch noch für die Fünf gilt, ist sehr zweifelhaft."

EU-Kommissar Karmenu Vella: "ernste kurzfristige Wirtschaftsfolgen"

Es seien schwierige aber notwendige Entscheidungen gewesen, sagte EU-Fischereikommissar Karmenu Vella nach der Einigung. "Viele baltischen Fischbestände und Ökosysteme sind in einem alarmierenden Zustand." Es gebe Sorgen um die Umwelt aber auch um an der Ostsee gelegene Gemeinden, die für ihren Lebensunterhalt auf diese Ökosysteme angewiesen seien.

Mehr lesen:Darum geht es dem Hering so schlecht

"Es wird ernste kurzfristige Wirtschaftsfolgen für einige Fischer geben", sagte Vella weiter. Die Kommission werde daher Hilfsmöglichkeiten prüfen. Zum ersten Mal gebe es außerdem eine schriftliche Erklärung der Ostsee-Staaten, weitere Ursachen für den schlechten Zustand der Dorschbestände anzugehen, sagte er. Dazu zählten etwa Verschmutzungen und Lebensraumverschlechterungen durch Industrie und Landwirtschaft.

Umweltschützer fordern Fangverbot

Umweltschützer reagierten weitgehend enttäuscht. Für den Dorsch in der östlichen Ostsee sei ein absolutes Fangverbot nötig, um den dezimierten Bestand zu retten, teilte die Meeresschutzorganisation Oceana mit. Auch für den westlichen Hering müsse ein Fangverbot verhängt werden, um gravierende Folgen zu verhindern. Die Reduzierungen beim westlichen Dorsch seien hingegen zu begrüßen, erklärte Oceana-Europadirektorin Pascale Moehrle.

Auch die Umweltorganisation WWF hat die beschlossenen Fangmengen für die Ostseefischerei als zu hoch kritisiert. "Mit einem kollabierenden Ökosystem kann man keinen Kompromiss schließen", sagt Fischereiexpertin Stella Nemecky. Wegen steigender Wassertemperaturen und sinkender Sauerstoffkonzentration überlebten weniger Fischlarven, sodass kaum Nachwuchs für die überfischten Bestände heranwachsen könne.

Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und die Initiative Our Fish bewerten die Entscheidung als verantwortungs- und rücksichtslos angesichts des ohnehin kritischen Zustands der Fischpopulationen in der Ostsee. "Statt den schwindenden Fischpopulationen in der Ostsee durch ein Aussetzen der Fischerei eine Chance zur Erholung zu geben, verringern die Minister mit ihren viel zu hohen Fangquoten die Überlebenswahrscheinlichkeit der sich in kritischen Zustand befindenden Dorsch- und Heringspopulationen. Die beschlossenen Fangmengen stehen nicht im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben", sagt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH.

Deutschland für geringere Senkung der Quote

Deutschland hatte sich zuvor noch gegen aus seiner Sicht übermäßige Senkungen der Fangquoten gewehrt. "Angesichts der sozio-ökonomischen Auswirkungen einer so drastischen Kürzung schlagen wir (...) eine geringere Senkung der Fangmenge als die von der Kommission vorgeschlagenen 71 Prozent vor", sagte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) vor den Verhandlungen mit Blick auf den Heringsfang in der westlichen Ostsee.

Mehr lesen:Forscher zur Zukunft der Fischerei

Auch die von der EU-Kommission für den Freizeit-Dorschfang vorgeschlagene Höchstmenge von zwei Exemplaren pro Tag bezeichnete Klöckner als nicht akzeptabel. "Dies könnte einer Schließung des Angeltourismus an der deutschen Ostseeküste gleichkommen."

Mehr zur Fangquote finden Sie auf unserer Themenseite.

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein lesen Sie hier.

Viele Jahre lang hatte der Seeadler einen schweren Stand. Nicht nur in Schleswig-Holstein war er fast ausgerottet. Seit einigen Jahren erholen sich die Bestandszahlen. Es lauern aber neue Todesfallen.

15.10.2019

Hunderttausende Tonnen an Munition, chemischen und konventionellen Waffen aus Weltkriegszeiten liegen auf dem Grund der deutschen Nordsee, oft auch in versenkten Kriegsschiffen. Forscher nehmen die Wracks unter die Lupe. Dabei spielen auch Muscheln eine Rolle.

15.10.2019

Die akademische Ausbildung an einer Universität ist für junge Schleswig-Holsteiner weiterhin die erste Wahl. Die Ausbildungsbetriebe leiden unter dieser Entwicklung, weil sich immer weniger Schulabgänger um einen Ausbildungsplatz bewerben. Zum Start des Wintersemesters begrüßte die CAU am Montag 5376 neue Studenten.

Sebastian Ernst 15.10.2019