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Schleswig-Holstein Baby vergiftet: Klinik trifft Mitschuld
Nachrichten Schleswig-Holstein Baby vergiftet: Klinik trifft Mitschuld
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22:45 29.11.2019
Von Thomas Geyer
Gerd S. wurde wegen Kindesmisshandlung bereits 2015 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Quelle: Bernd Settnik
Kiel

Acht Mal wurden die Eltern aus dem Kreis Segeberg mit der kleinen Alina (Name geändert) seit Dezember 2013 im Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) Neumünster vorstellig. Weil man es dort trotz alarmierender Hinweise bis Ende Mai 2014 unterließ, das Kind auf eine Vergiftung zu untersuchen, muss die Klinik ihm jetzt 8000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Die Entscheidung der 8. Zivilkammer (AZ: 8 O 254/16) ist vorläufig vollstreckbar, aber noch nicht rechtskräftig, teilte gestern ein Gerichtssprecher mit. Die Frist für eine Berufung beim Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht in Schleswig läuft noch.

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Die strafrechtliche Seite des Falles ist längst abgeschlossen: Alinas Vater wurde im Juli 2015 vom Landgericht Potsdam wegen versuchten Mordes, Misshandlung Schutzbefohlener und gefährlicher Körperverletzung zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der damals 37-jährige Tierpfleger habe das eigene Kind mit Desinfektionsmitteln vergiftet, um den fürsorglichen Vater spielen zu können und von seinem eigenen Versagen abzulenken.

Die Richter sprachen von einem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Der Vater war vorbestraft und hatte kein Sorgerecht für seine Tochter. Doch auch die offenbar ahnungslose Mutter stand kurzzeitig unter Tatverdacht: Vier Wochen nachdem das Krankenhaus Alina in eine Spezialklinik in Brandenburg überwiesen hatte, wurden beide Eltern festgenommen – am Tag bevor sie ein Jahr alt wurde.

Klinik hätte dem Kind Leiden ersparen können

Zuvor hatte Alina nur mit Not die heimtückischen Giftattacken des Vaters überlebt, der seine Anschläge in Brandenburg bis Ende Juni 2014 fortsetzte. Sogar über eine Magensonde flößte er ihr Desinfektionsmittel ein. Das Mädchen fiel ins Koma, schwebte in Lebensgefahr. Nun endlich ordneten die Ärzte eine Blutuntersuchung auf Alkohol an. Als das Ergebnis (1,3 Promille) vorlag, alarmierte der Chefarzt umgehend Polizei und Jugendamt.

Eine rechtzeitige Untersuchung auf toxische Stoffe durch das Neumünsteraner Klinik hätte dem Kind erhebliche Leiden ersparen können, urteilten die Kieler Richter. Zumal dort eine Kinderkrankenschwester den richtigen Verdacht geäußert habe. Auch anderen fiel auf, dass sich das Baby vom Klinikpersonal bereitwillig füttern ließ, gegenüber den Eltern jedoch die Nahrungsaufnahme verweigerte. Laut Urteil erholte sich das Kind während seiner Klinikaufenthalte immer wieder. Doch nach der Entlassung dauerte es meist wenige Tage bis zur nächsten stationären Aufnahme. Dann dokumentierten die Ärzte erneut Reizungen der Mundschleimhaut, die sich teilweise ablöste.

Landgericht sieht organisatorisches Versagen

Weil die Ärzte hierfür keine medizinische Erklärung fanden, hätten sie das vor Schmerzen wimmernde Kind auf eine Vergiftung hin untersuchen müssen, so das Urteil. Spätestens ab dem 21. April 2014 – Alinas siebtem Klinikaufenthalt – sieht das Gericht einen groben Behandlungsfehler bei der Befunderhebung.

Nach Überzeugung der Mutter hätten die Ärzte schon vier Wochen früher bei der dritten stationären Aufnahme Verdacht schöpfen müssen. Sie hatte 15000 Euro Schmerzensgeld für Alina gefordert und sah auch den Chefarzt, den Oberarzt und die leitende Stationsoberärztin in der Pflicht.

Das Landgericht fand jedoch „keine Anknüpfungspunkte für eine individuelle Haftung“ und sprach von einem organisatorischen Versagen. Bleibende Schäden habe Alina nicht erlitten, folgerten die Richter. Das heute sechsjährige Mädchen besuche „nunmehr mit gleichaltrigen Kindern unbeschwert den Kindergarten“.

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