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Schleswig-Holstein Verteidiger lehnt Einstellung ab
Nachrichten Schleswig-Holstein Verteidiger lehnt Einstellung ab
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17:06 29.07.2019
Von Bastian Modrow
Detlef H., Angeklagter und früherer Leiter der Lübecker Außenstelle der Opferschutzorganisation Weißer Ring, steht in Lübeck vor Gericht. Quelle: Daniel Bockwoldt
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Lübeck

Die Folge: Nun sollen weitere fünf Zeugen gehört, die Plädoyers frühestens Anfang September gehalten werden.

Staatsanwaltschaft wollte Verfahren einstellen

Wäre es nach Staatsanwältin Magdalena Salska gegangen, wäre der Prozess gegen Detlef H. seit Montag zu Ende. Hinter verschlossenen Türen diskutierte sie mit Richterin Andrea Schulz, Nebenklage und Verteidigung die Einstellung des Verfahrens gegen den pensionierten Polizisten.

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Mehr als zwei Dutzend Frauen hatten Anfang 2018 schwere Belästigungsvorwürfe gegen den Opferschützer erhoben. Tatsächlich vor Gericht landete nur ein Fall: Im April 2016 soll der heute 74-Jährige sich vor einer hilfesuchenden Mutter von fünf Kindern entblößt und die Klientin aufgefordert haben, ihm ihre Brüste und ihre Scham zu zeigen.

Verteidiger lehnt den Deal ab

Der Anwalt der 41-jährigen Dora M., die als Nebenklägerin im Verfahren auftritt, hätte dem Deal der Staatsanwaltschaft zugestimmt - Verteidiger Oliver Dedow allerdings nicht. Er will für Detlef H. einen Freispruch erzielen und keine Verfahrenseinstellung mit Geldzahlung.

Und die Chancen stehen nicht schlecht: Nachdem die psychiatrische Gutachterin der Geschädigten bereits in der vergangenen Sitzung nur "bedingte Glaubwürdigkeit" attestiert hatte, legte die Expertin Gabriele Reichert gestern noch einmal nach: "Man muss das Kerngeschehen, sprich: die angeklagte exhibitionistische Handlung im Gesamtkontext sehen und die hat die Zeugin widersprüchlich dargestellt", betonte die Psychologin. Sie attestierte Dora M., sich verbal gut darstellen zu können, mahnte allerdings auch, dass dadurch die Möglichkeit bestehe, Beteiligte auf die falsche Fährte zu locken.

Zeuge der Stadtwerke belastet Opfer

Als Zeuge hätte am Montag auf Antrag der Staatsanwaltschaft Lübeck eine Mitarbeiterin des Weißen Rings aussagen sollen, der der Beschuldigte vor längerem einen Kuss aufgedrängt haben soll. Die Frau erschien nicht vor Gericht, sei krank und zurzeit nicht vernehmungsfähig. Umso mehr hatte der Zeuge der Verteilung mitzuteilen: Wortreich berichtete der Leiter des Bereichs Forderungen der Stadtwerke Lübeck über seine Erfahrungen mit Dora M. und ihrer Familie.

Trotz tausender Fälle, in denen säumigen Zahlern Wasser und Strom abgeklemmt werden müssten, erinnerte er sich genau an die 41-Jährige. Sie habe an mehreren Adressen "nie ihre Miete gezahlt", sagte der 57-Jährige. Zweimal musste der Familie M. das Wasser abgeklemmt werden. "Der Fall war außergewöhnlich, weil anders als in den meisten Fällen die Familie M. über ein erhebliches finanzielles Haushaltseinkommen von monatlich 4900 Euro verfügte", sagte der Stadtwerke-Mitarbeiter. Weshalb trotzdem keine Rechnungen bezahlt wurden, habe er nicht verstanden.

Mitarbeiter soll Tochter genötigt haben

"Wir haben immer versucht, der Familie finanzielle Brücken durch Ratenzahlungen zu bauen. Persönlich betroffen gemacht hat mich, als Frau M. mich anzeigte, weil ich angeblich ihre 13 Jahre alte Tochter am Telefon genötigt haben sollte", berichtetet der Zeuge. Bei den Stadtwerken habe man sich 2017 gesorgt, "dass Frau M. hoffentlich nicht auf die Idee kommt, einem noch sonst was anzuhängen." 

Die Ermittlungen gegen den Stadtwerke-Mitarbeiter wurden eingestellt - ebenso wie die Recherchen des ARD-Magazins "Monitor", das Dora M. um Hilfe gebeten hatte. "Die Journalisten arbeiteten an der Geschichte, dass ein Energieunternehmen eine sechsköpfige Familie im Dunkeln und ohne Wasser sitzen lässt, aber das konnten wir glücklicherweise durch Transparenz aufklären", sagte der Zeuge.

Prozess gegen Detlef H. wird im August fortgesetzt

Der Prozess wird am 19. August 2019 fortgesetzt. An dem Termin soll es nach Angaben der Richterin um die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Angeklagten gehen. Als weitere Verhandlungstage sind der 29. August, der 30. August und der 9. September geplant.