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Schleswig-Holstein Prozessauftakt: 26-Jähriger soll auf anderen Bewohner eingestochen haben
Nachrichten Schleswig-Holstein

Prozessauftakt nach blutigen Stichen in der Landesunterkunft Boostedt

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17:30 17.12.2021
Von Florian Sötje
Vor der achten Strafkammer am Landgericht Kiel hat der Prozess gegen einen 26-jährigen Ägypter begonnen. Er soll im Juli in der Flüchtlingsunterkunft Boostedt mehrmals auf einen anderen Bewohner eingestochen haben.
Vor der achten Strafkammer am Landgericht Kiel hat der Prozess gegen einen 26-jährigen Ägypter begonnen. Er soll im Juli in der Flüchtlingsunterkunft Boostedt mehrmals auf einen anderen Bewohner eingestochen haben. Quelle: Florian Sötje
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Kiel

Vor der achten Strafkammer am Landgericht Kiel begann am Freitag der Prozess gegen einen 26-jährigen Ägypter. Der Mann soll am späten Abend des 7. Juli in der Boostedter Flüchtlingsunterkunft nahe Neumünster mit einer 20 Zentimeter langen Büroschere mehrmals auf einen anderen Bewohner eingestochen haben. Dieser erlitt lebensbedrohliche Verletzungen und lag mehrere Tage auf der Intensivstation.

Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage von einem heimtückischen Angriff und einer Tötungsabsicht des 26-Jährigen aus. So habe er sein 23-jähriges Opfer von hinten angegriffen, ohne dass dieser sich hätte wehren oder die Attacke erahnen können. Allerdings sei die Bluttat im Zustand der Schuldunfähigkeit geschehen.

Angriff in Boostedt: Angeklagter war vor der Tat kurz in medizinischer Behandlung

Denn den Angeklagten plagen offenbar Wahnvorstellungen. Wenige Tage vor der Tat war er in einer nahe gelegenen Klinik wegen einer „wahnhaften psychischen Störung“ kurzzeitig behandelt worden. Gegen die Empfehlung der Ärzte brach er die stationäre Behandlung aber nach nur einem Tag ab. Von einer Gefahr für sich selbst oder für andere waren die behandelnden Ärzte damals nicht ausgegangen.

Seit der Tat am 7. Juli ist der Ägypter in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. In einer Untersuchung am 8. Juli kam man nun zu dem Schluss, dass von ihm eine „akute Fremdgefährdung“ ausgehe, sollte er wieder auf sein Opfer oder andere Bewohner in der Flüchtlingsunterkunft treffen.

26-jähriger Angreifer in der Flüchtlingsunterkunft sah sich selbst als Opfer

Den Grund für seine Aggression erläuterte der 26-Jährige vor der achten Strafkammer selbst. Er ist überzeugt, dass sein späteres Opfer ihn in den Tagen zuvor mehrmals im Schlaf vergewaltigt hatte. Deswegen war er auch am 25. Juni zur Polizei in Boostedt gegangen, um die Vergewaltigung anzuzeigen.

Der Polizist, der den Fall betreute, sagte am ersten Verhandlungstag vor der Kammer als Zeuge aus. Er habe mehrfach mit dem 26-Jährigen, den offenbar Angstzustände plagten, zu tun gehabt. Andere Bewohner seien besorgt gewesen, wollten räumlich getrennt vom Angeklagten untergebracht werden. „Er erzählte selbst von einem Problem in seinem Kopf“, berichtete der Polizist. Er habe dann Kontakt mit dem ärztlichen Dienst aufgenommen, um dem 26-Jährigen zu helfen. „Auf mich wirkte er eher verängstigt als aggressiv und unzufrieden mit seiner Situation“, so der Zeuge.

Nach seiner späteren Festnahme war der 26-Jährige auch auf Folgen möglicher Vergewaltigungen untersucht worden. Verletzungen waren laut Untersuchungsakte aber nicht erkennbar gewesen.

26-Jähriger attackierte, als Opfer EM-Halbfinale auf dem Handy verfolgte

Noch am Tag des Angriffs mit der Büroschere war der Angeklagte erneut bei der Polizei aufgetaucht, um einen Einbruch in seinem Zimmer zu melden. Er habe „gefühlt“, dass eingebrochen wurde, berichtete der Polizist. Anzeichen für einen Einbruch habe es aber nicht gegeben. Doch offenbar fühlte sich der 26-Jährige bedroht. Denn nur wenige Stunden später kam es zur blutigen Attacke.

Das 23-jährige Opfer schaute an diesem Abend mit zwei weiteren Bewohnern der Unterkunft das Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft zwischen England und Dänemark. Während der Übertragung soll der 26-jährige Ägypter ins Zimmer gekommen und sich hinter die Gruppe gesetzt haben, um sich mit einem Messer aus Kunststoff ein Brot zu schmieren. Doch plötzlich habe er mit dem Messer am Hals des 23-Jährigen entlang geschnitten. Das sagten sowohl der 23-Jährige als auch weitere Zeugen am Freitag vor Gericht aus.

Nachdem sie ihn aus dem Zimmer geworfen hätten, sei er in den Waschraum gegangen, um die Stelle am Hals sauber zu machen, berichtete der 23-Jährige im Zeugenstand. Dort habe ihn der Angeklagte erneut von hinten angegriffen – dieses Mal mit der 20 Zentimeter langen Büroschere – und ihm in die Schultern, die Brust und in die Hand gestochen. „Warum? Das weiß ich nicht“, sagte er.

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Nach seiner Aussage floh er in ein anderes Gebäude, der Angreifer habe ihn aber mit der Schere in der Hand weiter verfolgt. Erst in dem Gebäude konnten andere Bewohner den Angreifer offenbar überwältigen. Er habe seit der Attacke psychische Probleme, fühle sich nicht sicher, berichtete der 23-Jährige. „Ich habe Angst vor meinem Schatten.“ Der Prozess am Kieler Landgericht wird am 22. Dezember fortgesetzt. Das Urteil soll am 7. Januar verkündet werden.