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Schleswig-Holstein Woher kommt der Hass? Ein Aussteiger packt aus
Nachrichten Schleswig-Holstein Woher kommt der Hass? Ein Aussteiger packt aus
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12:38 02.12.2019
Von Julia Carstens
Die Zahl der rechtsextremen Gewalttäter in Schleswig-Holstein sinkt – doch die Szene radikalisiert sich, sagen Experten. Quelle: Bernd Thissen/dpa (Symbolfoto)
Kiel

Ein schöner Novembertag im nördlichen Schleswig-Holstein. Die Sonne lässt den See funkeln. Björn K. sitzt auf einer Bank und schaut zwei Hunden beim Toben zu. Als sie auf ihn zustürmen, streichelt er ihr Fell und lächelt. Er atmet tief durch. Gleich will er erzählen, warum er schon als Siebenjähriger einen dunkelhäutigen Mitschüler mit einem Messer attackierte. Wie er später ein rechtes Netzwerk in Berlin aufbaute und warum er in Schleswig-Holstein linke Jugendliche jagte. Woher all dieser Hass kam und wer ihm geholfen hat, davon loszukommen.

Darüber zu sprechen, fällt ihm nicht leicht. Zu Beginn bleibt sein Blick gesenkt. "Einige wissen, dass ich ein Nazi war, aber kaum einer kennt meine Geschichte", sagt er mit dann doch erstaunlich fester Stimme. Um K. zu schützen, haben wir seinen Namen geändert. Auch sein Wohnort wurde anonymisiert.

Mit 27 Jahren stand K. schon zweimal vor Gericht

K. sieht nicht aus wie ein typischer Schläger. Er ist kräftig gebaut, aber nicht sehr groß. Wer ihn im Ort trifft, wird nicht gleich die Straßenseite wechseln. Aber sein Leben hat Spuren hinterlassen – an ihm und an denen, die er bedroht, geschlagen und drangsaliert hat. Sein rundliches Gesicht ist tätowiert, unter den Augen liegen Schatten. Er sieht älter aus, als er ist. Aber er ist auch stolz: Darauf, dass der Hass nicht mehr sein Leben bestimmt. "Es geht mir gut", sagt er. K. ist 27 Jahre alt und stand schon zweimal vor Gericht.

Seine Geschichte erzählt er so: Seinen Vater lernte er nie kennen, vor der gewalttätigen Mutter schützte ihn nur die Berliner Polizei. Auch als rechter Schläger habe er keine Glatze getragen, sondern den gleichen raspelkurzen Haarschnitt wie heute, "weil mein Kopf voller Narben ist". Mit einem Jahr kam er ins Heim nach Schleswig-Holstein. Doch auch bei den Erziehern fand K. nach eigenen Angaben keine Nestwärme.

Mit Argwohn blickte er auf die anderen Heimkinder, die größtenteils körperlich oder geistig beeinträchtigt waren. "Die wurden bevorzugt und ich war immer der Depp." Freunde finden? Schwierig. K. erinnert sich an einen wenige Jahre älteren Jungen im Heim, der schon rechte Sprüche nachplapperte. Er hörte zu.

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Gewalt als Lösung für fast jedes Problem

Schon in der ersten Woche nach seiner Einschulung eskalierte die Situation. Mit einem Messer attackierte Kruse einen dunkelhäutigen Mitschüler – und verfehlte ihn nur knapp. Was ging in ihm vor? "Der Junge war mir zu laut, zu fordernd, sah zu anders aus. Das hat mir nicht gepasst." Gewalt wird seine Lösung für fast jedes Problem. K. fliegt schon von der Schule, bevor er den ersten Buchstaben schreiben kann.

Er landet auf einer Privatschule und fühlt sich als Heimkind wieder benachteiligt. "Als die anderen mich deswegen mobben wollten, habe ich wieder zugeschlagen." Doch diesmal kann er auf der Schule bleiben, macht seinen Förderschulabschluss. Danach ein berufsvorbereitendes Jahr. Den anvisierten Hauptschulabschluss packt er nicht. Die Schuld schiebt er auf die Privatschule, "weil man an der langsamer lernt".

Wer nicht ins rechte Weltbild passte, wurde bekämpft

Schon vorher, mit 14, wird sein Hass auf Ausländer und alle, die anders sind, immer größer. K. verkauft Rechtsrock-CDs auf Schulhöfen. Am Wochenende fährt er als Jugendlicher in seine Heimatstadt Berlin, sucht den Kontakt zu Gleichgesinnten. Was er findet, sind "dämliche Männer, die nur pöbeln und nichts machen". Die ihm aber zuhören und ihn feiern für seine rassistischen Worte. K. will mehr. Ihm imponieren gewaltbereite Skinhead-Gruppen aus den USA, die ähnlich wie ein Rockerclub in streng hierarchischen Chaptern aufgebaut sind. Nach ihrem Vorbild will er Leute um sich scharen. "Eine Truppe, die kämpft." Gegen alles, was nicht ins rechte Weltbild passt. Um sich zu behaupten, macht er Kampfsport. Weiterkommen im Leben, das geht für ihn nur mit Gewalt.

Auf Berlins Straßen spricht K. gleichaltrige Jugendliche an, verspricht auch ihnen einen schnellen Aufstieg. "Die rechte Szene", so K., "besteht doch zu einem Großteil aus Manipulation." Rund um Berlin macht die Gruppe gemeinsam Jagd auf Ausländer, erzählt er. Auch in Schleswig-Holstein findet K., mittlerweile volljährig und allein wohnend, Mitstreiter. Hier werden linke Jugendliche zum Ziel der Gewalt. K. prügelt und lässt prügeln, lässt sich ein Hakenkreuz-Tattoo stechen. Er arbeitet als Aushilfe in der Gastronomie und stellt seine Chefs vor die Wahl: "Der Türke oder ich." Fast immer muss er gehen.

Als eine linksextreme Jugendorganisation Steckbriefe von ihm in der Stadt verteilt, weiß auch jeder Nachbar um seine Gesinnung. Den meisten sei das egal gewesen, sagt K.. "Die haben mich trotzdem zum Grillen eingeladen."

Haftstrafe hat ihm die Augen geöffnet - vorerst

Im Jahr 2012 dann die Vollbremsung. K. muss sich wegen Einbruch, Körperverletzung und Volksverhetzung vor Gericht verantworten. Zwei Mitstreiter und seine Freundin haben ihn bei der Polizei verraten. Heute ist er überzeugt: "Das war das Beste, das mir passieren konnte." Er bekommt eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten, von denen er wegen guter Führung nur 22 Monate absitzen muss. Im Gefängnis nagen erste Zweifel an ihm. Er versteht sich gut mit seinem dunkelhäutigen Zellennachbarn, lacht über dessen Witze. "Im Knast konnte ich diesen Leuten nicht aus dem Weg gehen, ich musste mich mit ihnen arrangieren."

Doch als er wieder rauskommt, macht er weiter wie vorher. Dazu kommt der Alkohol: "Wenn ich alleine war, hab ich gesoffen." Der Schnaps betäubt und enthemmt. Seine ursprüngliche Schläger-Truppe hat sich aufgelöst, dafür mischt er bei islamfeindlichen Bewegungen wie "Hooligans gegen Salafisten" mit.

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Flüchtlingshaus im Suff angezündet

2016 zündet er mit einem Freund ein Haus an, in dem Flüchtlinge leben. Die Familie kann sich retten. K. wird erneut angeklagt – und das habe sein Leben endgültig verändert, sagt er heute. "Mir wurde klar, dass ich nicht so weitermachen kann." Er hört auf zu trinken, kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Sein Bewährungshelfer vermittelt ihn 2018 an den Verein Kast aus Neumünster, der sich unter anderem um Aussteiger aus der rechtsextremen Szene kümmert. Seitdem ist Nils Stühmer an seiner Seite.

Kast hilft Gewalttätern beim Ausstieg

Kast ist ein gemeinnütziger Verein, der sich um straffällig gewordene Menschen kümmert und für sie zum Beispiel Anti-Gewalt-Trainings anbietet. Seit 2014 unterstützen Mitarbeiter auch Rechtsextreme, die aus der Szene aussteigen wollen. Der Kontakt läuft meist über Lehrer, Polizisten oder Sozialarbeiter. Rund 80 ehemals Rechtsextreme wurden bereits bei ihrem Wandel begleitet. Momentan ist der Verein auch präventiv im Kreis Segeberg aktiv. Dort häufen sich rechtsradikale Vorfälle. Das Büro von Kast e.V. befindet sich in Neumünster. Kontakt: team.kast@antigewalt-kiel.de

Für Stühmer ist schon der Lebensstart von K. "eine absolute Vollkatastrophe". Er erkennt in der Kindheit von K. Muster, die sich bei vielen seiner Klienten wiederholen. "Fast alle sind ohne Vater aufgewachsen und hatten eine problematische Kindheit." Das sei keine Rechtfertigung für die gewaltsamen Taten, doch es erleichtere die Arbeit mit denen, die aussteigen wollen. Weil man wisse, wo man ansetzen müsse. Stühmer ist für seine Klienten nahezu immer erreichbar, trifft sie regelmäßig, will Halt vermitteln und Grenzen setzen. Er begleitet K. bereits seit einem Jahr, hält seine Erzählungen für glaubwürdig. Stühmer kennt die alten Weggefährten von Björn K., hat Unterlagen gesichtet. Auch beim Gespräch ist er dabei.

Rechtsextreme Gewalttaten: Reue und Scham

Bereut K., was er getan hat? "Ja, und ich schäme mich auch." K. müsse Verantwortung übernehmen für seine Schläge, die Hetze und den feigen Anschlag, sagt Stühmer. Und dafür sorgen, dass er sich besser im Griff hat. Stühmer ist zuversichtlich, dass er das schafft. "Er ist ein lebensbejahender Mensch geworden, der viel lacht."

Redet er über sich und seine rechtsextremen Taten, benutzt K. oft "man" statt "ich" – so als hätte das mit ihm nichts mehr zu tun. "Ich kann mich mit diesem Denken nicht mehr identifizieren", sagt er.

Rechte Szene in Schleswig-Holstein radikalisiert sich

Sein tätowiertes Hakenkreuz hat sich K. mit einem neuen, harmlosen Motiv übermalen lassen. Auch eine Moschee wollte er mit Stühmer besuchen – als Teil der therapeutischen Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Den Termin hat er dann aber doch kurzfristig abgesagt. "Ich bin noch nicht so weit." Auf Stühmer und sein Team wartet noch viel Arbeit – nicht nur mit Björn K:. Die rechte Szene in Schleswig-Holstein radikalisiere sich, meint Stühmer, und nennt die Vorfälle im Kreis Segeberg. Diese Gefahr dürfe man nicht unterschätzen.

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