Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Warum ein Forscher Kohlfahrten für den „Karneval des Nordens“ hält
Nachrichten Schleswig-Holstein Warum ein Forscher Kohlfahrten für den „Karneval des Nordens“ hält
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:54 02.02.2020
Ein Bollerwagen ist bei einer Kohlfahrt mit Grünkohlblättern und alkoholischen Getränken gefüllt. Quelle: Tobias Hase/dpa
Anzeige
Rendsburg/Bremen

Die Kohlgänger sind wieder unterwegs. Mit Bollerwagen und Schnapsglas um den Hals ziehen sie in Norddeutschalnd übers Land und durch die Stadt. Was „Fresswelle“ und „Fünf- Tage-Woche“ mit dem Phänomen zu tun haben, weiß Martin Westphal. Er ist kohlfahrterfahren, hat über das Thema seine Doktorarbeit geschrieben und ist seit vielen Jahren Direktor der Museen im Kulturzentrum in Rendsburg.

Wie kommt man auf ein solches Thema für eine Doktorarbeit?

Anzeige

Ich bin gebürtiger Bremer und war Student der Volkskunde in Münster. Schon als Schüler habe ich in den letzten ein, zwei Jahren vor dem Abi mit meinen Freunden Kohlfahrten gemacht habe. Irgendwie war ich immer wieder fasziniert, wie viele Leute da plötzlich auf den Beinen sind bei sehr ungemütlichem Wetter. Und dann habe ich gemerkt, dass es eigentlich keine umfassende wissenschaftliche Arbeit über dieses kulturelle Phänomen gibt. Und dann bin ich damit angefangen.

„Kann sich der Kohlfahrt nicht entziehen“

Gibt es sowas wie ein Kohlfahrtzentrum?

Das ist regional tatsächlich begrenzt. Ich möchte mal sagen, die Demarkationslinie liegt zwischen Bremen und Rotenburg (Wümme) – auf dieser Höhe hört es plötzlich auf. Also hauptsächlich Bremen, Oldenburg, Ostfriesland, Ammerland, Emsland. Und dann ist Schluss. Eigentlich kann man sich der Kohlfahrt nicht entziehen, wenn man in dieser Gegend lebt und arbeitet.

Wie sind die Kohlfahrten entstanden?

Es gibt sie schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts. So wie wir sie heute kennen, haben sie sich massiv nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Die erste Initialzündung war sicher die „Fresswelle“, also die Epoche nach 1945, als die Menschen ohne Mangelbewirtschaftung erstmals wieder mit eigenem Geld und ohne Lebensmittelmarken einkaufen konnten und wild konsumierten. Die zweite Initialzündung war die Einführung der Fünf-Tage-Woche. Da konnten die Leute schon am Sonnabend los und so unbeschwert durch die Gegend pilgern, wie sie es heute tun.

Kohlfahrten sind der Karneval des Nordens“

Die Fahrt endet ja meist in der Gaststätte...

Klar, die Kohlfahrten sind von den Gastwirten massiv gefördert worden. Ich will nicht übertreiben. Aber ich möchte mal behaupten, dass ein anständiger Gastronom im Großraum Bremen 30 bis 40 Prozent seines Jahresumsatzes mit Kohlfahrten macht. Das ist ganz üppig. Übrigens unterschreibe ich den Satz: Kohlfahrten sind der Karneval des Nordens. Das, was auf der Kohlfahrt passiert, bleibt auf der Kohlfahrt. Wie beim Karneval. Ich glaube nicht, dass die Jecken alles erzählen, was ihnen am Rosenmontag passiert.

Zur Person:

Martin Westphal, 62 Jahre, Kulturwissenschaftler, gebürtiger Bremer, seit 1990 Direktor der Museen im Kulturzentrum Rendsburg. Er promovierte 1986 an der Uni in Münster. Titel der Dissertation: „Kohl- und Pinkelfahrten – Geschichte und Kultur einer Festzeit in Norddeutschland“.

Von dpa/RND