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Schleswig-Holstein "Rutkamen sünd se aver doch"
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12:00 27.12.2018
Von Heike Thode-Scheel
Snee-Katastrooph: Dor weer keen Dörchkamen mehr  . . . Quelle: jkk

Un de finndt sik ok in dat Book: „Erzählen über Katastrophen - Beiträge aus Deutscher Philologie,  Erzählforschung und  Psychotherapiewissenschaft“ wedder. Hannelore Jeske hett sik jümmers wedder mit de Lüüd tosamensett un hett se eenfach vertellen laten över ehr Leven: „De een vertell, de anner ok un denn hett en Geschicht de nächste utlööst. Un een Erinnern de nächste.“ Wull dusend Geschichten sünd mit’e Tiet dorbi rutsuert – ok de över de Snee-Katastrooph. „In‘ Rückblick schient all’ns so’n beten in rosiges Licht“, sineert de Buerndeern ut de Neegde vun Sörup. Dorbi weer de Snee-Katastrooph  in Angeln besünners gräsig. En Wuch lang weern de Dörper vun’e Butenwelt afsneden. Keen Strom, keen Dörchkamen, keen Telefon. „Wi weern dat letzte Lock, wat keen Strom harr. Ringsüm güngen de Lichter an – blots bi uns nich“, vertellt de Plattschnackerin. „De Plattdüütschen ünnerdrieven jo meist – dor is all‘ns nich so slimm west. Meist klingt dat ok so’n beten witzig“, wunnerwarkt de Dozentin för Erzählforschung.

Wat hebbt de Geschichten mit'e Katastrophen-Forschung to doon?

All de Geschichten würrn egens ünner dat Rebeet „Alltagserzählungen“ fallen, weet de Expertin. Liekers is dat meist dat Gegendeel, denn dat sünd „Alldagsgeschichten, de jo graad ut’n Alldag rutfallen doot“, verklaart se. Hier warrd Geschichte dörch Geschichten schreven. Man – wat hebbt düsse Vertellen mit‘e Katastrophen-Forschung to doon? Dat is nich ganz enfach.  Bernd Rieken is Perfesser för Katastrophen-Forschung in Wien. He hett de verscheden Opsätze över Katastrophen in alle Welt sammelt un as Book rutgeven. Ganz besünners spannend is för em, datt de „Katastrophenforschung  ein  interdisziplinäres  Phänomen ist,  an  dem  Natur-  und  Geisteswissenschaften  gleichermaßen  Anteil  haben.“ De en sorgt sik dorüm, woans man över de Naturkatastrophen in Tokunft Bavenhand kriegen kann un datt de Psyche vun’e Opfer behannelt warrd, de anner blifft sotoseggen in’e Studeerstuuv backen – analyseert, kommenteert, forscht un treckt sien  Slüsse. In’e Erzählforschung geiht dat nich üm de „Wahrheit“.

Vertellen speelt in'e Wetenschap en groot Rull

Fakt is, datt de Vertellen hüüt in’e Wetenschap en groot Rull spelen doot un en „ergiebige Erkenntnisquelle“ sünd. Ob sik dat nu üm den 11. September dreiht, üm den Ünnergang vun’e Lakonia, üm den Hurrikan Katrina  oder eben üm’e Snee-Katastrooph in Sleswig-Holsteen – hier geiht dat üm uns Geföhle. Üm Bangween, üm Dodesangst,  Bevern, Schuld, Vertruun, Toversicht, Leichtsinn  un den Globen an sik sölben. 

De Wetenschap stellt sik de Fraag: Woans gaht de Lüüd mit düsse Utnahme-Situaschoon üm? Un jüst dat hett sik ok Hannelore Jeske in ehr Arbeit „Die Schneekatastrophe 1978/79 in Schleswig-Holstein – Das Ereignis und seine Spiegelung in Erzählungen“ fraagt. Un twaars hett se ehre Fragen op Platt stellt. In ehr egen Modderspraak. So weer se noch neger bi Lüüd bi. To’n Bispill bi de beiden Ehepoore, de man blots Batterien kopen wulln för ehr Radio: „Dat mutt wull Sünnavend vör Silvester wesen sien, dat wi to Foots in de Schneestorm to Inkopen weern.“ Hin weer jo noch all’ns ganz kandidel, aver denn müssen se wedder trüch - querbeet: „Wi weern uk meist heel ankamen, aver op dat letzte Stück, dor sette Doris sick hen in de Schnee un sä: ‚Ich kann nicht mehr.‘ Dor weer nix to maken, se stunn nich wedder op. Denn hebben  Manfred  un  Helge  ehr  ünner  de  Arms  faatkregen  un  hochheevt  un  mitschleept“, vertellt en Renate ut‘ Dörp. „Einig waren sich die Erzähler darin, dass die eigene Kraftanstrengung kaum gereicht hätte, dass ein glücklicher Zufall oder „wat weet ik“ ihnen zu Hilfe gekommen war“, resümeert Hannelore Jeske in’t Book.

De Lüüd künnt sik op ehr Navers verlaten in Noottieden

Aver eens is all de Minschen in düsse Katastrooph ok kloor wurrn: Se künnt sik op ehr Navers verlaten. Gemeensom staht se de Noot dörch un dat nich blots mit ehr egen Knööv. Nee, se kriegt ok Stütt un Stöhn „in psychischer Hinsicht durch Vermittlung von Zusammengehörigkeit in derselben Situation“, verklaart de promoveerte Dozentin. Opgeven? Dat geev dat meist nich. „Was  alles  hätte  passieren  können  –  Überlegungen  dazu  findet  man  in  den  Erzählungen nicht. Berichtet wird aus der Perspektive des glücklichen Endes . . .“ heet dat in‘n Opsatz. Dor geiht dat denn in de Vertellen ok mol lustig to un mit veel Ironie. Aver, so Jeske, „die Wirkung der Situation auf das physische und psychische Befinden der Betroffenen wird selten formuliert, gelegentlich zwar angedeutet, zumeist bleibt es aber unausgesprochen.“

De beiden lichtsinnigen Ehepoore, de blots los weern, üm Batterien to köpen, de hebbt ehr  psychische Verfaten later so beschreven: „Doris sä naher, se weer sitten bleven in de Schnee, dat weer ehr all enerlei wesen.“ Ok wenn dat oft üm Leven oder Dood güng – dat warrd  blots mit o‘n Satz as „wat weern wi alle dörfroren“ kommenteert. Oder mit Jux un Dulleree afdohn. To’n Bispill de Lüüd, de mit’n Paster un en Schwangere ünnerwegens weern na’t Krankenhuus: „Nich logen, op de Rüchfohrt, as dat noch recht wat krimineller woor . . ., dor vertellt he noch Pastorenwitze“.

De Natur kriggt doch de Bavenhand

De Minschen hebbt nich lang över dat wenn un aver nadacht. Se sünd tosamenkropen, hebbt sik holpen. So goot, as dat man güng.  Un wenn dat ok noch so leeg weer, liekers keem noch de Satz: „Aver Spaaß hett dat liekerwull bröcht!“ Blots eens, meent Hannelore Jeske in ehrn Opsatz, eens hebbt se liert: „In  ihren  Reaktionen  zeigten  die  Dorfbewohner,  dass  sie  die  Lektion  begriffen  hatten . . . :  Blindes  Vertrauen  in  die  Technik  und  gleichzeitig  überhebliches, zumindest bedenkenloses Ignorieren von Kräften der Natur hatten dazu geführt, dass ein außergewöhnliches Naturereignis zu einer Katastrophe wurde.“

Erzählen über Katastrophen: Beiträge aus Deutscher Philologie, Erzählforschung und Psychotherapiewissenschaft, Waxmann-Verlag, ISBN 978-3830934899

 

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