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Schleswig-Holstein Heiko Naß: "Wir können die Not von Familien lindern"
Nachrichten Schleswig-Holstein Heiko Naß: "Wir können die Not von Familien lindern"
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18:22 24.04.2020
Von Heike Stüben
#SHbleibtstark: Kieler Nachrichten, Segeberger Zeitung und die Diakonie Schleswig-Holstein starten eine gemeinsame Spendenaktion Quelle: dpa
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Kiel

Heiko Naß (55) hat als Chef der Diakonie Schleswig-Holstein und Landespastor jene im Blick, die unter den Folgen der Corona-Pandemie unmittelbar leiden. Er sorgt sich besonders um die Familien: Jedes dritte Kind ist hierzulande von Armut bedroht – in der Krise verschärft sich ihre Situation. Mit einer gemeinsamen Spendenaktion unter dem Dach von #SHbleibtstark wollen Diakonie und unsere Zeitung helfen.

Herr Naß, warum ist zu diesem Zeitpunkt eine Spendenaktion notwendig?

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Heiko Naß: Weil wir gerade eine soziale Spreizung erleben. Familien mit Kindern wenden sich vermehrt an unsere Beratungsstellen, weil sie mit ihren Einkünften nicht mehr die alltägliche Versorgung sicherstellen können. Das sind oft Familien, die Lebensmittel von den Tafeln bekommen und in denen die Kinder normalerweise in Kita, Schule und Hort ein Mittagessen erhalten. Das fällt jetzt seit Wochen weg. Gleichzeitig wird es zu Hause immer enger. Kinder haben oft keinen ruhigen Ort, um ihre Schularbeit zu erledigen. Homeoffice nur am Mobiltelefon ist auch nicht einfach, wenn das Datenvolumen aufgebraucht ist.

Wie kann die Diakonie Spenden von #SHbleibtstark einsetzen?

Wir haben über unsere Beratungsstellen etwa in Kiel, Preetz, Neumünster und Rendsburg direkten Kontakt zu den Familien. Weil unsere Mitarbeiterinnen die Nöte vor Ort kennen, können sie auch schnell, fachlich angemessen und direkt unterstützen. Dafür bitten wir um die Spende als konkrete Hilfe und als Zeichen der Solidarität.

Wie sieht diese Hilfe aus?

Wir können mit dem Geld auf direktem Weg Not lindern. Wenn das Geld für das Essen am 20. des Monats aufgebraucht ist, können wir Einkäufe wieder möglich machen. Manchmal hilft es schon, die Prepaidkarte für das Handy wieder aufzuladen, damit ein Schüler wieder die digital gestellten Schulaufgaben machen oder sie jetzt in den Ferien nacharbeiten oder üben kann. Wir können aber auch mit Spielanleitungen, Erinnerungspäckchen und Telefonkontakten helfen. Wichtig ist neben der konkreten Hilfe auch, zu signalisieren: Auch wenn wir uns nicht sehen, denken wir aneinander.

Die Bundesregierung versucht, mit einem Sozialschutzpaket die sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die Bürger abzufedern. Wie bewerten Sie das?

Ich habe Respekt vor diesen Anstrengungen. Konsequenter als viele Einzelmaßnahmen wäre jedoch zum Beispiel die Einführung einer Kindergrundsicherung.

Heiko Naß: "Wir bitten um die Spende als konkrete Hilfe und als Zeichen der Solidarität." Quelle: Ulf Dahl

Sie berichten, dass viele Menschen finanzielle Sorgen haben. Wie wirkt sich das auf den Alltag aus?

Aus unseren Schuldnerberatungsstellen wissen wir, wie materielle Sorgen den Alltag und die Psyche bestimmen kann. Deshalb ist die Arbeit der Schuldnerberatung immer auch soziale Arbeit. Gespräche können helfen, den Kopf aus diesem ständigen Kreisen frei zu bekommen. Deshalb bitte ich die Betroffenen, sich rechtzeitig an unsere Beratungsstellen zu wenden.

Wird die soziale Ungleichheit durch die Corona-Krise zunehmen?

Ja. Schon jetzt lebt ein großer Teil der Bevölkerung im Dienstleistungsbereich mit einem Monatsverdienst unterhalb des Durchschnitts. Dieser Teil ist durch die Corana-Krise noch stärker betroffen als bisher.

Offenbart die Krise da ein grundsätzliches Problem? Die Tafeln sollen ja eigentlich nicht die Grundversorgung der Menschen abdecken.

Danke an alle engagierten Ehrenamtlichen bei den Tafeln! Dennoch: Es wird immer deutlicher, dass die Sätze der Grundsicherung nicht reichen. Die Diakonie fordert zumindest für die Corona-Zeit eine Erhöhung der existenzsichernden Leistungen um 100 Euro.

Welches Erlebnis hat Sie in diesen Corona-Zeiten besonders beschäftigt?

Dass wir in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung drei Todesfälle beklagen mussten. Das ist sehr schmerzlich und sorgt bei den anderen Bewohnern und den Mitarbeitern für große Betroffenheit. Gleichzeitig zeigen diese Fälle, wie gefährdet gerade Menschen sind, die in solchen Einrichtungen und Pflegeheimen wohnen. Da müssen wir jetzt bei den ersten Lockerungen unbedingt darauf achten, dass diese Menschen weiter geschützt werden.

Zugleich erfahre ich Ermutigendes von alten Menschen, die sagen: Wir kommen zurecht, es helfen viele. Und ich bin zu einem Fan von Camden Choirs geworden, wo weltweit Menschen im Internet gemeinsam singen und musizieren!

Einsamkeit ist ohnehin schon für viele Menschen ein großes Problem. Was bedeutet die Corona-Krise für sie?

Für Menschen mit Demenz oder mit Behinderungen sind direkte Kontakte wichtig. Sie in den Arm zu nehmen oder mit der Hand zu berühren, tröstet mehr als viele Worte. Oft begreifen die Betroffenen nicht, warum die Angehörigen sie nicht mehr besuchen.

#SHbleibtstark

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Unter #SHbleibtstark bündeln wir Initiativen und Hilfsangebote aus der Region, unterteilt in drei Kategorien:

Die Themenseite zu #SHbleibtstark finden Sie hier.

Wir sollen möglichst zu Hause bleiben – aber manche Menschen haben kein Zuhause. Fürchten Sie hier besonders viele Opfer?

Die Lage für Wohnungslose wird zunehmend schwieriger. Auch wenn die Hilfsangebote in anderer Form weitergeführt werden, bleiben immer mehr Wohnungslose aus Angst den Angeboten fern. Ich fürchte nicht nur eine Zunahme an Betroffenen, sondern auch an Krankheiten, die nicht rechtzeitig behandelt werden. Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger, die einen Hilflosen sehen, diese anzusprechen oder die 112 zu rufen.

Die Hilfsorganisationen möchten helfen, dürfen das aber nicht mehr in gewohnter Weise. Welche Rückmeldung bekommen Sie aus den Diensten?

In vielen Einrichtungen schweißt die Herausforderung die Mitarbeiter zusammen. Aber die lange Zeit zehrt auch an den Kräften. Die Leistung ist bewundernswert. Ich hoffe, dass nach der Krise in Erinnerung bleibt, welche beruflichen Tätigkeiten systemrelevant sind. Und dass diese nicht nur Beifall erhalten, sondern zukünftig auch finanziell aufgewertet werden.

Wie bewerten Sie Forderungen, so bald wie möglich wieder zur Normalität zurückzukehren?

Eine Normalität wird es nach dieser Zeit nicht geben, dafür sind die Einschnitte zu tief. Deshalb müssen wir vieles neu denken und neu lernen. Und gleichzeitig hoffe ich auf einen positiven Lerneffekt: dass wir unser Handeln weiter an den Schwächsten ausrichten.

Was werden wir nach der Pandemie ändern müssen?

Schutzkleidung und Intensivbetten müssen langfristig vorgehalten werden, aber auch Pandemiepläne für Unternehmen. Es wäre auch wichtig, dass wir aus der Krise lernen. Das betrifft die Wertschätzung des direkten persönlichen Umgangs, aber auch das Wissen um andere Kommunikations- und Kontaktmöglichkeiten. Gut wäre auch, wenn die gesellschaftliche Bedeutung von sozialer und kultureller Arbeit neu und angemessen bewertet würde.

Corona-Familienhilfe

Corona-Familienhilfe: Hier können Sie spenden

Wer in Not geratene Familien mit Kindern unterstützen möchte, kann auf das folgende Konto spenden: Diakonisches Werk Schleswig-Holstein bei der Evangelischen Bank eG unter der IBAN: DE 48 5206 0410 0406 4038 24, Stichwort: Corona-Familienhilfe.

Wir freuen uns über jeden Euro und Cent! Die Diakonie hat unter der Nummer 0800-7662476 eine kostenfreie Spenden-Hotline geschaltet, an die sich sowohl Hilfesuchende als auch Spender wenden können. Besetzt ist die Hotline montags bis donnerstags von 9-12 Uhr und 13-16 Uhr, freitags von 9-13 Uhr.

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