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Schleswig-Holstein Der Artenschwund ändert unser Weltbild
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08:00 03.09.2017
Von Heike Stüben
Die Haselblattroller, die hier für Nachwuchs sorgen, kann man in naturnahen Gärten und an Waldrändern entdecken. Sie heißen so, weil die Weibchen die Spitze eines Blattes zur Tüte rollen, in der sich dann eine Larve entwickelt kann. Quelle: Roland Suikat
Kiel

Die Ursachen für die Erosion der Artenexperten, sagt der Biologe, sind vielfältig -  die Folgen immer stärker spürbar. Früher gehörte es zur Allgemeinbildung, die Tiere- und Pflanzenarten in der Umgebung zu kennen. Doch wer kennt heute noch Warzenbeißer, Eremit und Klappertopf? Das liegt, sagt Meinecke, nicht nur an fehlender Naturerfahrung, an mangelnder Anleitung durch Eltern und daran, dass im Schulunterricht und selbst im Biologiestudium kaum noch Platz ist für die Arten-Bestimmung in der Natur ist.

„Ein wesentlicher Grund ist auch, dass viele Arten gar nicht mehr vorhanden oder nur noch nach intensiver Suche zu finden sind. Wir leben in verarmten Landschaften. Fehlen aber dauerhaft Vergleichsmöglichkeiten durch eigenes Erleben oder gute Dokumentationen – dann verändert sich unmerklich unser Bild von der Natur“, warnt Meinecke. Das, was man um sich herum sieht, wird dann als Normalzustand akzeptiert. Die Fichten werden für einheimische Bäume gehalten, die Schmetterlinge für seltene Tiere. Eine Einstellung, die den Rückgang der Artenvielfalt weiter beschleunigen kann.

Experten bei Infrastrukturplanungen

Doch Artenkenner können nicht nur die Augen für die Vielfalt und die ökologischen Zusammenhänge öffnen. Sie sind auch wichtig, um Entwicklungen wissenschaftlich zu dokumentieren. Ihre Expertise wird bei immer mehr Infrastrukturplanungen benötigt. Viele Vorgaben der EU sind nur umsetzbar, wenn Artenexperten die notwendigen Grundlagen liefern.

Noch gibt es sie, aber viele sind im Rentenalter, sagt Meinecke, der bei der Ausgleichsagentur Schleswig-Holstein arbeitet. Und im Bereich der Amphibien und Insekten sind Spezialisten schon jetzt extrem rar. Denn anders als Vögel, die Menschen schön und faszinierend finden, werden Tiere wie Käfer bestenfalls mit Gleichgültigkeit bedacht. „Dabei sind Käfer in allen Lebensräumen gegenwärtig und sehr gute Indikatoren für den Zustand unserer Umwelt“, sagt Roland Suikat (65) aus Preetz, einer von einer Handvoll Käfer-Experten im Land. Der Artenschwund, aber auch die quantitative Abnahme einzelner Arten, ist für ihn nicht nur ein ökologisches Desaster, sondern auch ein ethisches Armutszeugnis der Menschen.

Großer Kohlweißling kaum noch anzutreffen

Da sieht auch Marx Harder aus Kosel so, der Schmetterlinge bestimmt, erfasst und dokumentiert. „Wir müssen den Menschen klar machen, dass selbst so bekannte Arten wie der Große Kohlweißling in freier Landschaft kaum noch anzutreffen sind und 80 Prozent der Tagfalterarten bei uns entweder schon verschwunden, gefährdet oder bedroht sind.“

Philipp Meinecke erlebt, dass viele Schleswig-Holsteiner durchaus an den heimischen Arten interessiert sind.  „Aber Interesse ist das eine, Artenkenntnis das andere.“ Sie erfordere einen langen Atem, viel Lernen, wissenschaftliches Arbeiten und langjährige Erfahrung. „Am besten lernt man, wenn man von einem Artenexperten an die Hand genommen wird. Aber wer soll das machen, wenn es immer weniger von ihnen gibt?“

Übrigens: Der Warzenbeißer ist eine seltene Heuschrecke, der Eremit ein stark bedrohter Käfer, der  Klappertopf eine Pflanze, die als Arzneipflanze, aber auch von Kindern als Spielzeug genutzt wurde: Sind die Samen trocken geworden, kann man mit den Blüten Klappergeräusche erzeugen.

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