Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Schleswig-Holstein Zu wenig Wasser, zu wenig Nahrung
Nachrichten Schleswig-Holstein Zu wenig Wasser, zu wenig Nahrung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 17.07.2019
Von Heike Stüben
Der schöne Anblick trügt: Zu dieser Zeit sollten Kranichpaare nicht zusammen in Schleswig-Holstein unterwegs sein. Ein Elternteil wacht normalerweise am Nest. Quelle: Ralf Sprenger
Horst

Rund 600 Paare des größten heimischen Vogels leben in Schleswig-Holstein. Zurzeit kann man sie oft zusammen beobachten – in der Luft oder auf den Äckern und Feldern. Doch der erfreuliche Anblick hat einen bitteren Beigeschmack. Denn normalerweise sollte man Paare zu dieser Jahreszeit gar nicht zusammen sehen, erklärt der der Kranich-Experte Carl-Albrecht von Treuenfels. Denn ein Elternteil wäre spätestens ab April immer am Nest bei den Eiern oder nach dem Schlüpfen bei den Jungen.

Die Nester müssen von Wasser umgeben sein, damit die Brut von Wildschweinen, Füchsen, Dachsen und Waschbären geschützt ist. Doch durch die lange Trockenheit sind solche Plätze etwa in Bruchwäldern, Mooren, Feldkuhlen und verlandenden Teichen oft ausgetrocknet.

Feuchtgebiete für besseren Klimaschutz

Klimaschutz kann aktiv Armut und Hunger verringern. Dabei kann die Art, wie wir unser Land nutzen, eine entscheidende Rolle spielen. Besonders vorteilhaft sind dabei Feuchtgebiete. Dies zeigt eine aktuelle Studie unter Mitwirkung des Berliner Klimaforschungsinstituts Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), die in der Fachzeitschrift „Annual Review of Environment and Resources“ veröffentlicht. Die Forscher ermitteln das Potenzial für alle sechs Formen von Landnutzung, die CO2 binden können. „Zwei Optionen, nämlich das Wiederherstellen von Feuchtgebieten sowie das Anreichern von Kohlenstoff im Ackerboden, liefern fast nur positive Nebenwirkungen und könnten deshalb unmittelbar angegangen werden“, erklärt Sabine Fuss, eine Autorin der Studie.

80 Prozent weniger Nachwuchs

Gegenüber KN-online erklärt der profunde Kranichkenner aus dem lauenburgischen Horst: „Ich befürchte einen massiven Einbruch bei dem Kranich-Nachwuchs um 80 Prozent, weil die Brut erst gar nicht begonnen wurde oder weil sich Fressfeinde an den trocken gefallenen Standorten ungehindert an den Eier und Jungvögeln schadlos halten konnten.“

Hinzu kommen die Folgen der Klimaerwärmung. Immer mehr Kraniche bleiben ganzjährig in Deutschland. Sie beginnen sehr früh mit der Balz, dem Nestbau und auch der Brut. So schlüpfen die Jungen mitunter schon zu einem Zeitpunkt, zu dem es erst wenige Bodeninsekten gibt. Doch als Nestflüchter sind die Kranichküken darauf angewiesen, Nahrung in der unmittelbaren Umgebung zu finden. Dabei sind sie im Gegensatz zu ihren Eltern auf tierische Nahrung angewiesen.

Hungertod, weil die Insekten fehlen

„Die Jungen benötigen viel tierisches Eiweiß, um ihr Knochengerüst zu entwickeln und schnell zu wachsen“, erklärt von Treuenfels. „Fehlt diese Nahrung, weil sie wie in diesem Jahr früh schlüpfen, bedeutet das den Hungertod trotz fürsorglicher Betreuung durch die Eltern.“

Treuenfels, von Beruf Rechtsanwalt und heute im Ruhestand noch immer als Autor tätig, setzt sich seit langem für den Erhalt von Feuchtgebieten ein. Als er 2008 sein Ehrenamt als Präsident des WWF in jüngere Hände legte, gründete er die Stiftung Feuchtgebiete. Die Trockenheit, die seit einem Jahr herrscht und zu Ernteeinbußen, Waldbränden, Massenvermehrung von Borkenkäfern und nun auch zu Bruteinbrüchen geführt hat, zeigt, wie wichtig auch intakte Senken, Kuhlen und Sölle sind.

Umdenken notwendig

Der Naturschützer hält es daher für notwendig, dass Landwirte und Wasser- und Bodenverbände umdenken. Das Hauptziel der Wasser- und Bodenverbände sei noch immer die Entwässerung der Landschaft. Stattdessen sollten sich die Verbände häufiger um die Wiedervernässung kümmern, findet von Treuenfels. „Auch viele Landwirte haben in der Vergangenheit wie verbissen darauf geachtet, jegliche Oberflächenfeuchtigkeit im Frühjahr von ihren Äckern und von ihrem Grünland zu verbannen. In diesen Wochen wird mancher Bauer vielleicht anfangen, über seinen Umgang mit der Bodenfeuchtigkeit nachzudenken.“

Warum Feuchtgebiete noch wichtig sind

Feuchtwiesen, Tümpel, Moore, Bruchwälder speichern nicht nur Wasser für die Zeit großer Trockenheit. Sie fungieren wie Schwämme bei Starkregen. Feuchtgebiete filtern Schadstoffe und sorgen bei Hitze für Kühle. Vor allem sind sie artenreiche Lebensräume. Doch kaum ein anderer Lebensraum wurde so konsequent vernichtet: 85 Prozent der Feuchtgebiete sind bereits zerstört.

Weitere Nachrichten aus Schleswig-Holstein lesen Sie hier.

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Ausbau der Windkraft stockt in Schleswig-Holstein bereits seit Jahren. Grund ist ein mittlerweile vier Jahre altes Gerichtsurteil. Die SPD sieht das Problem aber woanders.

 
17.07.2019

Erst flog ein Blumentopf, dann wurden Messer geworfen: Seit Jahren stritten zwei Nachbarn erbittert um die Nutzung der Gartenfläche vor einem Mehrfamilienhaus in Neumünster. Im April stach ein 72-Jähriger seinen Gegner (68) nieder und muss sich seit Dienstag vor dem Kieler Landgericht verantworten.

Thomas Geyer 16.07.2019

Ein unter Drogeneinfluss stehender 46-Jähriger hat in Flensburg versucht, Polizisten mit seinem Motorroller umzufahren. Der Mann lieferte sich mit den Beamten eine Verfolgungsjagd. Ein Passant konnte ihn schließlich stoppen.

KN-online (Kieler Nachrichten) 16.07.2019