Schleswig-Holstein: Sind Laufanalysen für Sportler sinnvoll?
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Schleswig-Holstein Sind Laufanalysen für Sportler sinnvoll?
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18:22 19.11.2019
Von Christian Trutschel
Läuft alles so, dass keine Beschwerden auftreten? Dr. Marco Weingarten, Leiter des Lauflabors der Firma Orthopädietechnik Nord o.t.n., zeichnet am Standort Wendenstraße 1 in Neumünster mit zwei Kameras die Bewegungen von Otto Schmidt, Mittelfeldspieler beim VfR Neumünster, auf dem Laufband auf.
Läuft alles so, dass keine Beschwerden auftreten? Dr. Marco Weingarten, Leiter des Lauflabors der Firma Orthopädietechnik Nord o.t.n., zeichnet am Standort Wendenstraße 1 in Neumünster mit zwei Kameras die Bewegungen von Otto Schmidt, Mittelfeldspieler beim VfR Neumünster, auf dem Laufband auf. Quelle: Sven Janssen
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Neumünster

Schön langsam, so die Anweisung, läuft Otto Schmidt auf der Stelle. 6,5 Stundenkilometer sind auf dem Laufband eingestellt für den 21 Jahre alten Mittelfeldspieler. Rechts und hinten zeichnen Kameras seine Bewegung auf, Strahler leuchten das Lauf-Feld gnadenlos aus. Sportwissenschaftler Dr. Marco Weingarten verfolgt den Bewegungsablauf live und am Computer. 

Weingarten leitet das Lauflabor der Firma Orthopädietechnik Nord o.t.n., in dem etwa 300 Laufanalysen im Jahr vorgenommen werden. Primär kommen Sportler hierher, in die Wendenstraße 1 in Neumünster, sowohl 14- bis 16-Jährige, „die oft sehr engagiert und beansprucht sind“, mit wachstumsbedingten Problemen, als auch Menschen mittleren Alters, die beim Laufen ihre Grenzen spüren und professionellen Rat brauchen.

"Ich dachte, ich liefe wie ein junger Gott - bis ich die Laufanalyse sah."

Weingarten ist selbst Läufer, ein „spät berufener“, sagt der 47-Jährige. Er habe vor etwa 20 Jahren mit einem Köstenlauf begonnen – traditionelle Sportveranstaltung während der Holstenköste in Neumünster. Es blieb nicht bei diesem einen Mal. Häufige Teilnahmen beim Kiellauf folgten, auf der Halbmarathon-Strecke, dann auch mehrere Marathon-Läufe, meistens in Hamburg. Sowohl den Halbmarathon in Kiel als auch den Marathon in Hamburg ist Weingarten in diesem Jahr mitgelaufen.

Eine videobasierte Analyse sei, verglichen mit der Selbstwahrnehmung des Laufenden, aber auch vergleichen mit der relativ kurzen Wahrnehmung des erfahrenen Beobachters, objektiv, meint Sportwissenschaftler Dr. Marco Weingarten. Sie könne immer wieder reproduziert werden und schule die Wahrnehmung.

Stand er auch mal auf diesem Laufband, das Otto Schmidt gerade mit Geduld und Ausdauer nutzt? „Ja, als wir vor mehr als zehn Jahren bei o.t.n. mit den Laufanalysen begannen.“ Weingarten verfügt über Humor. „Ich dachte bis dahin, ich liefe wie ein junger Gott. Doch die Video-Aufnahme belehrte mich eines Besseren. Ich erkannte, dass ich ein Rumpf-Stabilitätstraining machen musste.“

Die Videoaufnahme habe weitere Vorzüge: „Sie ist objektiv, man kann sie immer wieder reproduzieren und dadurch seine Wahrnehmung schulen. Die direkte Beobachtung verrät einem zwar auch viel, aber sie ist subjektiv und zeigt nur eine Sequenz, diese aber nicht in der Detailtreue, die die Kamera abbilden kann.“ 

Jeder denkt, er könne laufen, aber gelehrt wird Laufen meistens nicht

Seine Kunden weise er anschließend am Monitor darauf hin, „was ich für auffällig und wichtig erachte, und gebe Empfehlungen zur Bewegungsveränderung.“ Sind Kunden beim Betrachten der Bilder überrascht? „Ja, oft. Speziell beim Laufen, weil es als technische Sportart nie gelehrt wird, anders als etwa Schwimmen oder Tennis. Jeder meint ja, laufen zu können. Insofern ist der Laufsportler recht unreflektiert unterwegs.“

Bei Otto Schmidt liefert die Einstellung „Beinachse barfuß“ alle relevanten Hinweise auf das Abrollverhalten der Füße, die Statik der Sprunggelenke, die Statik der Beinachsen, bezogen auf die Kniegelenke, und auf die Becken-Rumpf-Stabilität.

Typische Indikationen: Achillessehnen-, Kniegelenks- und Hüft-Beschwerden

Schmidt hat keine Beschwerden, sondern sich lediglich als o.t.n.-Auszubildender für die Fotos zu diesem Bericht zur Verfügung gestellt. Hätte er Beschwerden, wären typische Indikationen für eine Laufanalyse Achillessehnen-, Kniegelenks- oder Hüft-Beschwerden, ob in den Knochen, Muskeln oder im Bindegewebe.

Dysbalancen zu erkennen, hilft auch Nicht-Sportlern – etwa nach Bandscheibenvorfall, dem Einsatz eines künstlichen Gelenks oder einem Unfall. Schonen oder nicht schonen? „Ich bin eher der Freund von Nicht-Schonen, sondern von Belasten“, sagt Weingarten. „Dann aber optimal belasten. Und dazu ist eine Lauf- und Bewegungsanalyse dienlich.“

Ehrliche Frage an sich: War man vor der OP bereit, selbst etwas zu tun?

Selbst wenn nach einem Unfall Schäden bleiben – man könne, sagt Weingarten, durch Muskeltraining vieles kompensieren und ausgleichen „und das Fortschreiten von Erkrankungen stoppen oder verhindern“. Bis ins hohe Alter sei die Muskulatur trainierbar. 

„Die Eigenaktivität der Patienten ist, glaube ich, das Entscheidende.“ Man müsse sich ehrlich und selbstkritisch fragen, welche Chancen eine Operation zum Ersatz eines durch Arthrose geschädigten Gelenks bietet, wenn man vor der Operation nicht bereit war, selbst etwas zu tun.

Die andere und günstigere Methode: Patienten beim Gehen genau beobachten

Video-Analysen sind selbst zu bezahlen – zwischen 59 und 109 Euro. Orthopäden können diese nur empfehlen, nicht verschreiben. Andreas Hypa, Geschäftsführer von Sport-Reha Kiel, Krankengymnast, Sportphysiotherapeut und Sportlehrer, hält eine videogestützte Ganganalyse nicht unbedingt für notwendig.

„Für die Technikaffinen, die die beste Analyse mithilfe eines Films sehen wollen, den sie sich vielleicht zu Hause immer wieder ansehen können, ist diese Analyse geeignet, aber eigentlich ist sie etwas für den Hochleistungssportbereich.“ Patienten, die einen Unfall gehabt oder nach einer Operation zum Einsatz eines künstlichen Gelenks Sport treiben wollten oder ein Bewegungstraining beginnen, lasse er zunächst Kniebeugen machen und den Flur hinuntergehen, sagt Hypa. 

Entscheidend ist die Muskulatur, und die ist bis ins hohe Alter trainierbar

Zwar können nach Gelenkersatz leichte Beinlängen-Differenzen entstehen. „Entscheidend ist aber, dass über viele Jahre durch die Arthrose im Hüftgelenkskopf die Muskeln, die die Hüfte stabilisieren, geschwächt wurden.“

Auch wenn der Vergleich hinke: Ein Auto, dessen Reifen auf der einen Seite einen Luftdruck von 1 bar, auf der anderen von 3 bar haben, könne man zwar geradeaus steuern – nur wirken ständig Kräfte dagegen, die Verschleiß fördern.

Er selbst, 62 Jahre alt, habe links ein künstliches Hüftgelenk. „Ich habe lange an meinem Gangbild gearbeitet“, sagt Hypa. Für Patienten seien unter der Prämisse, dass sie ein normales Gangbild ohne Schmerzen erreichen wollten, die entscheidenden Fragen: Was setze ich um? Und wie setze ich es um?

„Ich will die Leute sehen“, sagt Hypa. „Ist der Patient ein haptischer Lerntyp oder ein virtueller Lerntyp?“ Das müsse man herausfinden, um die passende Methode und die passenden Übungen vorzuschlagen. „Wir bringen jedem Patienten ein physiologisches Gangbild bei, damit er dieses in seinem Alltag anwenden kann.“

Gang- und Bewegungsanalysen in Kiel

Die Bewegungsanalyse (Lauf- und Ganganalyse) wird in Kiel zum Beispiel angeboten vom Sanitätshaus Kriwat (im Orthopädie-Kompetenzcentrum Königsweg) und von Sportwissenschaftlerin Dr. Katharina Oehlert (Bewegunghochdrei, im Sanitätshaus Green, Werftstr. 208), in Neumünster von der Firma Orthopädie Technik Nord o.t.n. am Standort Wendenstraße 1 (nicht in Kaltenkirchen, Büdelsdorf, Bordesholm und Nortorf). Die Bewegungsanalyse muss in der Regel selbst bezahlt werden.

Wenn ein Rezept vom Orthopäden oder Hausarzt vorliegt, übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten für ein langfristiges Reha-Sport- oder Funktionstraining, zum Beispiel Krankengymnastik oder Gangschule (50 Einheiten). Mit einem Funktionstraining können Patienten Dysbalancen im Rücken ausgleichen und etwas tun, wenn sie Probleme mit Arthrose oder Steifheit haben.

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