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Schleswig-Holstein Wie sieht unsere Zukunft aus, Prof. Ulrich Reinhardt?
Nachrichten Schleswig-Holstein Wie sieht unsere Zukunft aus, Prof. Ulrich Reinhardt?
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20:00 15.08.2019
Von Kristiane Backheuer
Wohin geht die Reise in die Zukunft? Prof. Ulrich Reinhardt erforscht unsere Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Hoffnungen. Der 48-jährige Wissenschaftler leitet die Hamburger „Stiftung für Zukunftsfragen“ und lehrt an der Fachhochschule Westküste in Heide. Quelle: hfr
Kiel

Herr Reinhardt, Sie erforschen unter anderem auch unsere Einkaufsgewohnheiten. Wann waren Sie denn das letzte Mal shoppen?

Ulrich Reinhardt: Am Wochenende, zusammen mit meiner Frau. Der Anlass war die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für eine Freundin. Da wir aber keine wirkliche Idee hatten, sind wir in Ruhe durch verschiedene Läden geschlendert, bis wir etwas gefunden haben.

Wollten Sie bewusst nichts online kaufen?

Im Internet kaufe ich eigentlich nur dann etwas, wenn ich genau weiß, was ich brauche. Auch ist ein Einkaufsbummel für mich mehr, als bloß schnell etwas zu besorgen. Ich mag die Atmosphäre, gehe zwischendurch gerne in ein Café, lasse mich bewusst treiben und vergesse die Zeit. Shoppen ist für mich eine Freizeitaktivität.

Steckbrief Professor Dr. Ulrich Reinhardt

Professor Dr. Ulrich Reinhardt, Jahrgang 1970, ist Zukunftswissenschaftler und Wissenschaftlicher Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen – eine Initiative von British American Tobacco“. Zudem hält er eine Professur für Empirische Zukunftsforschung am Fachbereich Wirtschaft der FH Westküste in Heide. Er prägte unter anderem als Mitinitiator das Projekt „Deutschlands nächste Jahre“, das im Bundeskanzleramt angesiedelt ist, und war vier Jahre Mitglied im Zukunftsrat des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. Als Ideengeber brachte er internationale Forschungsprojekte auf den Weg, die vor allem die Entwicklung Europas im Blick haben.

Sind Ihre Einkaufsgewohnheiten damit typisch für den durchschnittlichen Deutschen?

Noch immer bevorzugen vier von fünf Bundesbürgern den Einkauf in einem Geschäft gegenüber dem Onlineshopping. Sie schätzen eine persönliche Beratung, wollen die Ware sehen, anfassen und gleich mit nach Hause nehmen. Die Mehrheit möchte zudem die Einzelhändler vor Ort unterstützen und bedauern es, wenn Geschäfte schließen müssen. Allerdings sind viele auch bequem und kaufen oftmals im Internet ein – vor allem weil die Auswahl größer und die Preise meist günstiger sind.

Auch in Schleswig-Holstein haben viele Geschäfte Probleme. Was raten Sie denen?

Der Kunde muss wieder König sein. Hierzu zählen neben einer übersichtlichen Gestaltung der Verkaufsräume sowie geringen Wartezeiten beim Bezahlen vor allem zugewandtes, freundliches, kompetentes und geduldiges Verkaufspersonal. Den Preiskampf gegen das Internet kann kein Geschäft gewinnen. Wenn aber die persönliche Beratung wirklich gut ist, sind fast zwei Drittel auch bereit, etwas höhere Preise zu bezahlen. Investitionen in gute Mitarbeiter sind für mich daher wichtiger als alles andere.

Lesen Sie auch: Dein Freund, das Netz - Medien dominieren die Freizeit

Vom Einkaufen zur Freizeit: Wie sieht aktuell dort das Verhalten der Schleswig-Holsteiner aus?

Fernsehen ist auch im Norden seit Jahrzehnten die häufigste Freizeitbeschäftigung. Aber Fernsehen ist nicht in jeder Lebensphase gleich attraktiv. Für kinderlose Paare steht die gemeinsame Zeit mit dem Partner an erster Stelle, während Familien in ihrer Freizeit am häufigsten Radio hören. Bei jungen Erwachsenen und Singles landet das Fernsehen sogar nur auf Platz fünf, weit hinter ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung, der Internetnutzung.

Wie hat sich unser Freizeitverhalten verändert?

Während es früher hieß „Eine Sache zu einer Zeit“, lautet heute das Motto „Mehr tun in gleicher Zeit“. Das Freizeitangebot hat sich über die Jahre vervielfacht. Dieses Überangebot nehmen einige als Bereicherung wahr, bei anderen führt es aber auch zu Stress und Überforderung. Zu den Verlierern zählen – entgegen der eigentlichen Wünsche – gerade in den letzten Jahren die zwischenmenschlichen Kontakte. Freunde treffen, Bekannte zu sich nach Hause einladen, Zeit mit den Enkeln, Kindern oder Großeltern verbringen oder einen Plausch mit den Nachbarn halten: All dies hat abgenommen. Die Gründe für diese Entwicklung sind zahlreich. Ein Grund ist sicherlich der Trend zur Optimierung von Körper und Geist. Ein anderer, gerade bei der jungen Generation, ist der zunehmende Wunsch nach Selbstdarstellung. Nahezu alles in ihrem Leben wird medial inszeniert. Da kann es schon passieren, dass etwas nicht aus rein persönlicher Motivation getan wird, sondern um anschließend zu sagen: Ich war dabei!

Gibt es die „perfekte“ Freizeit?

Im Idealfall ist die Freizeit die Zeit, in der man etwas tut, weil man es möchte, nicht weil man es muss oder sich dazu verpflichtet fühlt. Eine gelungene Freizeitgestaltung sollte daher den ganz persönlichen Bedürfnissen dienen und in erster Linie einen selbst und nicht andere glücklich machen. Wichtig ist dabei sicherlich, sich seiner Bedürfnisse zunächst einmal selber bewusst zu sein und die wirklich zentralen Aspekte über die unwichtigen zu stellen. Dabei kann weniger manchmal durchaus mehr sein, schließlich bedeutet Freizeit nicht nur freie Zeit für etwas, sondern auch freie Zeit von etwas. Die größten Freizeitwünsche der Schleswig-Holsteiner passen hierzu übrigens ganz gut: „Mehr schlafen“, „Mehr faulenzen“ und auf Platz 1: „Öfter genau das tun, wozu ich spontan Lust habe“.

Herr Reinhardt, Sie sind ja Zukunftswissenschaftler. Wie wird unser Leben zukünftig aussehen?

Flexibilisierung, Globalisierung, Digitalisierung, Mobilisierung, Mediatisierung, Urbanisierung, Feminisierung, Demokratisierung – all diese Schlagwörter verdeutlichen, mit welcher Dynamik sich die Welt derzeit verändert. Und zweifellos haben all diese Entwicklungen einen großen Einfluss auf unser Leben und werden die Zukunft mitprägen. Aber egal, wie die Welt sich auch entwickelt: Entscheidend ist, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Oder anders ausgedrückt, die Frage darf nicht lauten: Wie werden wir in Zukunft leben? Sondern: Wie wollen wir in Zukunft leben?

Und? Wie wollen wir leben?

Auch wenn sich unsere Welt im Wandel befindet und unser Leben zunehmend von Komplexität und Schnelligkeit geprägt ist, sind die Wünsche der Bürger in Bezug auf das Zusammenleben recht simpel. Fast durchgängig stehen Sicherheit und Geborgenheit ganz vorne. Hieraus formuliert sich die Forderung nach einem reflektierten, werteorientierten und verständnisvollen Gemeinsinn und einer gelebten Solidarität – sei es in der Familie oder im Freundeskreis, im nachbarschaftlichen Wohnumfeld, aber auch in Stadtteilen, Kommunen oder Kreisen. Die Individualisierungszeit der letzten Jahrzehnte ist vorbei, und an die Stelle von Beliebigkeit tritt wieder Beständigkeit.

Letzte Frage: Wird das Leben in Zukunft besser oder schlechter?

Die Zukunft wird besser sein als die Vergangenheit. Dieses war schon immer so. Die Menschheit hat sich stets weiterentwickelt, und das Leben hat sich immer verbessert. Dies wird auch zukünftig so sein. Blicken wir daher mit Optimismus auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Lernen wir aus der Vergangenheit, und gestalten wir die Zukunft gemäß unseren Träumen und nicht unseren Ängsten. Vertrauen wir einander, und trauen uns selbst mehr zu.

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