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Schleswig-Holstein Eine Heldin wider Willen
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11:43 03.07.2019
Von Bastian Modrow
Für viele ist sie eine Heldin: "Sea-Watch 3"-Kapitänin Carola Rackete.
Für viele ist sie eine Heldin: "Sea-Watch 3"-Kapitänin Carola Rackete. Quelle: Pasquale Claudio Montana Lampo
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Kiel

Das Foto von Carola Rackete, auf dem sie bei ihrer Festnahme mit empor gerecktem Arm die Gangway der „Sea-Watch 3“ herabschreitet, wird in ganz Europa verbreitet. Die Bilder der Festnahme laufen seit Tagen stündlich bei CNN. Demokratischen US-Medien kommt der Konflikt zwischen der aufmüpfigen Seenotretterin und den italienischen Rechtspopulisten gerade recht, um Vergleiche zur umstrittenen Einwanderungspolitik ihres eigenen Präsidenten zu ziehen.

Viel Zustimmung für Carola Rackete im Internet

Die junge Frau mit den langen Dreadlocks ist zur Symbolfigur für die Missstände im Mittelmeerraum geworden. Medial wie politisch. Nicht wenige sagen, dass erst ihr Fall das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik wieder in den öffentlichen Fokus gerückt hat.

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„Das Sterben der Geflüchteten im Mittelmeer war in Vergessenheit geraten“, „Jetzt kann die Politik nicht mehr weggucken“, „Carola Rackete hat alles richtig gemacht“, bekunden Anhänger in sozialen Medien. „Sie ist eine Heldin“, ist bei Twitter zu lesen. Manche wünschen sich den Friedensnobelpreis für die „leise Rebellin“, wie sie einige Medien getauft haben.

Vater: Sie steht ungern im Mittelpunkt

Ob Carola Rackete diese Aufmerksamkeit gefällt? Ob sie sich diesen Ruhm gewünscht hat? Glaubt man ihrem Vater Ekkehardt Rackete, muss man dies verneinen: „Es ist ihr unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen“, sagte er KN-online. Ein Freund berichtet „Spiegel Online“: „Carola ist nicht kamerascheu – aber auf keinen Fall eine Selbstdarstellerin.“ Dafür spricht auch, dass die 31-Jährige nicht mit eigenen Profilen bei Facebook, Instagram oder Twitter vertreten ist. Lediglich bei LinkedIn können sich Nutzer mit ihr verbinden und ihre Vita einsehen.

Geboren wurde Carola Rackete im Krankenhaus Preetz, lebte zunächst mit ihren Eltern in Heikendorf, bevor die Familie nach Hambühren bei Celle in Niedersachsen zog. Dort machte die junge Frau 2007 ihr Abitur.

Ihr Vater, ein ehemaliger Oberstleutnant, hatte einen speziellen Wunsch für die berufliche Zukunft seiner Tochter: „Carola ist zielstrebig und analytisch. Ich hätte sie sehr gern als Offizier in meiner Raketenforschungsabteilung bei der Bundeswehr gehabt“, sagt er. Tatsächlich schlug sie aber eine andere Laufbahn ein, studierte Nautik an der Seefahrtschule in Elsfleth, schloss in Großbritannien ihr Studium mit dem Master in „Conservation Management“ ab.

Carola Rackete lebte zuletzt in Schottland

Viel ist über den Privatmenschen Carola Rackete nicht bekannt. Als Aktivistin engagierte sie sich bei Greenpeace, arbeitete zeitweise für ein Polarforschungsprogramm in Großbritannien. Auch als Reiseführerin für Expeditions-Kreuzfahrten soll sie gejobbt haben, will der „Spiegel“ in Erfahrung gebracht haben. Zuletzt lebte die 31-Jährige in Schottland, war dort in einem Nationalpark beschäftigt. Mit der Seenotrettungs-Organisation „Sea-Watch“ fühlte sie sich seit 2015 eng verbunden.

Der Hilfseinsatz, der ihr nun weltweite Aufmerksamkeit beschert hat, war extrem kurzfristig terminiert worden, berichtet ihr Vater im Gespräch mit „Focus Online“: „Sie war vor drei, vier Wochen an einem Sonnabendmorgen gerade aus Schottland zurückgekommen.

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Am Nachmittag saß sie schon im Flugzeug nach Malta. Es war wohl dringend, weil die Hilfsorganisation sonst niemand mit einem Kapitänspatent hatte.“ Tatsächlich, so berichtet Ruben Neugebauer, Sprecher von „Sea-Watch“, sei ein anderer Schiffsführer kurzfristig ausgefallen.

Schäuble übt Kritik an Seenotrettern

Ihr Aushilfsjob auf der Brücke der „Sea-Watch 3“ führte die Aktivistin in italienischen Hausarrest. Die rechtlichen Folgen, die Carola Rackete drohen, sind kaum abzuschätzen. „Der Tragweite ihres Handels war sie sich aber bewusst. Sie war schon immer fokussiert“, berichtet der Vater. Und so wirkt die junge Frau auch in den Videos, die „Sea-Watch“ im Internet veröffentlicht hat: Ruhig, sachlich und fast ein wenig zu emotionslos spricht sie über die Lage an Bord des Hilfsschiffes und äußert ihre Kritik an der italienischen Regierung.

Zwar kann die Seenotretterin auf prominente Unterstützer wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier oder TV-Entertainer Klaas Heufer-Umlauf setzen, der Chor von Kritikern ist in den sozialen Medien allerdings ebenfalls nicht zu überhören. „In der Zeit, in der sie mit den Geretteten auf dem Mittelmeer umhergeschippert ist, hätte sie auch einen sicheren afrikanischen Hafen anlaufen können“, wird ihr vorgeworfen. In der „Bild“ rüffelt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) die junge Kapitänin: Seenotrettungs-Organisationen müssten selbstkritisch diskutieren, „ob sie nicht auch das Geschäft der Schlepper befördern“.

Es sind Vorwürfe, die Schleswig-Holsteins Flüchtlingsbeauftragter Stefan Schmidt zu gut kennt. Der ehemalige Kapitän der „Cap Anamur“ hatte im Juli 2004 ebenfalls mit Flüchtlingen an Bord einen italienischen Hafen angelaufen und war deshalb in Haft genommen worden. Er ist voller Bewunderung für Carola Rackete: „Ich weiß, unter welchem Druck sie steht.“ Ihr Verhalten: „Vorbildlich“, findet Schmidt

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03.07.2019
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Christian Hiersemenzel 03.07.2019