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Schleswig-Holstein Was Krebspatient Tobias Mayer auf positive Gedanken brachte
Nachrichten Schleswig-Holstein

Seminar für Krebspatienten im Kloster Nütschau: Was Krebspatient Mayer auf positive Gedanken brachte

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16:00 22.12.2021
Von Karen Schwenke
Tobias Mayer geht es viel besser als noch vor Monaten. Voller Vorfreude wartet er vorm Herrenhaus des Klosters Nütschau auf den Beginn eines Seminars der Krebsgesellschaft. Für ihn ist es schon der zweite Seminarbesuch mit Klassenfahrtcharakter.
Tobias Mayer geht es viel besser als noch vor Monaten. Voller Vorfreude wartet er vorm Herrenhaus des Klosters Nütschau auf den Beginn eines Seminars der Krebsgesellschaft. Für ihn ist es schon der zweite Seminarbesuch mit Klassenfahrtcharakter. Quelle: Ulf Dahl
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Travenbrück/Kiel

Wie lange er noch zu leben hat, will Tobias Mayer gar nicht wissen. „Denn dann geht das Grübeln wieder los: Was wird aus meiner Frau, was aus meinen Kindern?“ Der 47-Jährige hat eine seltene Form von schwarzem Hautkrebs. Es ging ihm zeitweise so schlecht, dass sein Umfeld nicht glaubte, er würde dieses Weihnachtsfest überleben. Seinen Beruf, den bevorstehenden Hausbau – das alles neu zu planen, raubte dem krebsgeschwächten Familienvater die Kraft, die er eigentlich für seinen Kampf gegen die tödliche Krankheit brauchte. Bei einem Seminar der Krebsgesellschaft im Kloster Nütschau konnte er seine Sorgen mit anderen Krebspatienten teilen, sich Rat bei Experten holen – und er bekam „einen neuen Blickwinkel auf die Krankheit“.

Erst als alles bis zur Trauerfeier geregelt war, ging es bergauf

Inzwischen hat sich der Familienvater erholt. Körperlich und psychisch. Dank einer wirksamen Therapie und dank seiner neuen Einstellung zur Krankheit. Bei seinem ersten Seminar im vergangenen Sommer hat Tobias Mayer viele Gespräche geführt und viel reflektiert. Er weiß jetzt ganz genau, was ihm guttut und was nicht. Zum Beispiel ist er überzeugt, darunter zu leiden, wenn er wüsste, wie hoch seine Lebenserwartung noch ist. „Meine Frau will es gerne wissen, aber was nützt es mir zu hören: noch drei Monate oder zwei Jahre – auch das Zeitfenster läuft ab. Und dann?“ Er lebe lieber ohne diese Last und blicke optimistisch in die Zukunft.

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So positiv war Tobias Mayer lange Zeit nicht. „Ich lag nächtelang wach und habe über alles nachgedacht.“ Wie sollte er den Hausbau bezahlen, wenn er nicht mehr selbst anpacken kann? Würde er in seinem Beruf als Feuerwehrmann weiterarbeiten können? „Erst als ich alles geregelt hatte, als ich selbst meine Trauerfeier bis auf die Musik durchgeplant hatte, war ich wieder entspannt.“ Und dann ging es bergauf. Auch körperlich.

So können Sie spenden

Der Verein KN hilft ruft in diesem Jahr zu einer Spendensammlung für die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein im Verbreitungsgebiet der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung auf. Dafür ist das Spendenkonto – Stichwort Gutes tun im Advent – bei der Förde Sparkasse eingerichtet: DE05 2105 0170 1400 2620 00.

Möchten Sie nicht, dass Sie als Spender in der Zeitung erwähnt werden, schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck „kein Name“. Möchten Sie eine Spendenbescheinigung, vermerken Sie bitte „Spendenbescheinigung“ und Ihre Adresse.

Alle Spenden, die bis Ende des Jahres für „Gutes tun im Advent“ auf dem Konto eingehen, werden an die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein überwiesen. Damit werden zusätzliche Hilfen für von Krebs betroffene Familien finanziert.

Der Unterschied ist bemerkenswert: Tobias Mayer zieht ein Foto vom Sommer hervor. Es zeigt einen ausgemergelten Mann, den man nur schwer mit ihm in Verbindung bringt. Heute wiegt er 20 Kilo mehr, seine schwere Erkrankung sieht man ihm nicht mehr an. Doch der Krebs ist nicht überstanden. Der schwarze Hautkrebs, der 2016 in seinem rechten Auge diagnostiziert wurde, hat gestreut. Im Frühjahr 2021 wurden Metastasen in der Leber entdeckt. Seit Mai lässt er den Krebs mit einer Immuntherapie am UKSH bekämpfen. Die Therapie hat angeschlagen, sie wird aber noch das ganze nächste Jahr laufen, berichtet Mayer.

Wandern, tanzen, malen, bewegen: Nicht nur reden, sondern gemeinsam etwas tun

Seine Ärztin, Dr. Katharina Kähler, Leiterin des Hautkrebszentrums, habe ihm Mut zugesprochen, die Therapie fortzusetzen, auch als er unter den schweren Nebenwirkungen sehr litt. Und sie ermutigte ihn, an dem Seminar der Krebsgesellschaft teilzunehmen. Kähler selbst hat das zweieinhalbtägige Seminar für die Krebsgesellschaft konzipiert. „Ziel ist es, dass die Menschen wieder einen Bezug zu sich selbst aufbauen, wenn er, was nicht ungewöhnlich ist, durch die Krankheit verloren gegangen ist.“

Katharina Kähler will den Patienten auch Anregungen geben, was ihnen helfen könnte, in ihrer Lebenssituation gut weiterzumachen. „Am Ende sollen sie mit neuen Ideen und Plänen wegfahren.“ Als Zielgruppe hat sie Menschen im Auge, die mit den Angeboten der Krebsgesellschaft oftmals nicht erreicht werden: „Männer und Jüngere – diese Patienten wollen sich auch gern austauschen, aber sie wollen vor allem etwas mit anderen unternehmen.“ Also hat Kähler das Seminar mit Aktivitäten gefüllt: Wanderungen, Gymnastik, malen und tanzen. Es gibt aber auch Expertenvorträge zu Ernährung, Hautpflege und psychosozialen Fragen.

Über das gemeinsame Tun komme eine Nähe zustande, die dann zum intensiven Austausch führe. „Nach der Nachtwanderung unterm Sternenhimmel trinken die Seminarteilnehmer am Kamin ein Glas Wein. Das ist wie eine Klassenfahrt“, kommt die Ärztin regelrecht ins Schwärmen. Auch den Ort – das nördlichste Benediktinerkloster Deutschlands – hat sie bewusst gewählt: „Man spürt den Geist, der dort herrscht, das können sie im Hilton-Hotel nicht machen“, meint die Ärztin. „Jedes Mal, wenn ich vom Seminar wegfahre, bin ich so beseelt, weil die Arbeit mit den Menschen sehr intensiv ist.“

„Nach der Nachtwanderung unterm Sternenhimmel trinken die Seminarteilnehmer am Kamin ein Glas Wein. Das ist wie eine Klassenfahrt“, schwärmt Dr. Katharina Kähler. Sie ist Leiterin des Hautkrebszentrums am UKSH und stellvertretende Vorsitzende der Krebsgesellschaft und hat das Seminar in Nütschau konzipiert. Quelle: Ulf Dahl

Wenige Tage vor Weihnachten besucht Tobias Mayer zum zweiten Mal das Seminar im Kloster Nütschau. Hinter dem Herrenhaus mit seinen drei Giebeln steht die Sonne schon tief, und diese besondere Seminarstimmung zieht auf: „Ich freu’ mich auf die Nachtwanderung“, sagt Mayer.

Nur dem Programmpunkt Kunsttherapie blicke er mit Skepsis entgegen. „Malen ist nicht so meins“. Schon beim letzten Seminar habe er sich zu einer Aktivität überreden lassen: Tangotanz. „Ich wollte nicht, aber als ich dann doch etwas später aufgetaucht bin, haben es alle gefeiert, und mir hat’s tatsächlich Spaß gemacht.“

Wer weiß, vielleicht fängt Mayer auch an zu malen. In jedem Fall heißt es für ihn wieder Kraft tanken, Hoffnung schöpfen und am Ende inspiriert nach Hause fahren. Ein schöner Start ins Weihnachtsfest.

Informationen über das Seminar und Anmeldungen bei der Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein unter Telefon 0431-8001080