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Schleswig-Holstein Als Torjäger im Schützengraben
Nachrichten Schleswig-Holstein Als Torjäger im Schützengraben
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08:33 16.06.2014
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Vor Kriegsbeginn posierte die Mannschaft von Union Kiel noch fröhlich für den Fotografen. Nach dem verlustreichen Krieg kämpften dann viele Vereine um ihre Existenz. Quelle: *
Kiel

Nichts deutete im Sommer 1914 zunächst darauf hin, dass die neue Fußballsaison der 1. Kieler Klasse nicht wie vorgesehen beginnen würde. Holstein Kiel war vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) Ende Juni ins schwedische Malmö geschickt worden, zu den Baltischen Spielen. Zur Vorbereitung auf dieses Turnier hatte der Norddeutsche Fußball-Verband (NFV) sogar eigens den englischen Trainer Wolstenholme nach Kiel abgeordnet. Der Plan ging auf. Holstein gewann das Turnier gegen russische und schwedische Vereine. Es sollten für viele Jahre die letzten internationalen Begegnungen gewesen sein.

 Denn der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 beendete abrupt den Spielbetrieb in der 1. Kieler Klasse. Zu diesem Zeitpunkt hatten programmmäßig gerade einmal die Aufstiegsspiele stattgefunden. Doch mit der Mobilmachung hieß es plötzlich für die meisten Spieler: Schützengraben statt Fußballrasen. An einen normalen Ligabetrieb war mit dem völlig überraschenden Waffengang nicht mehr zu denken. Lediglich Freundschaftsspiele wurden ab dem Jahresende 1914 wieder organisiert.

 Doch viele Vereine bekamen mit zunehmender Kriegsdauer Aufstellungsschwierigkeiten. Nachvollziehbar, so waren von Holstein Kiel bereits im Januar 1915 etwa 60 Spieler im Kriegseinsatz – unter den Soldaten war fast die gesamte Ligamannschaft. Und auch vom 1. Kieler FC dienten 50 Kicker an der Front. Zahlreiche der auf den europäischen Schlachtfeldern kämpfenden Fußballer verloren bei dem sinnlosen Völkermorden ihr junges Leben. Weltweit starben in dem Konflikt neun Millionen Menschen.

 Wer noch nicht einberufen worden war oder sich gerade auf Heimaturlaub befand, nahm an den zwanglosen Freundschaftsspielen teil. So standen sich Holstein und der 1. Kieler FV am 31. Januar 1915 gegenüber. Der Platz war mit tiefem Schnee bedeckt, beide Teams traten mit nur zehn Mann an. Die Partie endete nach einer Spieldauer von zweimal 30 Minuten mit einem 3:3. Der Schiedsrichter, er hieß Henkel, war zuvor noch als Motorradfahrer beim Kriegseinsatz mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden – wie auch der Holsteiner Ernst Möller, Unteroffizier der Reserve, und Arthur Beier, der als Mitbegründer des 1. Kieler FV gemeinsam mit Georg P. Blaschke auch einer der Urheber des Kieler Fußballbetriebs war.

 Möller, durch dessen Elfmetertor Holstein 1912 den Meistertitel geholt hatte, fiel am 8. November 1916 mit nur 25 Jahren. Beier starb als Leutnant im Februar 1917 an der Westfront. Zu den jungen Opfern von Holsteins Meisterelf aus dem Jahr 1912 gehörten auch Georg Krogmann (9. Januar 1915/28 Jahre), David Binder (25. November 1917/23) und Wilhelm Tim (20. Juli 1916/22).

 Spiele um die deutsche Meisterschaft wurden in den Kriegsjahren 1915 bis 1919 nicht angesetzt. Doch trotz der Widrigkeiten wollte man im Norden nicht komplett auf den Fußball verzichten: Anfang 1915 verständigten sich die Bezirksvereine von Groß-Kiel darauf, ab der Saison 1915/16 wieder Bezirksspiele einzuführen – und zwar wegen der beschränkten Sportplatzverhältnisse und der erheblichen Fahrtkosten nur für den Kieler Raum. Doch obwohl die Kriegswirren meilenweit entfernt waren – ein reibungsloser Ablauf war unmöglich. Ständig traten Mannschaften unvollständig an, weswegen die Ergebnisse mitunter überraschend hoch ausfielen. Ein 15:0 oder ein 19:2 waren keine Seltenheit.

 Zu Beginn der Saison 1918/19 ließen sich die Probleme nicht mehr überdecken. Der Krieg, dessen Ende sich mehr und mehr abzeichnete, zeigte seine grässlichen Auswirkungen: Viele Spieler waren gefallen oder kehrten als Kriegsversehrte zurück – und viele Vereine sahen sich in ihrer Existenz bedroht. Zwangsläufig mussten die Klubs mit ihren ungeliebten Ortsrivalen fusionieren. In Kiel wurde dieser Schritt insbesondere auf Betreiben von Georg P. Blaschke bereits am 7. Juni 1917 zwischen dem 1. Kieler FV und dem FV Holstein Kiel zum neuen Verein Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 – kurz „KSV Holstein“ – vollzogen.

 Als in Kiel die Matrosen mit ihrem Aufstand gegen die herrschende Klasse rebellierten und dadurch das Kriegsende einleiteten, konnte bald auch der Marine SC Kiel, der sich erst im Sommer 1918 zu den Bezirksspielen zurückgemeldet hatte, keine Mannschaft mehr aufbieten. Denn mit dem Umsturz der politischen Verhältnisse in Deutschland wurden viele Soldaten der Marine entlassen, weswegen sie zum Großteil die Stadt an der Förde verließen.

 Insgesamt veränderte sich zu dieser Zeit die gesamte Vereinslandschaft. Im Juli 1919 fusionierten der FC Union Kiel und der FV Teutonia zum VfB Union Teutonia Kiel. Im Sommer 1919 schlossen sich der FV Hohenzollern und der FC Hertha Kiel zur SV Hohenzollern-Hertha (Vorgänger des VfB Kiel) sowie der SV Preußen und der 1918 gegründete FC Germania zum SV Preußen-Germania Kiel zusammen. Eines hat sich aber gezeigt: Die Kieler Vereine haben sich nie wirklich unterkriegen lassen.

 Von Reinhard Gusner