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Schleswig-Holstein Herzliche Grüße von der Front
Nachrichten Schleswig-Holstein Herzliche Grüße von der Front
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08:34 16.06.2014
Von Annemarie Heckmann
Rene Meyer (Mitte), Großvater von unserer Leserin Helma Koch-Dreßler aus Preetz, feierte im besetzten Rumänien die Jahreswende 1917/18. Quelle: privat
Kiel

Ein Gruß, ein paar Zeilen in Sütterlin oder Fotos: Die Post zwischen Deutschland und den Kriegsgebieten kam oft, war relativ zuverlässig – ein Kraftakt auch das. 8000 Soldaten waren allein für den Transport per Zug und Pferd im Einsatz – das zeigt, wie wichtig sie war. Mit jeder noch so kleinen Karte kam Zuspruch, Motivation, sowohl für die Soldaten an der Front als auch für die Familien daheim. Und im Laufe der Kriegsjahre war sie zudem wesentlicher Nachschublieferant, denn mit den Päckchen erhielten die Soldaten warme Kleidung, Tabak ebenso wie Lebensmittel.

 Lange hat sich die Wissenschaft rund um den Ersten Weltkrieg überwiegend auf militärhistorische und politische Aspekte konzentriert. Doch das ändert sich gerade zunehmend: Wissenschaftler und Archive blicken verstärkt auf diese Selbstzeugnisse. „Eine einmalige Chance, den Krieg und dessen individuelle Verarbeitung nachzuvollziehen“, nennt dies Prof. Rainer Hering, Leiter des Landesarchivs in Schleswig. Gerade die Briefe, die Tagebücher zeigen ein aussagekräftiges und oft auch anderes Bild des Krieges – sie beschreiben nicht nur die Lebensbedingungen im Einsatz und in der Heimat, die anfängliche Euphorie ebenso wie den mit den Kriegsjahren wachsenden Mangel, den Hunger. Sie geben dem Schrecken ein Gesicht, geben dem Zwiespalt Worte, Helden sein zu wollen, Helden sein zu müssen, und dabei Todesängste, Zweifel und Schrecken zu erleben. Und manchmal sind sie einfach auch nur banal – auch das ein Stück Sehnsucht nach Normalität und Alltag.

 So heißt es beispielsweise immer wieder „mit herzlichen Grüßen von der Front“. Viele Karten und Briefe klingen wie Urlaubsgrüße, ergänzt von Fotos von Landschaften, Straßenzügen, Schiffen, von Kameraden und auch von Feiern. Auch Helma Koch-Dreßler aus Preetz hütet noch die Feldpost ihres Großvaters. „In seinen ausführlichen Briefen beschreibt er den militärischen Alltag kaum und ergeht sich stattdessen ausführlich über gemeinsame Zukunftsperspektiven mit seiner geliebten Klara nach Kriegsende“, sagt sie und zitiert aus einem Gruß vom 17. Januar 1917: „Du hast ja ganz recht, indem Du sagst, es kommt auch wieder eine andere Zeit, aber wann??? Bis die kommt, so leben wir vielleicht gar nicht mehr, und dann ist alles vorbei, nicht wahr? Mein guter Schatz, man kann ja nicht wissen, was noch alles kommt und was noch werden wird, denn der Krieg ist ja noch nicht vorbei. Aber trotzdem will ich Dir von ganzem Herzen treu bleiben bis in den Tod, denn nur der Tod soll uns trennen und sonst niemand in dieser Welt.“

 Diese Briefe zeigen mit zunehmendem Kriegsverlauf aber auch, wie sich die Rollen in den Familien verändern, wie Frauen in der Heimat Verantwortung übernehmen, in Schulen unterrichten, in Fabriken arbeiten. Und sie zeigen den mentalen Zusammenbruch am Kriegsende – fehlende Väter, Verlust der gesamten Ersparnisse, die oft zu großen Teilen in Kriegsanleihen geflossen waren. Manche Soldaten kehrten ohne sichtbare Wunden und doch zutiefst verletzt zurück. Sie litten unter Symptomen wie dem „Kriegszittern“. Viele Ärzte hielten sie für „Feiglinge“. Heute ist die Forschung weiter und spricht von einer posttraumatischen Belastungsstörung.

 Was aber nicht vergessen werden dürfte, so Hering: Diese Schriftstücke müssen als Ergänzung anderer Quellen gesehen werden. Feldpost unterlag der Zensur: Durch die Politik, die militärischen Vorgesetzten, aber auch durch die Schreibenden selbst, die ihren Angehörigen nicht alles schonungslos berichten konnten und wollten. Auch war es überwiegend das Bürgertum, das schrieb. Und das war, anders als die Arbeiterschicht, eher kaisertreu. Einen kritischen Blick auf das Kriegsgeschehen hatten eher die einfacheren Menschen – doch die schrieben wenig oder gar nicht. Wie Reiner Hering erklärt, sind daher nur wenige Schriftwechsel aus der Arbeiterschicht in den Archiven gelandet.

 Hering unterstreicht: Bei den Aufzeichnungen vom „Großen Krieg“ müsse zwischen den Zeilen gelesen werden. So wurde die Post der Soldaten kontrolliert, Angaben zu kriegswichtigen Details waren verboten – zu Orten, militärischen Strategien, den Vorgesetzten, zu Verlusten, zur Stimmung in der Truppe, aber auch zu der Versorgung, der (fehlenden) Ausrüstung. Allerdings war die militärische Führung von dieser Zensur ausgenommen – was unter anderem auch beim Matrosenaufstand für heftigen Unmut sorgte. Gleichzeitig gab es den Druck, vermehrt Karten in die Heimat zu schreiben. Denn die waren nicht nur leichter und damit besser zu transportieren, sondern die ließen sich auch schneller gegenlesen.

 Aber was bedeutet die von Generation zu Generation weitergegebene oder in Archiven gehütete Post heute? Wie Hering betont, sind gerade komplett erhaltenen Schriftwechsel zwischen Soldaten und auch den Antworten der Familien über lange Zeiträume ein Glücksfall für die Wissenschaft – idealerweise noch von Tagebuchaufzeichnungen begleitet. Für die Forscher sind das „Ego-Dokumente“. Erst seit den 1980er-Jahren würde sich die historische Forschung verstärkt um die Fragen des Alltags, der Mentalitäten kümmern. Das beflügele das Fach, eröffne neue Fragestellungen, ein neues Verständnis – nicht nur des Ersten Weltkriegs.

 Im Internet ist mittlerweile die größte virtuelle Sammlung zum Ersten Weltkrieg verfügbar. Das Projekt Europeana hat zu den Kriegsjahren 80000 Dokumente und Objekte aus Archiven und Privathaushalten digitalisiert, viele Einträge stammen auch von Schleswig-Holsteinern. Allein mehr als 660 Stunden Film kamen zusammen. Hilft das der Forschung? Hering unterstreicht, dass die Fülle des Materials allein kein Kriterium sei. Wichtig seien auch die Angaben zum Kontext: Wer schrieb an wen, ist ein Brief, eine Karte, ein Foto ein Einzelstück oder Teil einer Materialsammlung? Und wo ist das Original? Die würden gerade bei umfangreichen Materialsammlungen in klassische Archive gehören.