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Schleswig-Holstein Ist Fettleibigkeit ansteckend, Prof. Bosch?
Nachrichten Schleswig-Holstein Ist Fettleibigkeit ansteckend, Prof. Bosch?
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18:05 06.02.2020
Von Marc R. Hofmann
Prof. Thomas Bosch, Biologe an der CAU Kiel, sorgt mit einer Hypothese für Aufsehen, die gängige Vorstellungen von der Übertragbarkeit von Krankheiten infrage stellt. Quelle: Frank Peter
Kiel

Ruhig und besonnen wirkt Prof. Thomas Bosch beim Besuch in seinem Büro im Biozentrum der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Und doch birgt die Hypothese, die er und Kollegen aus einer interdisziplinären Forschergruppe der kanadischen Denkfabrik CIFAR jüngst im Wissenschaftsjournal „Science“ veröffentlicht haben, Sprengkraft: Erkrankungen wie etwa des Herz-Kreislauf-Systems, Fettleibigkeit oder Diabetes, die jährlich für mehr als 70 Prozent aller Todesfälle verantwortlich gemacht werden, sollen zumindest indirekt übertragbar sein. Bisher geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass sie durch eine genetische Veranlagung, den Lebensstil und andere Umwelteinflüsse ausgelöst werden. Welche Indizien die These stützen, erklärt der Biologe in unserem Interview.

Herr Bosch, die Erkenntnisse Ihrer Forschergruppe könnten die Medizin, wie wir sie heute kennen, umkrempeln. Welche Rückmeldung haben Sie von Kollegen erhalten?

Prof. Thomas Bosch: Unsere These ist natürlich nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern im Austausch mit Kollegen, die an der Ideenschmiede CIFAR gemeinsam forschen. Dort engagieren sich unter anderem Mediziner, Biologen und Anthropologen, die sich zweimal im Jahr treffen, um Perspektiven für neue Forschungsansätze aufzuzeigen. Auch außerhalb dieses Kreises haben wir viel Interesse erfahren, so zum Beispiel auf einem Pharmazeuten-Kongress, auf dem ich gerade erst einen Vortrag gehalten habe.

Welche Indizien stützen die Hypothese?

Ausgehend von Laborexperimenten an Süßwasserpolypen, Zebrafischen und Mäusen sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass das Mikrobiom von Lebewesen grundsätzlich übertragen werden kann. Dabei handelt es sich um die Gesamtheit aller Bakterien, Viren und Pilze, die zum Beispiel in der Mundhöhle und vor allem im Darm leben. Wenn die Zusammensetzung dieser Mikroben gestört wird, könnten so Krankheiten in einem bisher gesunden Organismus ausgelöst werden.

Welche Versuche wurden dazu unternommen?

Schwedische und amerikanische Kollegen haben das Mikrobiom aus dickleibigen Menschen genommen und es auf keimfreie normalgewichtige Mäuse transferiert. Dort hat dieses Mikrobiom das Tier ebenfalls dick werden lassen, während die Mikroben eines dünnen Menschen auch die Maus schlank bleiben ließen.

Geschieht die Übertragung auch auf natürlichem Weg?

Wir vermuten das. Wenn eine dicke Maus zusammen mit einer dünnen in einen Käfig gesperrt wird, könnte das Mikrobiom zum Beispiel durch Koprophagie, also das Fressen von Kot, übertragen werden. Bei Süßwasserpolypen geschieht das über das Wasser. Fische stoßen im Schwarm absichtlich aneinander.

Lesen Sie hier die Studie im Original.

Heißt das, ich kann mich wie bei einer Grippe auch mit Herzkrankheiten anstecken?

Nein, so einfach ist das nicht. Wir verwenden den Begriff Übertragbarkeit, weil wir den genauen Weg noch nicht kennen. Wir müssen noch herausfinden, in welchen Fällen eine Übertragung wahrscheinlich ist und ob auch ein gesunder Zustand übertragen werden kann. Was wir wissen, ist jedoch, dass es bei diesen Zivilisationskrankheiten zu einer Störung des Mikrobioms kommt, vor allem im Darm. Dafür gibt es eine Therapie – die sogenannte Stuhltransplantation –, die bei einigen dieser Erkrankungen und bei manchen Patienten zumindest temporär eine Linderung bewirkt.

Wie funktioniert eine Stuhltransplantation?

Bei dem Verfahren werden bakterielle Bestandteile aus dem Darm eines nach unserem Dafürhalten gesunden Menschen auf einen Kranken übertragen. Die anschließende Besserung bei vielen Patienten spricht dafür, dass ein verändertes Mikrobiom für die Erkrankung eine große Rolle spielt. Diese vom Einfluss der Gene, des Lebensstils und weiteren Umwelteinflüssen zu trennen, ist jedoch schwer.

Dieser positive Effekt hält aber nicht an, oder?

Bisher nicht. Im Grunde haben wir diese komplexen Erkrankungen noch gar nicht richtig verstanden, wissen nicht, wie ein krankes Mikrobiom überhaupt aussieht. Es ist jedenfalls nicht ein bestimmtes Bakterium verantwortlich, sondern eine veränderte Mischung.

Auch interessant: Mehr über Prof. Thomas Bosch erfahren Sie hier.

Dennoch stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO diese Erkrankungen als nicht übertragbar ein.

Ich vermute, dass diese Definition nicht mehr lange zu halten sein wird. Wir wollen als Grundlagenforscher den Denkanstoß geben, der für eine Neuordnung sorgen könnte. Schon heute zeigen Untersuchungen, dass Menschen, die in einem gemeinsamen Haushalt leben, einen größeren Teil des Mikrobioms teilen. Entscheidend dafür ist die gemeinsame Umwelt, nicht die Verwandtschaft. Dabei ist es vielleicht gar nicht nötig, dass die Mikroben direkt übertragen werden. Es könnte schon ausreichen, wenn sich die Mitglieder eines Haushalts ähnlich ernähren und sich ihr Mikrobiom deswegen angleicht.

Müssen wir uns denn dann Gedanken machen, mit wem wir zusammenleben oder unsere Zeit verbringen?

Bisher ist die Übertragbarkeit dieser Erkrankungen nur eine Hypothese. Sie soll andere Kollegen anregen, die Forschung in der Tiefe fortzusetzen und sie gegebenenfalls zu widerlegen. Wir glauben jedoch, dass sie zutrifft, und haben dafür gewichtige Argumente. Panik ist bis dahin aber nicht angebracht. Die Erkrankungen sind nicht ansteckend wie eine Grippe. Um konkrete Handlungsanweisungen geben zu können, müssen wir erst einmal verstehen, wie Mikroben von einem Individuum ins nächste gelangen und welche Rolle sie für Gesundheit und Krankheit spielen. Dann können wir sie gegebenenfalls auch als Therapeutikum nutzen. Das wird noch Jahre intensiver Forschung erfordern.

Mehr aus Schleswig-Holstein lesen Sie hier.

Der Biologie-Professor Thomas Bosch ist Teil einer internationalen Forschergruppe, die eine gewagte Hypothese aufgestellt hat: Erkrankungen wie Fettleibigkeit oder des Herz-Kreislauf-Systems sollen zumindest indirekt von Mensch zu Mensch übertragbar sein. Mehr über den Forscher aus Kiel im Porträt.

Marc R. Hofmann 06.02.2020

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