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Schleswig-Holstein Der Körper als Gesamtkunstwerk
Nachrichten Schleswig-Holstein Der Körper als Gesamtkunstwerk
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12:04 20.11.2013
Künstlerin an der Nadel: Miri Inkroyal trägt selbst eine Menge Tattoos auf dem Körper. „Die kann man nicht zählen, das ist ein Gesamtkunstwerk“, sagt die Tätowiererin. Quelle: +
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Neumünster

Mit 17 fing Miri Inkroyal an, in einem Tattoostudio zu arbeiten. Schon im Kindergarten konnte sie gut zeichnen. Wer Tätowierer werden möchte, hat man manchmal Glück und wird von einem Tätowierer ausgebildet. „Viele haben sich das Stechen allerdings auch selbst beigebracht“, sagt Miri. Eine reguläre Berufsausbildung gebe es nicht, aber Wochenendkurse.

 Als Kunde könne man nur sehr schwer ein „gutes“ von einem „schlechten“ Tattoostudio unterscheiden, so die Fachfrau. Was ein Kunde in der Werbung für gut befinde, finde der Profi vielleicht nicht so gut. Außerdem komme es auch auf das Motiv an, denn nicht jeder könne alles gleich gut stechen. Am besten man sehe sich, bevor man sich tätowieren lässt, die Arbeiten des Tätowierers an und entscheidet sich dann erst für das Studio. Man sollte sich vorher beraten lassen oder einen anderen Kunden fragen. Aber auch auf das eigene Gefühl sollte man hören. Denn ein Tattoo ist nicht immer ganz ungefährlich: Nach dem Stechen könne es zu Allergien auf das Pflaster oder die verwendete Creme kommen, auch Blutvergiftungen oder Farballergien seien möglich. Manche Farben könnten sogar in die Leber eindringen und sie schädigen.

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 Bei Miri werden die Kosten für ein Tattoo nach Aufwand berechnet. Bis 500 Euro wird ein Festpreis vereinbart, bei größeren Arbeiten wird pro Stunde abgerechnet.

 In der Regel sei das Stechen überall schmerzhaft, aber natürlich gebe es mehr oder weniger empfindliche Körperstellen, wie zum Beispiel der Unterarm. Insgesamt komme es aber auch auf die Stimmung des Kunden an oder darauf, ob er ausgeschlafen sei oder etwas gegessen habe.

 In den letzten Jahren würden immer mehr Tattoos gestochen, immer mehr junge Leute kämen in die Studios. „Tattoos werden immer gesellschaftstauglicher“, sagt Miri. Man könne sich ab 16 bereits Tattoos machen lassen, dafür brauche der Jugendliche allerdings das Einverständnis beider Erziehungsberechtigten. Teilweise ließen sich aber auch über 70-Jährige Tattoos stechen.

 Auch Jenny ließ sich schon mit 15 Jahren ihr erstes Tattoo stechen, „am unteren Rücken“, sagt sie – ein sogenanntes Arschgeweih. Es sei eine klassische Jugendsünde gewesen, sagt die heute 25-Jährige. Ihre Familie habe damals nicht so gut auf diesen Körperschmuck reagiert, inzwischen sei es für alle okay. Vor drei Jahren kam eine weitere Tätowierung am Fuß dazu. Beide Tattoos hat sie mit ihrem Taschengeld bezahlt, knapp 400 Euro hat sie dafür ausgegeben. Noch mehr Tattoos möchte sie erst mal nicht. Fragt man sie, ob sie eines ihrer Tattoos bereut, antwortet sie ganz offen: „Ja, ich würde das Tattoo am Rücken entfernen lassen.“ Doch so eine Entfernung sei teuer und schmerzhaft.

 „Früher musste die Haut geschält werden, dies hatte deutlich sichtbare Narben zur Folge. Heutzutage kann man mit modernen Lasern innerhalb weniger Sitzungen die Tätowierung narbenfrei entfernen“, erklärt Dr. Walter Trettel. Der Facharzt für Dermatologie ist Laserspezialist, führt im Monat um die 40 Behandlungen durch.

 Das Lasern sei für die Patienten etwa genau so schmerzhaft wie das Stechen selber, aber mit einer Betäubungssalbe sei das auch auszuhalten. Die Kosten würden pro Behandlung zwischen 50 und 500 Euro betragen, je nach Größe des Tattoos. Die Behandlung müssen die Tätowierten im Normalfall selber bezahlen.

 Am häufigsten möchten seine Patienten den Namen einer Ex-Freundin oder eines Ex-Freundes sowie Arschgeweihe entfernt haben. Aber auch unmoderne Tattoos, Tätowierungen mit Rechtschreibfehlern oder einfach ein Motiv, das dem Träger nicht mehr gefällt, würden oft entfernt.

 Trettel arbeitet seit 1994 mit Lasern zur Tattooentfernung, bei ihm seien mehr Frauen als Männer in Behandlung. Der Arzt erinnert sich noch gut an das skurrilste Tattoo, das er je weggelasert hat: „Vor fast 20 Jahren hatte ich einen Kunden aus St. Pauli mit einem Ganzkörpertattoo!“

 Auf die Frage, ob Tattoos gesundheitsschädlich seien, antwortet Trettel: „Früher waren Tattoos ein richtiges Gesundheitsrisiko, da sie alle möglichen Stoffe enthielten, sogar Autolacke wurden verwendet.“ Heute könne so etwas nicht mehr passieren, weil es sehr strenge Vorschriften gibt. Tätowierungen könnten zwar noch Allergien auslösen, diese würden aber schlimmstenfalls zu Schwellungen und Juckreiz führen.

 Von Marc Evers, Maurice Gagsch und Lennart Niemeyer, Klasse 8c, Hans-Brüggemann-Schule Bordesholm