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Schleswig-Holstein Stärkste Ostsee-Sturmflut seit 2006
Nachrichten Schleswig-Holstein Stärkste Ostsee-Sturmflut seit 2006
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16:41 05.01.2017
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Auch Kiel hatte mit der Sturmflut zu kämpfen. Quelle: Peter Lühr
Kiel

Die stärkste Sturmflut an Deutschlands Ostseeküsten seit 2006 hat in Schleswig-Holstein zu Überschwemmungen und Schäden geführt. Am Donnerstagmorgen sanken die Pegelstände entlang der Küste aber überall wieder. Vielerorts waren Keller vollgelaufen, Autos mussten weggeschleppt werden. Menschen wurden nach Angaben der Polizei durch die Wassermassen nicht verletzt.

Überflutungen an der Kieler Förde

Von der Sturmflut betroffen waren Lübeck, die Kieler Förde, Flensburg und Eckernförde. Häuser in Strandnähe liefen voll wie bei Heikendorf und Laboe (Kreis Plön). Teils drückte die Sturmflut auch Boote auf Stege.

Aufgrund des Hochwassers wurde die Integrierte Regionalleitstelle der Feuerwehr in Kiel, die auch für die umliegenden Kreise Rendsburg-Eckernförde und Plön verantwortlich zeichnet, ab 20 Uhr aufgestockt. Als das Wasser um diesen Zeitpunkt an der Kiellinie begann gefährlich zu steigen, sperrte die Feuerwehr die Straße und musste einige Autos entfernen.

Wasser nach #Sturmflut #Axel schwappt immer noch über die #Kiellinie in #Kiel. Höchstpegel ist aber überschritten. wcz

Ein von Kieler Nachrichten (@kieler.nachrichten) gepostetes Video am


In Teilen im Westen Kiels war am Morgen Eisglätte auf den Straßen. Auf dem Skandinaviendamm gab es einen Glätteunfall. Ein mit vier Personen besetzter VW prallte gegen einen Mercedes aus Lübeck, in dem zwei Personen saßen.

Die Nacht in der Landeshauptstadt verlief dann aber glimpflich: Es gab lediglich drei Einsätze wegen vollgelaufener Keller im direkten Umfeld der Hörn. Die Kiellinie war am Morgen noch in Richtung Innenstadt ab Bellevue gesperrt, auch am Tiessenkai in Kiel-Holtenau gab es noch sichtbare Folgen.

Überflutungen von Heikendorf bis Schönberg

Starken Druck übten die Wassermassen in der Nacht an der Kieler Förde vor allem auf die Orte am Ostufer von Mönkeberg bis Schönberg in der Probstei aus. Im Hafen in Mönkeberg war in der Nacht ein sieben Meter langes Schiff durch die Wasserbewegungen auf einen Poller geschleudert worden und leck geschlagen. Es musste von der Feuerwehr gesichert werden, damit es nicht sinkt.

In Heikendorf und Laboe waren die Feuerwehrleute durchgängig im Einsatz, um Keller und Hauseingänge zu sichern. Auch Bäume verloren durch den aufgeweichten Boden teilweise ihren Stand. Allein in Laboe wurden durch die Feuerwehr knapp sechs Tonnen Sandsäcke verteilt, um die Gebäude Harrys Fischküche, Aris Lotsenhaus, Ocean Eleven und Britts Bude zu schützen. Dies dauerte bis knapp 24 Uhr. Danach führten die Feuerwehrleute noch Pegelstandskontrollen durch.

Im Hafenbereich in Laboe erreichte der Pegel gegen 24 Uhr den Höchststand. Quelle: Birger Möller

Die Kreisstraße 30 zwischen Laboe und dem Restaurant Meson de Playa wurde durch die Freiwillige Feuerwehr Stein gesperrt, da dort die Straße überflutet war. Am Schönberger Strand hat der Sturm zu massiven Sandverlusten geführt. Am Morgen danach versuchen die Einsatzkräfte sich noch einen Überblick zu verschaffen.

Schwere Schäden in Strande

Schwer getroffen durch das Hochwasser wurde nach Angaben von Bürgermeister Holger Klink (CDU) die Gemeinde Strande. Dort wurden bereits nachts erhebliche Schäden in unmittelbarer Ortslage verzeichnet, unter anderem an der neu angelegten Promenade. "Die Schadenssumme wird mit Sicherheit in einem sechsstelligen Bereich liegen, zumal noch weite Teile unter Wasser stehen und die Schäden noch gar nicht sichtbar sind", erklärte Klink noch in der Nacht. D

ie Pegelstände waren nach seinen Angaben deutlich höher als bei früheren Hochwassern, Hafen und Fischersteg sowie Ostmole standen vollständig unter Wasser. Auch der erst im vergangenen Jahr aufwendig sanierte Abschnitt am Fernwanderweg nach Bülk litt unter dem Hochwasser: Dort wurden in einem großen Abschnitt die Steine weggespült und das Schutzvlies freigelegt. "Hier besteht dringender Handlungsbedarf", erklärte Klink.

Die stärkste Sturmflut seit 2006

An der Ostsee lagen vielerorts die Pegelstände am späten Mittwochabend zwischen 150 und 170 Zentimeter höher als üblich - in Lübeck wurden sogar 1,79 Meter gemessen, wie auf „Pegel Online“ registriert wurde. Am frühen Donnerstagmorgen war ein Teil des Wassers wieder abgelaufen: Um 4.45 Uhr stand es nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Flensburg noch 1,47 Meter und in Kiel-Holtenau 1,42 Meter höher als normal. In Lübeck wurden 1,48 Meter höher als gewöhnlich gemessen.

Unsere Fotografen zeigen, wie das Sturmtief über Norddeutschland hinwegfegt.

„Es war die stärkste Sturmflut seit 2006“, sagte Jürgen Holfert, Leiter des Wasserstanddienstes Ostsee des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Am Donnerstagmorgen dürfte der Wasserstand zwar vielerorts noch einen Meter höher als sonst sein. „Die Gefahren der Sturmflut sind aber gebannt.“ Die Wasserstände seien etwa zehn Zentimeter höher ausgefallen als prognostiziert, in der Region Lübeck noch etwas mehr.

Geringe Schäden in Eckernförde

Glimpflicher ist das Ostseebad Eckernförde beim Hochwasser in der Nacht zu Donnerstag davongekommen. War anfangs ein Wasserstand von 1,50 Meter über Normal Null vorhergesagt, so kletterte der Pegel gegen 23 Uhr auf bis zu 1,70 Meter. An zwei Schwachstellen am Hafen - an der Hafenspitze und vor Yachtsport Eckernförde an der Holzbrücke - schwappte die Ostsee über die Kaimauer. Schäden entstanden zunächst nicht. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Bauhof und Polizei waren im Einsatz, um die gefährdeten Hafenbereiche zu sichern. Das Hotel/Restaurant Siegfried Werft und das Yachtsport-Geschäft Nielsen wurden vorsorglich mit Sandsäcken und Flutbarrieren geschützt. Das Hochwasser erreichte die Eingänge jedoch nicht. Der Vogelsang wurde im Bereich Holzbrücke nur leicht überschwemmt. Gegen Mitternacht erreichte die Flut ihren Scheitelpunkt. Thomas Nielsen von Yachtsport Eckernförde und Oliver Träger von der Siegfried-Werft dankten allen Einsatzkräften für die schnelle Hilfe. Zahlreiche Schaulustige verfolgten am Hafen das Hochwasserereignis mit Handys und Kameras. Der Hafen war zur späten Stunde ungewohnt belebt.

Die Feuerwehr war dann in der Nacht bis 2.30 Uhr im Einsatz: Mit dabei waren THW, Polizei, Ordnungsamt, Stadtgärtnerei, Bauhof und DRK-Betreuungsgruppe zur Verpflegung. Insgesamt bekämpften somit 92 Personen die Fluten. Besonders anspruchsvoll war die Sicherung am Hafenbereich um die Siegfriedwerft und an der Hafenspitze am Boardinghouse. Zu zwölf Einsätzen wurden die Einsatzkräfte insgesamt gerufen. Auch am Morgen waren die Folgen noch deutlich: So musste eine Tiefgarage im Hafenbereich ausgepumpt werden und eine Baugruppe war vollgelaufen. Im Bereich der Bahnhof- und der Bachstraße erwarteten die Feuerwehrleute weiterhin volle Keller.

Lübeck besonders betroffen

Die Höhe der Sachschäden konnte am Donnerstagmorgen noch nicht beziffert werden. In Lübeck und Flensburg wurden zahlreiche Autos aus den Fluten gezogen. Mehrere Keller in Lübeck und Neustadt in Holstein liefen voll. Zugänge zur Lübecker Altstadt waren für Fußgänger nicht mehr passierbar. Der Einsatzstab in der Welterbe-Stadt sei kurzfristig personell verstärkt worden wegen zunehmender Notrufe, sagte Matthias Schäfer von der Feuerwehr Lübeck. „Viele Leute hatten ihre Häuser nicht genügend gesichert, wir mussten mit Sandsäcken die Objekte schützen.“

20 Mal rückte die Feuerwehr nach eigenen Angaben dort von Mittwochabend bis Donnerstagfrüh zu Hochwassereinsätzen aus. Entgegen der Erwartungen sei das Hochwasser in der Nacht zu Donnerstag nicht so schnell abgelaufen wie erwartet, teilte die Feuerwehr mit. Besonders betroffen war nach Angaben der Polizei die Lübecker Altstadt. Im Bereich An der Obertrave und den Gruben lief das Wasser auf die Fahrbahn. Zehn Autos mussten vorsorglich abgeschleppt oder aus dem Wasser geborgen werden.

Wegen der Sturmflut hat die Polizei in Flensburg am Mittwochabend etwa sieben Autos in Sicherheit bringen lassen. Gegen 19.10 Uhr sei das Hochwasser im Hafenbereich über die Kaimauer an der Schiffbrücke getreten, teilte die Polizei am Donnerstag mit. Auf den dortigen Parkplätzen befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch bis zu 30 Fahrzeuge. Bei der überwiegenden Anzahl konnten die Halter noch rechtzeitig telefonisch erreicht werden. Ein Mehrzweckschiff drohte sich in den Festmachern aufzuhängen, es hatte bereits eine leichte Neigung. Das Hafenamt habe sich um das Schiff gekümmert, teilte die Polizei mit.

In Lübeck und Flensburg wurden zahlreiche Autos aus den Fluten gezogen. Quelle: Bodo Marks/dpa

Guter Hochwasserschutz in Heiligenhafen

Das Hochwasser durch das Sturmtief Axel hat mit voller Wucht auch die Ostseeküste im Kreis Ostholstein getroffen. Hohe Pegelstände von teilweise über 1,60m ließen vielerorts das Wasser über die Ufer treten. Am Weißenhäuser Strand stapelten sich die Sandsäcke am DLRG Häuschen an der Seebrücke. Einsatzleiter Sven Voß zeigte sich besorgt über die Lage, da der Wind das Wasser direkt auf das Gebäude drückt. Seine Einsatzkräfte stapelten Sandsack für Sandsack um das Gebäude zu schützen. In Heiligenhafen kam es ebenfalls zu Überschwemmungen. Das Wasser kam im Hafenbereich teilweise durch die Spundwände. Hier waren der Hafenbereich und später auch der Wihelmsplatz überflutet. Das neue Hochwasserkonzept konnte aber nun seine Feuertaufe bestehen und erwies sich als absolut sinnvoll.

Allerdings habe es geschneit, und der Schnee sei dann schnell geschmolzen - mit der Folge, dass sich fast Gummistiefelhoch Wasser hinter der Spundwand sammelte. Am Nordstrand wurde erst im Herbst aufgeschütteter Sand vom aufgewühlten Meer weggespült. „Das ist alles futsch“, sagte Bürgermeister Heiko Müller. Auf der Insel Fehmarn gab es gleich mehrere Brennpunkte. Burgstaaken, Lemkenhafen, Orth oder auch Fehmarnsund meldeten Land unter.  Durch den hohen Anstieg um zweitweise 1,60m über Null konnte nicht verhindert werden, dass das Wasser über das Ufer schwappte. Mittlerweile sinken die Pegelstände an allen Messstationen leicht.

Küstenschutzanlagen trotzen Ostsee-Hochwasser

„Die professionelle Arbeit und die gute Vorbereitung konnten größere Schäden verhindern“, sagte Küstenschutzminister Robert Habeck (Grüne) am Donnerstag. „Küstenschutz ist eine Langfriststrategie – sie zahlt sich aus.“ Habeck dankte den beteiligten Mitarbeitern des Landes und der Kommunen.

An Küstenschutzanlagen des Landes kam es laut Habeck auf der Insel Fehmarn zu erheblichen Schäden am Regionaldeich Wallnau. Dieser Deich soll in den nächsten Tagen auf rund 300 Metern Länge neu gesichert werden. Die Landesschutzdeiche seien weiterhin wehrfähig. Von Fehmarn wurden auch mehrere Überschwemmungen gemeldet. Der stark aufgeweichte Deich zwischen Püttsee und Westerberge wurde in Teilen gesperrt. Da das Wasser am Donnerstag zum Teil noch hoch stand, sind möglicherweise noch nicht alle Schäden bekannt.

Die Vorbereitung auf die Sturmflut sei überall auf Grundlage der Abwehrpläne routinemäßig verlaufen, resümierte Habeck. „Bewährt haben sich offensichtlich auch die vom Land geförderten neuen Hochwasser-Schutzanlagen in Scharbeutz, Timmendorfer Strand und Heiligenhafen.“

Sturmflutschäden müssen extra versichert sein

Sturmflutschäden werden nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft nur bei einer speziellen Versicherung ersetzt. „Es gibt nur wenige Versicherer in Deutschland, die ausdrücklich Versicherungen für Sturmflutschäden anbieten“, sagte eine GDV-Sprecherin am Donnerstag in Berlin.

Sturmflutschäden wie jetzt an der Ostsee würden von einer Elementarschadenversicherung nicht abgedeckt. Denn die Ostsee werde vom Wind aufgepeitscht und an Land gedrückt. Anders sei dies bei Flußüberschwemmungen, die in der Regel eine Folge von Starkregen seien. In solchen Fällen zahle eine Elementarschadensversicherung. Auch Schäden durch Schneedruck, Lawinen oder einen Vulkanausbruch fallen unter die Elementarschadenversicherung.

Wird ein abgestelltes Auto bei einer Sturmflut überflutet, zahlt laut GDV in der Regel die Teilkasko-Versicherung. Werde ein Dach bei Sturm beschädigt, komme die Wohngebäudeversicherung dafür auf.

Live-News

Aktuelle Meldungen über die Folgen der Überflutungen lesen Sie am Morgen auch hier in den Live-News.

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