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Schleswig-Holstein Haben wir ein Masernproblem?
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20:00 17.07.2019
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Sind sich nicht einig über Sinn und Unsinn von Impfungen: Dr. Friedrich Graf (links) aus Plön und Prof. Dr. Dietrich Kabelitz aus Kiel. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Haben wir in Deutschland ein Masernproblem?

Dr. Friedrich Graf: Wir haben kein Masernproblem. Denn die Gefährlichkeit der Erkrankung ist seit Jahrzehnten rückläufig. In den 80er-Jahren habe ich in der Praxis noch viele Masernepidemien begleitet. Aber das waren – wenn die gesundheitliche Verfassungen der Kinder ungestört waren – harmlose Kinderkrankheiten. Schwerste Masernkomplikation habe ich nie erlebt. Heute sehe ich in der Praxis Masern kaum noch. Inzwischen wissen wir aber, dass die Masern auch durch die Impfung selbst ausgelöst werden können. China hat zum Beispiel eine Impfquote von fast 100 Prozent, aber jährlich 35000 Masernerkrankungen. Die können ja nur über die Impfung verbreitet werden

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Lesen Sie auch: Was sind Masern, wie werden sie übertragen und warum ist die Impfung so wichtig?

Prof. Dr. Dietrich Kabelitz: Wir sehen nur noch wenige Erkrankungen bei Infektionen, die wie Masern durch Impfungen verhinderbar sind, weil in Deutschland seit Langem geimpft wird. Dank Impfraten für die Erstimpfung von 97 Prozent und 93 Prozent bei der Zweitimpfung sind Masern heute ein überschaubares Problem – mit 543 Fällen im letzten Jahr. Im langfristigen Mittel steigen die Infektionen auch nicht an. 2018 hatten wir aber 80000 Masernfälle in Europa, und aus anderen Teilen der globalisierten Welt können Masern jederzeit eingeschleppt werden. Jede dieser Erkrankungen kann ernsthafte Komplikationen haben. Als Immunologe bin ich anderer Meinung als Herr Graf. Die Vorstellung, dass eine natürliche Infektion das Immunsystem besser trainiert als ein Impfstoff, ist immunologisch schwer haltbar.

Steckbrief Dr. Friedrich Graf

Dr. Friedrich Graf (70) praktiziert als Hausarzt und Geburtshelfer in Plön. Nach dem Staatsexamen war er zunächst in der Chirurgie und dann in der Gynäkologie und Geburtshilfe in verschiedenen Kliniken in Südwestdeutschland tätig. 1983 ließ er sich zunächst als Arzt in Südbaden nieder. Seit 1990 hat er seine Praxis in Plön. Er hat sich im In- und Ausland – nach den Richtlinien des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte – als Homöopath sowie in Akupunktur ausbilden lassen, mehrere Fachbücher veröffentlicht und bildet Hebammen und Geburtshelfer homöopathisch aus.

Was ist mit der vielzitierten Impfmüdigkeit in Deutschland?

Kabelitz: Die gibt es nicht. Die Impfbereitschaft hat über die Jahre sogar zugenommen. Das Problem liegt darin, dass es aber Menschen gibt, die Impfen aktiv ablehnen, und viele Eltern ihre Kinder prinzipiell nicht impfen lassen wollen. Bei Masern kann man sich das sozusagen „leisten“. Denn wenn alle anderen drumherum geimpft sind, ist durch diese Herdenimmunität die Wahrscheinlichkeit gering, dass das ungeimpfte Kind an Masern erkrankt.

Graf: Die Waschzettel sind zwar voll von möglichen Problemen, aber die tatsächlichen Probleme durch Impfungen und der Impfstoffe bleiben der Öffentlichkeit verborgen. Es gibt starke Risiken und Nebenwirkungen, aber die werden unter den Tisch gekehrt. Von 2000 bis 2014 hat es laut Robert-Koch-Institut (RKI) zwölf Todesfälle in Verbindung mit Masern gegeben. Im gleichen Zeitraum 18 Todesfall-Meldungen in der ersten Woche nach der Masernimpfung – bei einer Meldequote unter fünf Prozent. Im Prinzip müsste die Impfung abgeschafft werden.

Kabelitz: Die 18 Todesfälle sind alle gründlich untersucht worden. Es gab einen zeitlichen, aber keinen inhaltlichen, kausalen Zusammenhang.

Steckbrief Prof. Dr. Dietrich Kabelitz

Prof. Dr. Dietrich Kabelitz (68) war bis März 2018 Direktor des Instituts für Immunologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) Campus Kiel. Der Immunologe hat vier Jahre als Professor an der Universität Heidelberg geforscht und sieben Jahre die Abteilung Immunologie am Paul-Ehrlich-Institut in Langen, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, geleitet, bevor er 1999 nach Kiel berufen wurde. Seit seiner Emeritierung leitet er dort weiter eine Arbeitsgruppe, die die Wirksamkeit von T-Zellen in der Immuntherapie bei Krebserkrankungen erforscht.

Graf: Das sind Ausflüchte. Es wird darüber keine Forschung geführt. Es wird nicht geklärt.

Kabelitz: Ich sage ja nicht, dass Impfungen keine Nebenwirkungen haben können. Es ist wie bei Medikamenten immer eine Risikoabwägung – zwischen dem Risiko, an einer potentiell folgenschweren Infektionskrankheit wie Masern, Mumps, Kinderlähmung zu erkranken, und dem möglichen Risiko einer Schutzimpfung. Man muss diese Risiken kennen und dann entscheiden, ob man es tun oder lassen sollte. Generell sage ich aber, dass die Impfung immer sinnvoll ist im Vergleich zum Risiko der natürlichen Erkrankung – Beispiel Kinderlähmung.

Graf: Auch die Verunreinigungen der Impfstoffe werden nicht berücksichtigt. Eine parlamentarische Untersuchungskommission in Italien leitete 2018 ihren Bericht zu schweren Erkrankungen und Todesfällen italienischer Soldaten an das EU-Parlament weiter. In untersuchten Fünffach-Impfstoffen hatte man 14 toxische oder potenziell toxische Inhaltsstoffe, 22 Hilfsstoffe und Verunreinigungen, die Allergien auslösen können, und Verunreinigungen von Viren, Bakterien sowie menschliche embryonale DNA nachgewiesen. Diese Indizien müsste man doch in kontrollierten Studien überprüfen.

Kabelitz: Diese Ergebnisse aus privaten Laboren sind nicht wissenschaftlich publiziert worden. Sie lehnen auf Ihrer Internet-Seite Impfungen ab. Sie schreiben, die Zeit für Impfungen hier sei vorbei – das ist eine höchstgefährliche Argumentation. Wir leben in einer Luxussituation, dass es uns gut geht und wir viele Infektionen hier nicht mehr haben. Weil geimpft wurde! Gucken Sie sich die stark gesunkene Zahl von Erkrankungen an Kinderlähmung nach Einführung der Polio-Impfung an.

Graf: Das Problem der durch die Masern-Mumps-Röteln-Impfung ausgelösten Schäden sind die Totstoff-Impfungen inklusive des Aluminiums vorher – die Sechsfach-Impfung mit acht Wochen, vier Wochen später die nächste, vier Wochen später wieder eine, dazu die Pneumokokken-Impfung. Wenn die Masern-Impfung ansteht, sind die Kinder schon schwer gezeichnet. Durch die Masern-Impfung gibt es dann die Tendenz zu entgleisen.

Kabelitz: Schwer gezeichnet? Nein! Sie sind immunisiert. Das ist ein Unterschied. Ein Problem ist sicher, dass es keine genauen Studien darüber gibt, wie viel von dem Hilfsstoff Aluminiumhydroxid der Organismus nach der Injektion eines Impfstoffes aufnimmt.

Wenn es die meisten Ungeimpften unter Erwachsenen gibt – ist dann die Impfpflicht für Kita- und Schulkinder, wie sie Jens Spahn will, sinnvoll?

Kabelitz: Ich sehe das kritisch: Das Problem von nicht geimpften Jugendlichen und Erwachsenen geht diese Gesetzesvorlage zunächst nicht an. Es wäre gut, wenn die Bevölkerung breit geschützt wird gegen Masern. Aber da muss man in allererster Linie die Impfquote bei Jugendlichen und Erwachsenen erhöhen. Man kann sie ja nachimpfen.

Graf: Das Problem sind in Industrieländern – außer in Kliniken – nicht mehr die Infektionen, sondern die Beschädigungen der Abwehr. Kleinkinder müssen immunologisch fit und stark werden. Dazu müssen sie aber fieberhafte Infekte durchmachen. Das Fieber zu senken, ist häufig eine der ersten Störungen. Auch Impfungen bedeuten Störungen.

Zurück zum Spahn-Vorschlag: Kann man Eltern von einer Betreuungseinrichtung ausschließen, wenn die Kinder nicht geimpft sind?

Graf: Das ist totalitär. Es gibt einen hohen sozialen Druck auf Ungeimpfte. Die müssen sich eine private Kita suchen. Schulpflicht rangiert über Impfpflicht.

Kabelitz: Man muss abwägen – das übergeordnete Interesse der Bevölkerung gegen das individuelle Interesse. Bei Impfungen, die den Herdenschutz aufbauen und erhalten, gibt es ein Interesse des Staates für das Gemeinwohl. Ich würde deshalb unterstützen, dass Kinder ohne Masernimpfung von der Kita ausgeschlossen werden.

Graf: Der Herdenschutz entsteht doch nur beim Durchmachen der Wildvirus-Erkrankung – nicht durch Impfungen. Es gibt Impfversager, die sich trotz Impfung infizieren und infektiös sind. Das wird aber nicht thematisiert. Und ich vermisse Ehrlichkeit in Bezug auf Impfschäden. Da haben wir eine Kultur des Schweigens.

Kabelitz: Sie müssen als Arzt Nebenwirkungen an das Paul-Ehrlich-Institut melden. Auch Betroffene sind aufgefordert, dort Impfschäden zu melden. Und die Meldungen verschwinden auch nicht in der Schublade. Möglicherweise ist das noch nicht gut genug durchkonstruiert. Man könnte zum Beispiel Eltern per Fragebogen nach Nebenwirkungen befragen. Und selbstverständlich muss ein Arzt über mögliche Nebenwirkungen einer Impfung aufklären.

Graf: Die Aufklärung erfolgt unbefriedigend und einseitig. Ärzte wollen sich bei Schäden nicht selbst anzeigen. Ich versuche, Eltern zu beraten. Ich sage Ihnen nicht, dass sie ihr Kind nicht impfen lassen sollten. Sie treffen die Entscheidung selbst, es ist die persönliche Entscheidung der Eltern in den ersten Lebensjahren. Wenn Eltern ihr Kind von Impfungen freihalten, erkennen sie selbst eine völlig andere gesunde Normalität.

Kabelitz: Es ist medizinisch völlig unverantwortlich, Eltern so zu beraten, dass sie ihr Kind nicht impfen lassen wollen. Wir sollten alle dankbar sein, dass durch die Einführung von Impfungen viele schwere Infektionserkrankungen drastisch zurückgegangen sind – bis auf solche gegen die man noch nicht impfen kann wie Malaria und Tuberkulose, und das trifft vor allem Afrika und nicht uns.

Interview: Heike Stüben und Christian Trutschel

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