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Schleswig-Holstein Von Brezeln und Praxisschock
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14:01 16.11.2018
Luzie Niedworok hockt vor einem Schreibtisch von zwei Erstklässlern und erklärt ihnen eine Aufgabe. Die Masterstudentin hat gemeinsam mit 13 weiteren Studierenden für eine Woche lang die Grundschule Jübek adoptiert und meistern den Schulalltag allein. Quelle: Birgitta von Gyldenfeldt/dpa
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Jübeck

Die Erstklässler sollen Brezelchen machen, also ihre Arme wie eine umgedrehte Brezel vor der Brust verschränken. „Das ist das Zeichen, dass alle aufmerksam sein sollen“, erklärt Luzie Niedworok. Die 25 Jungen und Mädchen der ersten Klasse der Grundschule Jübek (Kreis Schleswig-Flensburg) sollen ihre Postmappen kontrollieren, nachsehen, ob ihre Eltern etwas für die Lehrer hineingelegt haben. Lehrer heißt in diesem Fall Studenten.

Denn eine Woche lang haben 14 Master-Studierende der Europa Universität Flensburg (EUF) das Zepter in der Grundschule mit 140 Schülern übernommen. Das normale Kollegium samt Schulleitung ist auf Fortbildung. Bereits seit 2014 adoptieren EUF-Studierende im Rahmen ihres Praxissemesters nach einer mehrwöchigen Vorbereitungsphase eine Woche lang eine Grundschule. In der Regel übernehmen Zweierteams gemeinsam eine Klasse.

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Anders, wenn die Kollegen weg sind

Ziel sei es unter anderem, die Komplexität des Berufsfeldes zu erleben, sagt die Projektleiterin bei der EUF, Johanna Gosch. Viele Studierende seien anfangs überrascht, wie anders es ist, wenn die Kollegen weg sind, sie allein verantwortlich sind.

Und was außer dem eigentlichen Unterricht noch alles an einem Lehrer hängt: Denn für die Studenten bedeutet die Schuladoption nicht nur den Unterricht vorzubereiten, sondern auch die Pausenaufsicht zu organisieren, zu wissen, welches Kind mit dem Bus fahren muss und zu wissen, was zu tun ist, wenn ein Kind plötzlich krank ist oder es Streit gibt.

Das Organisatorische ist auch ein „Angstmoment“ von Masterstudentin Niedworok. „Dass ich vergesse, das Klassenbuch mitzunehmen oder ein Kind auszutragen, wenn es krank wird.“ Nach einigen Tagen Eigenverantwortung ohne ihre Mentorin in der Klasse ist diese Angst weniger geworden, sagt sie.

Nicht ganz alleine in der Grundschule Jübek

Ganz allein gelassen werden die angehenden Lehrer während des Praxistests nicht. Schulbegleiter, Sonderpädagogen, Hausmeister und Schulassistenz gehen weiterhin ihrer Arbeit nach. Zudem gibt es eine kommissarische Schulleitung.

In Jübek springt etwa die ehemalige Schulleiterin ein, und auch Dozenten der EUF sind vor Ort. Sie sprechen täglich mit den Studierenden den Tag durch. Und sehen, wie diese von Tag zu Tag selbstbewusster werden und deutlich mehr lernen, als während eines normalen Praxissemesters, wo in der Regel immer ein Lehrer mit in der Klasse ist.

„Der komplette Alltag macht den Unterschied aus“, sagt Gosch. Dass es etwa niemanden im Hintergrund als Sicherungsnetz gibt, der allein durch einen gezielten Blick auf einen Unruhestifter für Ordnung sorgen kann.

Fühlen, was es heißt, Lehrer zu sein

„Man fühlt zum ersten Mal, was es heißt, Lehrer zu sein“, sagt Joshua Beeg. Der Flensburger Masterstudent ist hauptsächlich in einer der beiden vierten Klassen eingesetzt, gemeinsam mit einer Kommilitonin. Man müsse nicht nur das Fachliche vermitteln, sondern auch Streitschlichter sein, auf die Kinder zugehen, den Überblick haben, wer nicht mitkommt oder vielleicht unterfordert ist, beschreibt Beeg das Aufgabenprofil. „Am Anfang haben sich die Schüler ein bisschen ausprobiert.“ Es sei schon etwas anderes, als wenn der Klassenlehrer noch mit in der Klasse sitzt. Aber der Respekt sei gestiegen.

Bei den Schülern kommen Beeg und seine 13 weiblichen Mitstreiter gut an. „Es gibt andere Regeln und die sind auch ein bisschen strenger“, sagt etwa Liz. „Aber toll ist es auch“. Die Viertklässlerin erklärt das Strichsystem, das „ihre“ beiden studentischen Lehrer eingeführt haben: Wer mehrfach stört, bekommt einen Strich und wer drei Striche hat, kriegt eine „dicke Hausarbeit“. Dadurch sei es ruhiger in der Klasse geworden. Das finde sie gut. Ein Mitschüler ist der Meinung, dass die Studierenden manches genauer erklärten. „Die Praktikanten sind schon toll“, sagt er.

Flensburger Modell war Vorreiter in Deutschland

Die Flensburger sind mit der Schuladoption, die ursprünglich aus dem skandinavischen Raum stammt, Vorreiter in Deutschland. Mittlerweile bietet aber beispielsweise auch die Pädagogische Hochschule in Weingarten (Baden-Württemberg) Schuladoptionen an. Und auch sonst ist das Interesse an dem Konzept nach Angaben der Flensburger Universität über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinweg groß. Es gebe Anfragen von mehreren Universitäten aus ganz Deutschland, sagt Gosch. Und auch internationale Vertreter sind während der Adoptionswoche in Jübek und Flensburg zu Gast, um zu sehen, wie das Konzept umgesetzt wird.

Für die Studierenden bedeutet diese Art des Praxissemesters zwar mehr Arbeit, wie sie sagen, aber auch einen besseren Einblick in den echten Schulalltag, die tatsächlichen Aufgaben eines Lehrers. „Ich hab von allen gehört, die größte Herausforderung ist das Referendariat, weil dann der Praxisschock kommt“, sagt Niedworok. „Dieser wird einem so genommen.“

Von dpa Birgitta von Gyldenfeldt

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