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Schleswig-Holstein Ex-KZ-Sekretärin Irmgard F. soll nicht mehr fliehen können
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Stutthof-Prozess in Itzehoe: Ex-KZ-Sekretärin Irmgard F. soll nicht mehr fliehen können

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11:21 19.10.2021
Von Niklas Wieczorek
In Itzehoe ist vor wenigen Wochen der Prozess gegen die Ex-Sekretärin Irmgard F. aus dem KZ Stutthof (rechts) geplatzt. Nun soll am Dienstag verhandelt werden.
In Itzehoe ist vor wenigen Wochen der Prozess gegen die Ex-Sekretärin Irmgard F. aus dem KZ Stutthof (rechts) geplatzt. Nun soll am Dienstag verhandelt werden. Quelle: Markus Schreiber/dpa | Piotr Wittman/PAP/dpa
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Itzehoe/Kiel

Als eine der vermutlich letzten gerichtlichen Aufarbeitungen von NS-Täterschaften steht der Prozess gegen Irmgard F. im Fokus der Öffentlichkeit. Der 96-Jährigen wird zehntausendfache Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig vorgeworfen. Am Dienstag startet der Prozess in Itzehoe erneut – und dieses Mal soll er nicht platzen.

Rückblick: Dutzende Journalisten drängten sich am 30. September 2021 vor dem Industrieareal, in das die Verhandlung ausgelagert worden war. Noch größer wurde die Aufregung, als den Medienschaffenden klar wurde, dass die Beschuldigte nicht erscheint. Sie war geflohen.

Ganz simpel mit dem Taxi aus ihrem Altenheim in Quickborn hatte sich Irmgard F. Richtung Hamburg abgesetzt. In Norderstedt war sie in öffentliche Verkehrsmittel gewechselt, anschließend in der Hansestadt von der Polizei gestellt worden. Die Seniorin kam in U-Haft.

Die 96-Jährige Angeklagte im Itzehoer Prozess um Beihilfe zum Mord im KZ Stutthof flüchtete vor dem Prozessauftakt: Die 96-Jährige hatte ihr Heim in Quickborn (Kreis Pinneberg) am Morgen in einem Taxi mit Fahrziel einer U-Bahn-Station in Norderstedt verlassen. Quelle: Jonas Walzberg/dpa (Archiv)

Irmgard F. ließ Haftbeschwerde einlegen, woraufhin die 96-Jährige zurück in das Domizil in Quickborn konnte. Doch das Gericht beteuert: „Es ist sichergestellt, dass sie am Dienstag vor Ort erscheint“, sagt ein Sprecher. „Trotz zwischenzeitlichem Haftbefehl hat sich am Verfahren nicht viel verändert. Es geht los, wie es auch vor drei Wochen losgegangen wäre.“

Juden im KZ Stutthof getötet: Irmgard F. sieht sich nicht schuldig

Wie genau ihre Vorführung garantiert wird, kommuniziert die Justiz nicht offiziell. Durchgesickert ist aber, dass wohl ein Arzt und gegebenenfalls Vollzugsbeamte die Seniorin abholen. Die Polizei soll nur im Ausnahmefall einschreiten.

Rechtsanwalt Wolf Mokentin äußerte sich im September zum Fernbleiben seiner 96-jährigen Mandatin, einer ehemaligen Sekretärin des SS-Kommandanten des Konzentrationslagers Stutthof. Wegen der Flucht der Angeklagten, der Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen vorgeworfen wird, hat das Gericht die Verhandlung auf den 19. Oktober vertagt und einen Haftbefehl gegen die Angeklagte erlassen. Quelle: Markus Scholz/dpa

Irmgard F. wird vorgeworfen, als Sekretärin zur Tötungsmaschinerie an Juden, polnischen Partisanen und sowjetischen Gefangenen beigetragen zu haben. Die Angeklagte beteuert, sie sei unschuldig.

Daten und Fakten zum KZ Stutthof

Im Lager von Stutthof waren unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs polnische Zivilisten interniert worden. Ab 1942 folgten nach Angaben des Museums Stutthof Transporte aus den übrigen von Deutschland besetzten Gebieten. Im Juni 1944 wurde Stutthof Teil der sogenannten „Endlösung“.

Die SS brachte nach Angaben der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem vor allem jüdische Frauen aus den Arbeitslagern im Baltikum und aus Auschwitz nach Stutthof. Die Haftbedingungen seien beinahe so schlimm wie in einem Vernichtungslager gewesen. Die Gefangenen starben an Krankheiten und Misshandlungen, aber auch durch Erschießen, Erhängen, Vergasen und tödliche Phenolspritzen ins Herz.

In dem deutschen KZ Stutthof, seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg rund 65 000 Menschen.

Als Stenotypistin und Schreibkraft in der Kommandantur von Stutthof soll Irmgard F. zwischen Juni 1943 und April 1945 den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von Gefangenen Hilfe geleistet haben.

Rechte Szene feiert Irmgard F. für Flucht vor dem Stutthof-Prozess

Um einen weiteren Ausnahmefall am Prozessstandort zu verhindern, bereiten sich die Behörden vor. Denn die Flucht von Irmgard F. war in rechtsextremen Kreisen als Rebellion gegen den Staat und die Verfolgung von NS-Taten gefeiert worden. Szenevertreter kündigten sogar einen Besuch der weiteren Gerichtstage an.

Ob F. aber ein politisches Zeichen setzen wollte, ist offen. Die Verteidigung will das nicht kommentieren. Der Kieler Pflichtverteidiger Wolf Molkentin verweist darauf, was am Dienstag passieren soll: Verlesung der Anklage, eventuell Gerichtsbeschlüsse und dann die Erklärung der Verteidigung. „Der wollen wir nicht vorgreifen.“ Molkentin hatte bereits zuvor gesagt, wie wichtig es sei, den Opfern und Hinterbliebenen auch von Verteidigerseite würdevoll gegenüberzutreten.

Auch Peter Müller-Rakow, Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe, betont, dass die vorherige Flucht und die Anklage im Prozess in keinem Zusammenhang stehen. Tatsächlich ist ein Fluchtversuch in Deutschland nicht strafbar.

Das Gericht bestätigte, dass die 96-Jährige wenige Tage vor dem geplanten Prozessbeginn im September in einem Brief an das Gericht erklärt hatte, dass sie nicht kommen wolle. Daraufhin habe der Vorsitzende Richter ihr mitgeteilt, welche Maßnahmen die Strafkammer ergreifen werde, sollte sie tatsächlich nicht kommen.

Stutthof-Prozess in Itzehoe: Mahnwache angekündigt

Abzuwarten bleibt daher, was am Dienstag vor Ort geschieht: Neben der Ankündigung aus der extremistischen Szene hat sich beim Ordnungsamt des Kreises Steinburg eine Mahnwache angemeldet. Bis zu 30 Teilnehmer aus dem bürgerlichen Spektrum wollen sich dabei „für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen“ aussprechen, so die Behörde.

Rückblick: 30. September 2021 in Itzehoe: Der Platz der Angeklagten blieb leer. Nun startet der Stutthof-Prozess am 19. Oktober 2021. Quelle: Markus Schreiber/dpa

Die Polizeidirektion Itzehoe rechnet sowohl außerhalb als auch im Gebäude mit einem ruhigen Verlauf. „Wir sind mit ausreichend Kräften vor Ort“, sagt Sprecher Hans-Werner Heise.

Auch den Beamten sind die Ankündigungen aus der rechten Szene nicht entgangen. Grundsätzlich garantiere die Justiz selbst die Ordnung im Prozess: „Sollte es aber weitgehende Störungen oder Unmutsbekundungen geben, sind wir natürlich vorbereitet“, so Heise.

Das Verfahren gegen Irmgard F. findet vor einer Jugendkammer statt, weil die Angeklagte zur Tatzeit erst 18 beziehungsweise 19 Jahre alt war. Der Prozess gilt als einer der letzten NS-Prozesse in Deutschland. Der Prozess gilt als einer der letzten NS-Prozesse in Deutschland.

Weiterer Stutthof-Prozess endete mit Bewährungsstrafe

Im Juli 2020 hatte das Landgericht Hamburg einen ehemaligen Wachmann in Stutthof zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Das Gericht sprach den 93-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen schuldig – mindestens so viele Gefangene wurden nach Überzeugung der Strafkammer während der Dienstzeit des Angeklagten 1944/45 in Stutthof ermordet.

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Der Prozess gegen den damals 93-jährigen Bruno D. dauerte neun Monate. Es gab 45 Verhandlungstermine. Nach Beginn der Corona-Pandemie im März 2021 musste der Prozess unter strengen Hygiene-Auflagen stattfinden. Dennoch versäumte der Angeklagte keine einzige Sitzung, nur ein Termin musste vorzeitig beendet werden, weil sich der Beschuldigte nicht wohl fühlte.

KN-online (Kieler Nachrichten) 19.10.2021
Jonas Bickel 18.10.2021
Frank Behling 18.10.2021