Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein 26 Hunde für je zehn Euro verkauft?
Nachrichten Schleswig-Holstein 26 Hunde für je zehn Euro verkauft?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:03 08.11.2019
Von Thomas Geyer
Beim Tierschutz-Prozess gegen die Staatsanwältin wurden jetzt eine Hundehalterin und eine Amtstierärztin als Zeugin vernommen. Quelle: Frank Molter
Kiel

Die Zeugin schilderte Zustand und Lebensbedingungen von 42 Hunden aus zwei unterschiedlichen Haltungen, die aus ihrer Sicht alles andere als artgerecht waren.

In beiden Fällen ordnete die angeklagte Staatsanwältin (44) die Beschlagnahmung der betroffenen Tiere und kurz darauf deren sogenannte Notveräußerung an. Eine kostendämpfende Maßnahme: Der Verkauf durch die Behörde ist unter bestimmten Voraussetzungen gesetzlich erlaubt und gewollt - zur Entlastung der Landeskasse von explodierenden Kosten für die „amtliche“ Versorgung beschlagnahmter Tiere.

16 Straßenhunde und 26 Yorkshire Terrier beschlagnahmt

Im ersten von der Amtstierärztin geschilderten Fall waren 16 Straßenhunde aus Südeuropa auf einem dörflichen Grundstück bei Neumünster betroffen (wir berichteten). Im zweiten Fall ging es um 26 Yorkshire Terrier, die aus einem „völlig verwahrlosten“ Gebäude in Eckernförde geholt worden waren.

Sonderlich beeilt hat sich die Justiz bei der Aufarbeitung der umstrittenen Verkaufspraxis der damaligen Tierschutzdezernentin der Kieler Staatsanwaltschaft nicht: Beide Fälle liegen mehr als sieben Jahre zurück. Damals hatte die Amtstierärztin gerade ihre neue Stelle beim Kreis Rendsburg-Eckernförde angetreten. Die beanstandete Haltung der Straßenhunde war der erste Fall, den sie der Angeklagten meldete.

Amtstierärztin unterstrich ihren damaligen Standpunkt

Der Vorsitzende der Strafkammer, Stephan Worpenberg, fragte nach, ob die importierten Mischlinge im August 2012 wirklich hätten beschlagnahmt werden müssen. Den gewünschten Durchsuchungsbeschluss hatte der zuständige Kieler Amtsrichter der Staatsanwältin damals zunächst versagt - mangels Hinweisen auf ein Tierschutzdelikt.

Doch die Amtstierärztin unterstrich ihren damaligen Stadtpunkt: Die Hunde hätten wegen schlechter Versorgung und mangelhafter Hygiene zumindest teilweise erhebliche und dauerhafte Schmerzen erleiden müssen. Als ernsthaft krank beschrieb sie allerdings nur ein einziges Tier „mit grünlichem Nasenausfluss“. Der Richter hakte nach, ob dies mehr sei als ein Symptom für „Hundeschnupfen“.

Die Zeugin bejahte. Sie habe mögliche bakterielle Infekte und den Einsatz von Antibiotika abklären wollen. Zudem sei neben dem allgemeinen Gesundheitszustand auch der Tollwut-Impfschutz der Hunde fraglich gewesen. Spätere Blutuntersuchungen hätten den Verdacht bestätigt. Die zum Verkauf stehenden Tiere seien wegen hoher Fluktuation im Rudel und ständig wechselnder Rangordnung besonderem Sozialstress ausgesetzt gewesen. „Es fehlte an Rückzugsmöglichkeiten.“

Yorkshire Terrier sollen in "Messi"-Haushalt gelebt haben

Noch weit drastischer als die Bedingungen für die 16 Straßenhunde beschrieb die Tierärztin die „verheerenden, unhaltbaren Zustände“ für 26 teilweise kranke und schlecht ernährte Yorkshire Terrier in Eckernförde. In dem „Messi“-Haushalt hätten Fäkalien auf Fußboden, Matratzen und Mobiliar einen unerträglichen Gestank verbreitet.

Die Hundehalterin habe damals nur wirre Äußerungen von sich gegeben. Gegen sie verhandelte später das Amtsgericht Eckernförde wegen Tierquälerei. Wegen Schuldunfähigkeit aufgrund psychischer Probleme wurde die unter amtliche Betreuung gestellte Seniorin freigesprochen. Das Gericht verhängte jedoch ein fünfjähriges Tierhalteverbot. Der Amtstierärztin war „gleich nach Betreten des Hauses klar, dass die Tiere hier nicht bleiben konnten“. Vom anschließenden Notverkauf des Rudels habe sie jedoch nichts gewusst.

Hundehalterin gibt Überforderung zu

Auch die damals betroffene Hundehalterin wurde am Freitag als Zeugin gehört. Dem chaotischen Bild, das die Tierärztin von ihr zeichnete, schien die Mitsiebzigerin in keiner Weise mehr zu entsprechen. Die ehemalige Geschäftsfrau äußerte sich präzise, sachlich und reflektiert. Sie räumte Mängel bei der Versorgung ihrer Tiere ein.

Begründung: Sie sei überfordert gewesen durch die häusliche Pflege ihrer todkranken Mutter und einen Wasserschaden, der ihr Wohnhaus eigentlich unbewohnbar gemacht habe. Für die Sanierung hätten damals die Mittel gefehlt. Mit einer Mischung aus Bitterkeit, Humor und Schicksalsergebenheit erzählt die Zeugin, wie man sie damals für geisteskrank erklärt habe.

Vom Verkauf ihrer Hunde weit unter Wert („für zehn Euro pro Stück“) will die Zeugin erst später erfahren haben. Im Internet habe sie schweren Herzens verfolgt, wie ihre Lieblinge von Tierheimen in Kiel und Schleswig als „fröhliche, zutrauliche und freundliche“ Begleiter angepriesen wurden. Bis zu 1300 Euro habe sie selbst mal für ihre Hunde bezahlt, die sie mit Namen der englischen Königsfamilie ausstattete.

Immer informiert: Alle Nachrichten aus Schleswig-Holstein lesen Sie hier.

Der Verteidiger von Thomas Nommensen hat Verfassungsbeschwerde wegen der Durchsuchung beim Landes-Vize der Deutschen Polizeigewerkschaft eingelegt. „Ich sehe die Grundrechte meines Mandaten verletzt“, sagt Michael Gubitz. „Mich überzeugt die Entscheidung von Landgericht und Amtsgericht nicht.“

Anne Holbach 08.11.2019

Misshandlungen statt Wohlfühl-Erziehung? Die Staatsanwaltschaft Lübeck hat Ermittlungen gegen eine Waldorf-Kita bei Hamburg aufgenommen. Die Eltern von sechs Kindern hatten angezeigt, dass ihre Kinder zum Toilettengang gezwungen worden seien und es weitere unangemessene Belastungen gegeben habe.

Niklas Wieczorek 08.11.2019

Schöner, heller und voll digital: Nach vier Jahren Bauzeit ist in Lübeck das „Klinikum der Zukunft“ eröffnet worden. Die Bürger stehen Schlange, um einen Blick in die schöne neue Krankenhauswelt zu werfen.

08.11.2019