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Schleswig-Holstein Die heilende Kraft der Delfine
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16:30 01.11.2013
Delfine sind neugierig und spielen gerne. Deswegen nehmen Patienten Übungen mit ihnen nicht als Therapie wahr. Quelle: dpa /Archiv
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Kiel

Der neunjährige Finn* liegt schon seit zwei Stunden wach im Bett und ist voller Vorfreude auf den heutigen Tag. Wackelig steht er auf und tritt ans Fenster, an dessen Fensterbrett er sich festhält. Von dort hat er einen traumhaften Blick auf das türkis-blaue karibische Meer und die sonnendurchflutete Hotelanlage, in der er die nächsten zwei Wochen mit seiner Familie wohnen wird. Zum fünften Mal darf Finn an einer Delfintherapie im Delfin-Therapie- und Forschungszentrum auf der Karibikinsel Curaçao teilnehmen.

 Finn lebt seit seiner Geburt mit einer Behinderung. Er hat eine spastische Cerebralparese, eine Hirnschädigung die zu körperlichen Behinderungen führt. Durch umfangreiche Therapien kann Finn inzwischen auf ebenem Untergrund viele Meter etwas wackelig frei laufen und kurzzeitig frei stehen. Das Sprechen fällt ihm schwer. Das liegt daran, dass die Zunge bei der Formung von einzelnen Lauten und Buchstaben sehr passiv ist. Finns Feinmotorik, speziell die Beweglichkeit seiner Hände, ist sehr begrenzt. Durch die Einschränkungen merkt Finn, dass er anders ist und erlebt täglich Ausgrenzungen und Grenzen, die ihn traurig machen und verletzen.

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 Finns Eltern sagen, ihr Sohn wisse, dass all diese Einschränkungen rein motorisch seien: „Trotz seiner Behinderung ist Finn genauso fit wie gleichaltrige Kinder ohne Behinderungen. Er weiß, dass er durch fleißiges Üben, Therapien und Selbstkontrolle viel beeinflussen und erreichen kann.“ Von allen Therapieformen ist eine die schönste: die Delfintherapie.

 Nach einem umfangreichen Frühstück geht Finn mit seiner Familie ins Therapiezentrum. Dort wird er schon erwartet: von einem Therapeuten, einem Assistenten, einem Delfintrainer und natürlich vom Delfin. Es ist der gleiche wie im vergangenen Jahr. Zusammen mit seinem Team geht er zum Becken und darf dort mit Schwimmweste zu „seinem“ Delfin ins warme Meerwasser steigen, um ihn zu begrüßen.

 Die Delfintherapie wird individuell und speziell auf Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und besonderen Bedürfnissen abgestimmt. Mithilfe des Delfins werden Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie und Psychotherapie kombiniert. Der Delfin motiviert den Patienten und dient auch als Belohnung für einen Therapieerfolg. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Patienten mithilfe eines Delfins viermal schneller lernen als bei anderen Therapien.

 Im Delfintherapie-Zentrum auf Curacao absolviert Finn in zwei Wochen zehn Therapie-Einheiten. Eine Einheit dauert zwei Stunden. Eine halbe Stunde lang erhält Finn eine übliche Krankegymnastik. Daraufhin folgt eine Stunde lang die eigentliche Delfintherapie. In der letzten halben Stunde übt Finn, sich selbst umzuziehen oder zu duschen. Zum Schluss wird die Therapieeinheit bewertet. Die Eltern des Kindes dürfen während der Therapie nicht dabei sein, damit das Kind nicht abgelenkt wird. Sie können sich, falls sie trotzdem gerne sehen möchten, wie die Therapie abläuft, nahe des Docks auf eine versteckte Zuschauerbank setzen und von dort aus zugucken.

 Nach einigen Kennlernspielen mit seinem Delfin übt Finn auf dem Trockendock, einen Ball in einen Korb zu werfen und mit Wortkarten Sätze zu bilden. Später wirft er den Ball dem Delfin zu, und der bringt den Ball postwendend zurück. Anschließend soll Finn den Delfin imitieren, ihm die Zunge herausstrecken oder mit der Flosse wackeln. Zum Abschluss darf er sich an der Rückenflosse des Delfins festhalten und sich durch das Wasser ziehen lassen. Dabei spürt er die Kraft und die Energie des Delfins unter sich.

 Die Zusammenarbeit mit dem Delfin funktioniert nur deswegen so gut, weil Delfine sehr soziale und intelligente Lebewesen sind. Sie sind neugierig und haben viel Spaß am Spielen, sodass die Menschen die Übungen gar nicht als Therapie wahrnehmen. Die speziell für die Therapie ausgesuchten und ausgebildeten Tiere leben in geräumigen Lagunen und nehmen nur eine begrenzte Zeit an Therapien teil. Sie werden sehr umsorgt.

 Viel zu schnell vergingen für Finn die Tage auf Curacao, die sich für ihn dank der Wärme und der Sonne wie Urlaub anfühlten. Finns Eltern konnten viele Verbesserungen beobachten. Finn spricht jetzt verständlicher und kann längere Sätze bilden. Er hat mehr Ausdauer, Kraft und Motivation. Finns Mutter sagt: „Obwohl wir jeden Tag üben, wissen wir durchaus, dass wir keine Wunder erwarten dürfen. Gerade deshalb halten wir immer die Augen offen und suchen nach anderen, eventuell effektiveren Therapien für Finn. Mit der Delfintherapie haben wir eine solche Alternative gefunden!“

 *Name von der Autorin verändert

 Von Stine Dörhage, Klasse 8d, Gymnasium Altenholz