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Schleswig-Holstein Diesel-Freude und Diesel-Leid
Nachrichten Schleswig-Holstein Diesel-Freude und Diesel-Leid
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14:00 28.12.2018
Foto: Ulf Dahl (links), Foto-Chef der Kieler Nachrichten, fährt seit Kurzem einen neuen Audi – er hat von der Umtauschprämie profitiert. Lokalredakteur Günter Schellhase kaufte erst vor zwei Jahren einen VW-Multivan. Wollte er seinen Diesel jetzt mit allen Extras ersetzen, müsste er gut 30.000 Euro auf den Tisch legen.
Ulf Dahl (links), Foto-Chef der Kieler Nachrichten, fährt seit Kurzem einen neuen Audi – er hat von der Umtauschprämie profitiert. Lokalredakteur Günter Schellhase kaufte erst vor zwei Jahren einen VW-Multivan. Wollte er seinen Diesel jetzt mit allen Extras ersetzen, müsste er gut 30.000 Euro auf den Tisch legen. Quelle: Juliane Häckermann
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Ulf Dahl:

Die Umtauschprämie kam im rechten Moment

Das Angebot kam wie bestellt. Der Tüv stand ins Haus, Bremse, Querlenker, Stoßdämpfer waren fällig – die Prognose für den zwölf Jahre alten Mercedes-Kombi zeigte bei Kilometerstand 345000 schwer in Richtung „Fass ohne Boden“. Meine Frau gab den entscheidenden Tipp: Umtauschprämie. 8500 Euro sollte es beim Kauf eines Neufahrzeugs mit vier Ringen geben.

Wir hängen ansonsten an unseren Wagen. Wenn das Wunschauto die 100000-er Marke auf dem Tacho erreicht, ist das für uns gerade der Einstieg in eine lange und fast persönliche Beziehung. Aber ein Fahrverbot können wir als Dauerpendler nicht riskieren. Der bedauernswerte Zustand des Kombis hätte selbst im Export kaum einen Euro mehr gebracht, beinahe kaltherzig gaben wir ihn daher ab. Der Termin beim Händler war schnell gemacht, die Ausstattung festgelegt und das neue Auto bestellt. Den treuen und sparsamen Diesel holte der Schrotthändler.

Die Übergabe des „sauberen“ Neufahrzeugs, ein Benziner, fand zum 50. Geburtstag statt – Punktlandung. Die Umtauschprämie war perfekt auf uns zugeschnitten, die Sorge mit dem drohenden Fahrverbot vom Tisch – und mutmaßlich werden wir ein paar Jahre Ruhe vor Reparaturen haben.

Wir persönlich haben davon profitiert, dass Politik und Wirtschaft die Verbraucher betrogen haben und dank der Deutschen Umwelthilfe aufgeflogen sind. Ohne diese Prämie hätten wir den Wechsel sicher nicht so leichtherzig vollzogen. Allen, die sich in bester Absicht einen CO²-armen und vermeintlich umweltfreundlichen Diesel gekauft haben, der nun unter die Fahrverbotsregelung fällt, gilt unser Mitgefühl. Die Hersteller müssten die Kosten für die Umrüstung übernehmen, sie haben den Betrug an Verbrauchern und allen, die von den Abgasen betroffen sind zu verantworten – niemand sonst.

Und eines ist auch uns klar – das saubere Auto gibt es derzeit nicht. Wenn sich an der Luftqualität, dem Verkehrsaufkommen, den Unfallzahlen etwas zum Positiven verändern soll, bleibt nur die Forderung, Güter auf die Schiene zu bringen und die Verkehrsalternativen intelligent mit dem Individualverkehr zu vernetzen.

Ich freue mich schon auf die Straßenbahn für Kiel, die hoffentlich auch an die Region angebunden wird, auf einen ganzjährigen Fährverkehr vom Ost- ans Westufer – mit mehr Plätzen für Fahrräder und besserer Taktung. Und vielleicht gelingt es der innovativen Firma GP Joule aus dem Cecilienkoog ja bald, überschüssige Windenergie in Wasserstoff zu wandeln, das Speicherproblem zu lösen und so wirklich saubere Mobilität zu ermöglichen.

Günter Schellhase:

Ein neuer Bulli ist einfach nicht drin

So richtig frei wollte ich sein, mobil, unabhängig. Das war mir einige Euro wert. Denn was gibt es Schöneres, als morgens aufzuwachen, wo ich will, gerne mit Blick auf Berge oder Meer. Also musste ein Bus her, am besten einer von VW, ein Diesel – der Klassiker. Schnell war für mich klar, dass es ein Multivan sein soll, denn ich will den Wagen auch als Familienkutsche nutzen. Bei der Suche nach dem geeigneten Mobil brachte ich meine Kollegen vor zwei Jahren fast an den Rand der Verzweiflung mit meinem dauernden Hin und Her und Für und Wider, welcher es denn nun genau sein sollte. Irgendwann hatte ich meinen gebrauchten Wagen gefunden. Ich war glücklich, die Kollegen auch.

Ein paar Extras mussten allerdings noch eingebaut werden – ein Rußpartikelfilter für die grüne Plakette, Anhängerkupplung, drehbarer Beifahrersitz und Standheizung, schließlich wollte ich auch im Winter los. Eine Solaranlage habe ich beschafft, das Ausziehbett, das über die umgeklappten Sitze passt, generalstabsmäßig geplant und bauen lassen, die Matratze sorgfältig ausgewählt. Denn nach Cluburlauben und Kreuzfahrten wollte ich in meiner Blechhütte auf einen gewissen Komfort gerade in der Horizontalen nicht verzichten.

Monate später war alles so, wie ich es haben wollte. Das kostete ein Stange Geld. Aber das war mir die Sache wert. Und es hat sich gelohnt: Die Urlaube mit meinem Bus (viele haben einen Kosenamen für ihren Bulli, ich nicht) waren fantastisch – Schottland, Belgien, Niederlande, Dänemark. Auf meine Reise auf die Lofoten im Winter freue ich mich schon seit einem Jahr.

Doch diese Dieselgeschichte mit den Fahrverboten macht mir schlechte Laune. Ich darf einfach nicht mehr überallhin fahren. Oder ich muss mir einen neuen Wagen kaufen. Aber die Umtauschprämie von VW ist ein Witz. Einen neuen Bus, das wäre dann ein T6, kann ich mir mit den vielen Extras, die ich jetzt habe, nicht leisten. Die Rechnung: Ein neuer Multivan mit gewisser Ausstattung kostet ab 46000 Euro. VW gibt 7000 Euro Umtauschprämie, für meinen derzeitigen Diesel kriege ich nach erster Schätzung mit viel Glück 8000 Euro – etwa die Hälfte meiner Investition. Summa summarum müsste ich für ein Gefährt, mit dem ich überall hinfahren darf, 31000 Euro auf den Tisch legen.

Ist es mir das wert? Nein, ich behalte meinen Bus. Und sollte es in Kiel ein Fahrverbot geben, fahre ich eben drumherum. Meist bin ich in der Stadt sowieso mit dem Rad unterwegs. Das passt locker in den Bus, sollte ich mal eine andere Fahrverbotsstadt besuchen.

Von Ulf Dahl und Günter Schellhase

Tanja Köhler 28.12.2018
Heike Stüben 28.12.2018