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Schleswig-Holstein Wenn die Schule ins Krankenhaus kommt
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16:00 12.03.2020
Von Kristiane Backheuer
Lotta Droste zeigt stolz ihr Matheheft. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Schule? Hat man bei einer Krebsdiagnose nicht wahrlich andere Sorgen? Ja, die Diagnose Krebs stellt das ganze Leben auf den Kopf. Nichts ist mehr, wie es war. Angst, Unsicherheit, Schmerzen, wochenlange Aufenthalte im Krankenhaus. Till und Lotta könnten davon viel erzählen.

"Bald bin ich wieder dabei"

Aber die beiden Grundschüler blicken lieber nach vorne. „Die Schule vermisse ich ganz, ganz doll“, sagt Till und erzählt, dass kürzlich seine gesamte Klasse als Überraschungsbesuch vor seiner Haustür stand. „So schnell hat Till sich schon lange nicht mehr Jacke und Schuhe angezogen wie an diesem Tag“, sagt Mutter Monique Kaulitz. „Eine ganze Stunde konnte Till mit seiner Klasse draußen auf dem Spielplatz verbringen. Dabei ist er total aufgeblüht!“ Till nickt. „Bald bin ich wieder dabei“, sagt der Siebenjährige, kaut zufrieden ein paar Nüsse und erzählt von seinem neuen Erstlese-Buch über das Muffelmonster.

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Krankenhauslehrerin kam drei Mal in der Woche

Vor zwei Jahren wurde bei Till eine schwere Form von Leukämie festgestellt. Chemotherapie und Stammzellentransplantation liegen hinter ihm. Kurz vor Weihnachten hatte er wieder vier Wochen in der Klinik verbracht. Drei Mal die Woche kam ihn da Krankenhauslehrerin Melanie Kamin besuchen. Die wird vom Kieler Bildungsministerium finanziert und unterrichtet die Schüler einzeln direkt am Krankenbett. Für ein Interview stand sie allerdings nicht zur Verfügung. Aber Tills Mutter war schwer begeistert. „Sie hat das ganz wunderbar gemacht. Vieles versuche ich zwar auch mit Till zu üben“, sagt die 36-Jährige. „Aber Mama ist Mama.“

Unterricht nur für stationär aufgenommene Kinder

Gerade sind die beiden zur Routineuntersuchung in der Klinik. Jeden Montag und Donnerstag reisen sie dafür von Schwerin aus an, wo sie mit Papa Stefan (36) und Bruder Theo (6) leben. Über zwei Stunden Fahrt hin, dann die Untersuchung, dann wieder zurück. „Unterricht gibt es leider nur für die Kinder, die hier stationär aufgenommen sind“, sagt Heike Wienands, Leiterin der Pädiatrischen Psychoonkologie. „Sinnvoll wäre es aber auch bei den Kindern, die mehrmals wöchentlich unsere Tagesklinik besuchen und teilweise sehr weite Anfahrtswege haben.“ Till und Lotta würden das auf jeden Fall begrüßen. Die beiden haben richtig Lust auf Schule und aufs Lernen.

So werden Lotta und Till unterrichtet.

Mit drei Jahren bekam sie Krebs

Lotta hat heute zu ihrem Routinetermin Briefe von ihren Mitschülern mitgebracht. Darin steht, wie sie vermisst wird. Dass alle hoffen, dass Lotta bald wieder in der Klasse sitzt. Aber das dauert noch ein wenig. „Als Lotta ein Jahr alt war, bekam sie Nierenkrebs“, erzählt Mutter Ann-Christin Droste (38). „Dann hat sie zwei Jahre lang Chemotherapie bekommen, bis sie dann 2016 nierenerhaltend operiert wurde.“ Drei Jahre hatte die Familie Ruhe, bis im November 2019 Metastasen in der Lunge auftauchen. Seitdem besteht der Alltag für die Familie aus Ostholstein vor allem aus Krankenhausterminen.

Schule tut den Kindern gut

Klar, kennt auch Lotta die Krankenhauslehrerin. „Aber es gibt auch ein großes psychosoziales Team, zu dem unter anderem auch eine Kunsttherapeutin gehört“, erzählt Heike Wienands, und Lotta nickt. Das Malen liebt Lotta besonders. „Wenn ich erwachsen bin, werde ich Künstlerin oder Tierärztin“, steht für sie schon jetzt fest. Der Kontakt zur Klasse ist Lotta extrem wichtig. Im Dezember hatte sie deshalb alle Mitschüler zur „Eiskönigin 2“ eingeladen. Dazu mieteten ihre Eltern das komplette Kino im Nachbarort und verteilten Mundschutz-Masken. „Das war einfach klasse“, sagt Lotta und strahlt. Die offiziellen Lehrer von Till und Lotta in Schwerin und Ostholstein geben ihr Bestes, damit die beiden beim Schulstoff mithalten können. Eltern und Lehrer sind im regen Austausch. „Zwei Lehrer aus unserer Dorfschule kommen sogar abwechselnd zum Unterricht zu uns nach Hause“, erzählt Ann-Christin Droste. „Das ist schon ganz zauberhaft, wie alle sich bemühen.“ Heike Wienands nickt. Die Diplom-Psychologin sieht, wie gut es den Kindern tut, sich mit der Schule zu beschäftigen. Mit der Normalität. „Das ist eine enorme Ressource“, sagt sie, „gerade in Zeiten, in denen nichts mehr normal ist.“

Das Land arbeitet an neuem Konzept für den Krankenhaus-Unterricht

Kinder, die mit der Diagnose Krebs im Krankenhaus behandelt werden, können von einem Krankenhauslehrer unterrichtet werden. Dafür hat das Land Schleswig-Holstein laut Sprecherin des Bildungsministeriums Patricia Zimnik rund 68 Planstellen bereitgestellt. Die Stundenzahl des Unterrichts richtet sich nach dem gesundheitlichen Zustand der Patienten.

Derzeit arbeitet das Land an einem neuen Konzept für den Krankenhaus-Unterricht. Einheitliche Standards sollen künftig dafür sorgen, dass an allen Standorten nach denselben Regeln gearbeitet wird.

Für ältere erkrankte Kinder und Jugendliche gibt es neben dem Krankenhaus-Lehrer noch die Möglichkeit, einen Avatar zu nutzen. Ein Roboter geht dabei stellvertretend für den Schüler in den Unterricht. Der Avatar ist 27 Zentimeter hoch und rund ein Kilo schwer und wird im Klassenraum aufgestellt. Über ihn kann der Patient am Unterricht teilnehmen. Der Roboter sieht für ihn, er hört für ihn und überträgt die kompletten Schulstunden per Livestream. Vom Krankenhausbett aus kann sich der Schüler so auch am Unterricht beteiligen.

Weitere Infos unter www.mittendrin-sh.de

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