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Schleswig-Holstein Eine Vertrauensperson in der neuen Heimat
Nachrichten Schleswig-Holstein Eine Vertrauensperson in der neuen Heimat
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07:00 30.11.2016
Ein gutes Team: Wenn sich Martina Back (51) aus Heikendorf und Toleen (13) aus Syrien treffen, bringt das Mädchen oft einen Stapel Behördenbriefe mit, die sie sich von ihrer Patin erklären lässt. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Heikendorf/Kiel

Allein in Kiel betreut das Jugendamt aktuell 211 minderjährige Unbegleitete. So wie Martina Back aus Heikendorf der 13-jährigen Toleen zur Seite steht.

 Toleen ist im Sommer 2015 ohne ihre Eltern geflüchtet. Zusammen mit einigen Verwandten – sonst hätten die Eltern das Mädchen nicht fortgelassen. Letztlich erschien das Fluchtrisiko geringer als Toleen weiter den Bomben und der steten Bedrohung in Syrien auszusetzen. Toleen hatte Glück. Sie überstand die Flucht. „Dennoch ist das, was solch ein Kind gesehen und erlebt hat, schwer zu ertragen, wenn man selbst Kinder hat“, sagt Martina Back. Für die dreifache Mutter war deshalb selbstverständlich, sich angesichts der Berichte über viele unbegleitete Flüchtlinge zu fragen: Was kann ich tun, damit diese Kinder hier nicht seelisch zerbrechen oder auf die schiefe Bahn geraten? Über Lifeline lernte die 51-Jährige Toleen kennen.

 Ob sie Bedenken gehabt hat? Immerhin sollte sie sich um ein fremdes Kind aus Syrien kümmern, mit dem sie sich nur schwer verständigen konnte. Nein, sagt Martina Back. Es habe gleich einen Draht zwischen Toleen und ihr gegeben. Und Lifeline habe ihr nicht nur von Anfang an Beratung und Fortbildung, sondern mit Ulrike Otto auch eine feste Ansprechpartnerin geboten. Es geht ja auch nicht darum, einen Flüchtling bei sich zu Hause aufzunehmen. Die Minderjährigen wohnen woanders, sind versorgt, weil sie ohne Erziehungsberechtigte der Obhut des Jugendamtes unterstehen. Es geht um eine Vertrauensperson, einen stabilen Anker im neuen Leben. „Ich möchte Toleen das Gefühl geben, dass jemand für sie da ist. Einer, der ihre Interessen vertritt. Und wenn ich bei einer Behörde etwas für sie erreicht habe, dann löst das auch bei mir Glücksgefühle aus“, sagt die Heikendorferin.

 Paten wie sie sind besonders wichtig, wenn die jungen Flüchtlinge volljährig werden. Denn dann müssen sie ihr Leben – vom Wohnen über Schule und Ausbildung bis zur Freizeit – selbst regeln und sind oft überfordert damit. „Es reicht schon, dass sie einen amtlichen Brief nicht richtig verstehen und nicht fristgemäß reagieren, um eine ernsthafte Krise auszulösen. In dieser Situation ist eine Vertrauensperson eigentlich unverzichtbar“, erklärt Ulrike Otto von Lifeline, „doch dazu brauchen wir einfach mehr Paten. Wir haben ständig lange Wartelisten.“

 Aber es gibt auch immer wieder Lichtblicke. Dann entwickelt sich aus einer Patenschaft auch einmal eine Vormundschaft. Normalerweise werden die Mitarbeiter der Jugendämter zu Vormündern für unbegleitete Minderjährige. „Doch dort ist man ja völlig überlastet. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung, die notwendig wäre in der völlig fremden Situation, ist da nicht möglich. Deshalb werben wir auch dafür, dass Bürger ehrenamtlicher Vormund für einen jungen Flüchtling werden“, sagt Otto. Ein Vormund übernimmt gerichtlich bestellt die Stelle des Erziehungsberechtigten. Deshalb müssen die Eltern in der Heimat auch damit einverstanden sein. Martina Back war bereit, für Toleen die Vormundschaft zu übernehmen. „Ich mag sie einfach sehr, und als Patin stößt man im Umgang mit Schule, Ausbildung, mit Ärzten und Behörden irgendwann an Grenzen.“

 Dass Martina Back doch kein Vormund wurde, hatte eine erfreulichen Grund: Toleens Eltern konnten nach Kiel nachkommen. Das war aber nicht das Ende der Beziehung zwischen Patin und Patentochter. „Im Gegenteil“, sagt Martina Back, „inzwischen habe ich quasi die ganze Familie adoptiert. Wir können voneinander so viel lernen.“

 Infos unter: Lifeline e.V. ,

 Telefon: 0431 - 240 58 28,

 E-Mail: lifeline@frsh.de

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