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Schleswig-Holstein Versorgung von Kindern: Ärzte kritisieren gravierende Engpässe
Nachrichten Schleswig-Holstein Versorgung von Kindern: Ärzte kritisieren gravierende Engpässe
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08:20 14.10.2019
Von Heike Stüben
Privatdozent Dr. Andreas Claaß leitet die Kinder- und Jugendmedizin im Städtischen Krankenhaus Kiel. Er würde gerne mehr junge Patienten aufnehmen, wenn genügend Kinder-Pflegefachkräfte dafür finanziert und auf dem Markt vorhanden wären. So muss er Kinder abweisen, obwohl Betten vorhanden sind.
Kiel

 „Dann müssen Ausweich-Kliniken gefunden oder andere Kinder verlegt werden", sagt Dr. Ralf Heek aus Altenholz, Landesvorsitzender vom Verband der Kinder- und Jugendärzte BVKJ. "Wir können das nicht länger hinnehmen.“

Dass Kinder nicht in der Klinik behandelt werden können, zu der sie der Hausarzt geschickt hat, sei ein zunehmendes Problem, bestätigt Dr. Alexander Baumgarten-Walczak, Kinderarzt in Preetz und BVKJ-Obmann. „Diese Situation wird unter niedergelassenen Ärzten mittlerweile als bedrohlich erlebt.“

Suche nach einem Klinikplatz wird zur Odyssee

Auch die Selbsthilfeorganisation „Kindernetzwerk“, die bundesweit über 200000 Eltern von meist chronisch kranken Kindern vertritt, beklagt „gravierende Engpässe in der stationären Versorgung“.

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Von Kollegen wisse er, so berichtet es Baumgarten-Walczak, dass Kinder aus Kiel in Neumünster, Rendsburg oder Eutin behandelt werden mussten. „Leider gab es auch in unserer Preetzer Praxis Fälle, bei denen kranken Kindern und ihren Eltern eine erhebliche Odyssee zugemutet wurde und sie erst in Neumünster aufgenommen werden konnten. Dabei handelte es sich zum Teil um Kinder mit schweren Erkrankungen, die üblicherweise in Kiel betreut wurden.“

Kinder, Eltern und Arztpraxen sind verunsichert

Die Folgen: Der Beginn der notwendigen Behandlung verzögert sich. Die Besuchsmöglichkeiten für die Familien werden durch die langen Fahrzeiten erschwert. Vor allem müssen insbesondere chronisch kranke Kinder mit akuten Erkrankungen in Kliniken, die sie nicht kennen und in denen es zum Teil keine Erfahrung mit dem jeweiligen Krankheitsbild gibt.

Das verunsichere Eltern und Kinder sehr, hieß es aus der Ärzteschaft. Dr. Sebastian Groth, Kinder- und Jugendarzt aus Rendsburg, sieht noch ein Problem: Eltern könnten sich gegen den ärztlichen Rat entscheiden, den notwendigen Klinikaufenthalt ablehnen oder die Klinik vorzeitig verlassen. 

Für die niedergelassenen Kinderärzte bedeutet die Situation laut Groth einen Mehraufwand. „Vor allem ist es eine erhebliche Belastung zu entscheiden: Betreue ich ein Kind, das keinen Platz in der entsprechenden Klinik bekommt, dann besser ambulant weiter – mit dem Risiko einer möglicherweise lebensgefährdenden Verschlechterung? Oder weise ich es in eine entfernte, fachlich weniger gut auf die Erfordernisse des Kindes eingestellte Klinik ein?“

18 von 30 Betten können nur belegt werden

Dr. Andreas Claaß, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Städtischen Krankenhaus Kiel, kann das nachvollziehen. „Wir alle hier wollen Kindern helfen und würden gerne alle aufnehmen. Doch wenn eine adäquate Versorgung mangels Personalkapazitäten nicht möglich ist, müssen wir Kinder abweisen oder erst einmal andere transportfähige Patienten verlegen.“

Diese Situation belaste alle in der Kinderklinik. Manche Pflegekraft ertrage diese Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und der betriebswirtschaftlichen Begrenzung auf die Dauer nicht und verlasse deswegen das Krankenhaus. Aktuell sind in der Kinderklinik 18 Betten belegt. „Doch wir könnten mindestens 20 Kinder aufnehmen und – wenn die Eltern nicht mit untergebracht werden müssen – sogar bis zu 30 Kinder“, sagt der Chefarzt. 

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Berlin sieht keine strukturelle Unterversorgung

Doch das System lasse es nicht zu, dafür genug Personal vorzuhalten. „Es gibt eine generelle Verknappung von pflegerischen Ressourcen, die alle Kinderkliniken trifft. Das führt immer wieder zu Problemen“, sagt auch Prof. Martin Schrappe, Direktor der Kinder- und Jugendmedizin I im Universitätsklinikum Kiel. Jahrelang seien bundesweit zu wenige Kinderkranken-Pflegekräfte ausgebildet worden. 

Kinderarzt Baumgarten-Walczak fordert: „Wir brauchen eine Abkehr von dem Ökonomisierungsdruck in der Gesundheitsversorgung der Kinder und Jugendlichen.“ Doch die Bundesregierung hat kürzlich der Antwort auf eine Anfrage der Linken festgestellt: „Eine strukturelle Unterversorgung mit Kinderkliniken oder Fachabteilungen für Kinderheilkunde ist aus Sicht der Bundesregierung nicht gegeben.“

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