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Schleswig-Holstein Blasenkrebs zeigt sich früh
Nachrichten Schleswig-Holstein Blasenkrebs zeigt sich früh
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17:07 03.02.2020
Von Christian Trutschel
Urologe Claudius Hamann vor einer computertomografischen Querschnitt-Aufnahme (CT): Die komplett weißen Areale stellen Hüftköpfe und Steißbein dar. In der Mitte ist die Harnblase zu sehen, an deren linker Seite (helleres Areal) der Blasentumor wächst. Quelle: Frank Peter
Kiel

Helmut B. sitzt aufrecht im Krankenbett. Nicht unter, sondern auf der Decke. Die sportliche Kleidung, seine schlanke Statur, der jungenhafte Schnitt des vollen, grauen Haars, die gesunde Hautfarbe – man könnte auf die Idee kommen, dieser freundliche Mann wolle gleich zum Training und nehme vorher noch eine kleine Vitamin-Infusion.

Wäre da nicht dieser Beutel mit der Aufschrift Cisplatin, der über einen Schlauch mit dem Zugang in der Brust des Patienten verbunden ist: Helmut B., 75, bekommt eine Chemotherapie. Seit Dezember schon, unterbrochen durch mehrtägige Pausen, und noch bis März – immer für drei Tage, hier im Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) in Neumünster.

Zahlen und Fakten

17300 Blasenkrebs-Fälle im Jahr

12220 Männer und 4250 Frauen in Deutschland erkrankten 2016 – bisher jüngste Zahlen des Robert-Koch-Instituts – an Blasenkrebs. Für 2020 prognostizieren das RKI und auch die Deutsche Krebshilfe 4500 Neuerkrankungen bei den Frauen und 12800 bei Männern. Damit ist Blasenkrebs bei den Männern an vierter Stelle nach Krebserkrankungen der Prostata, der Lunge und des Darms. Bei Frauen ist Brustkrebs am häufigsten, gefolgt von Tumoren der Lunge, des Darms und der Gebärmutter.

Auch die Blase musste bei einer OP entfernt werden

Vor einem Jahr, im Januar 2019, wurde er zum ersten Mal im FEK operiert. Die Diagnose: Blasenkrebs. Ein großer Tumor, mit dem auch die Blase selbst entfernt werden musste. Nahe Lymphknoten waren nicht von Krebs befallen.

Die operierenden Urologen bauten ein sogenanntes Ileum-Conduit, führten die von den Nieren kommenden Harnleiter an ein entnommenes Stück Dünndarm und schufen mit diesem einen künstlichen Urin-Ausgang. Fünf bis sechs Stunden dauerte die offenchirurgische OP.

Seitdem trägt Helmut B. seitlich unter der Kleidung einen kleinen Beutel, der den Urin auffängt, und den er sporadisch entleert. „Das rein Technische habe ich so gut im Griff, dass es mich nicht mehr belastet“, sagt er.

Leistung der Nieren ist vermindert

Nach einem Monat im FEK und einer vierwöchigen Reha in Schönhagen hatte er ein gutes halbes Jahr lang keine Probleme. Dann, im Spätsommer, zeigte sich, dass eine Niere staute, „weil einer der beiden Harnleiter nicht mehr so richtig durchgängig war. Zur Entlastung der Niere wurde ein Fistelkatheter gelegt. Nun trage ich einen zweiten Beutel, hier am Bein.“

Beide Beutel füllen sich unterschiedlich schnell, wegen stark verminderter Leistung einer der beiden Nieren. „Das muss noch bearbeitet werden, aber eins nach dem anderen“, sagt Helmut B. und lächelt.

Im Oktober, bei einer CT-Kontrolle, zeigten sich Tumorzellen in der Lunge. „Ein Tumor wurde in einer minimal-invasiven OP entfernt, und es wurden Zellen entnommen“, berichtet B. Deshalb nun die Chemotherapie. Eins nach dem anderen.

Besser einmal mehr zum Arzt als zu wenig

Gerade als Mann, mahnt Helmut B., „sollte man sich um Prophylaxe kümmern, nicht nur ein Mal, sondern regelmäßig eine Ultraschalluntersuchung des Unterleibs vornehmen lassen. Und man sollte bei den allerersten Anzeichen, bei denen man vielleicht nur meint, da könnte etwas sein, zum Arzt gehen. Besser einmal mehr als einmal zu wenig!“

Aus seiner Sicht sei das Tückische an Krebs: „Man merkt es nicht oder zu spät. Ich hab’ die Anzeichen – möglicherweise mal Blut im Urin, dann im Advent 2018 dieser nicht mehr allmähliche, sondern plötzlich ganz starke Harndrang – falsch gedeutet. Und ich war jahrelang nicht beim Arzt gewesen.“ Dabei gehört er nicht mal zu den Risiko-Patienten, hat nie geraucht und nie mit offenen Chemikalien zu tun gehabt.

Blasenkrebs: Risiko steigt durch Rauchen

„Das größte Problem ist Rauchen“, sagt Dr. Claudius Hamann, Oberarzt und Lehrbeauftragter an der Klinik für Urologie und Kinderurologie des UKSH Kiel. „Die Blase ist wie eine Bank – Schadstoffe gehen nicht einfach so durch, Sie zahlen Ihr ganzes Leben darauf ein.“

Wer mit dem Rauchen aufhöre, habe zwei Jahre später ein – je nach Studie – um 30 oder sogar 60 Prozent reduziertes Blasenkrebs-Risiko, aber verglichen mit Nichtrauchern ein immer noch erhöhtes. „Da müssen Raucher aufpassen“, mahnt Hamann.

Das Speicherorgan Blase fasst etwa 0,5 Liter Flüssigkeit und ist, wie der ganze Harntrakt, nicht mit Schleimhaut, sondern mit einer speziellen Hautschicht, dem Urothel, ausgekleidet – deshalb der medizinische Begriff Urothelkarzinom für Blasenkrebs.

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Arzt rät: Regelmäßig Urin untersuchen lassen

„Das Kardinalsymptom des Urothelkarzinoms ist sichtbares Blut im Urin, die sogenannte Makro-Hämaturie“, erklärt Urologe Hamann und unterstreicht: „Makro-Hämaturie muss immer abgeklärt werden. Das ist immer tumorverdächtig – bis zum Beweis des Gegenteils.“ Das könnte zum Beispiel eine geplatzte Prostata-Randvene sein oder ein unbemerkter Harnwegsinfekt.

Auch nicht sichtbares Blut im Urin (Mikro-Hämaturie) kann ein früher Hinweis auf Blasenkrebs sein. Regelmäßige Urin-Untersuchungen beim Hausarzt sind deshalb für Risikopatienten sinnvoll. „Meistens ist Blut ein Frühsymptom“, sagt Claudius Hamann, schränkt aber ein: „Mikro-Hämaturie kommt auch bei Frauen mit einer symptomatischen Blasenentzündung vor.“

Bei einer Mikro-Hämaturie sollte der Urin nach vier bis sechs Wochen erneut getestet und – bei Befund – die Blase gespiegelt werden.

Auch Frauen gehen zum Urologen

Urologen, gerne mal als „Penis-Ärzte“ tituliert, sind in doppelter Hinsicht besonders: Sie operieren, sind also Chirurgen, aber behandeln Patienten im vollen Spektrum von der Früherkennung über Diagnostik, Therapie und Chemotherapie bis hin zur Palliativmedizin. Und ihre Patienten sind sowohl männliche als auch weibliche.

Um die Ursache sichtbaren Bluts im Urin zu finden, erklärt Claudius Hamann, „ist das Mittel der Wahl die diagnostische Blasenspiegelung. Sie ist der Goldstandard.“ Die meisten Tumore der Blase wachsen nach innen, ins Volumen hinein, „und viele sieht man nicht im Ultraschall.“

Jeder sichtbare Tumor wird entfernt – unter Vollnarkose oder Spinalanästhesie. „Wir führen durch die Harnröhre eine Elektroschlinge in die Blase, mit der wir den Tumor lokal ausschälen.“ Die gute Nachricht: „Zwei Drittel der Blasentumore sind lokal behandelbar. Das heißt: Die Blase bleibt erhalten.“

Rücken näher zusammen: (v.r.) Felix Prell, Julia Lyhs und Gerhard Webers. Quelle: Ulf Dahl

Service für Patienten

Klinik für Urologie will Patienten noch besser informieren

Patienten gut informieren und sie so in die Lage versetzen, gemeinsam mit dem Arzt gute Therapieentscheidungen zu treffen – das ist die Idee von Patient Empowerment (engl. Patienten-Ertüchtigung). An der Klinik für Urologie und Kinderurologie des UKSH Kiel kümmern sich im Rahmen des Projekts Heracles M. Sc. Felix Prell als Projektleiter und B.A. Julia Lyhs als Projektkoordinatorin um optimierte Patienten-Information.

Zusammen mit der Selbsthilfegruppe Blasenkrebs Kiel entstand der 50-Seiten starke Nachsorgepass Blasenkrebs mit einem leitliniengerechten Nachsorge-Schema. „Vor allem nach Entfernung der Blase ist das wichtig“, erläutert Felix Prell. „Wir haben den Nachsorgepass an Selbsthilfegruppen, Rehakliniken und Ärzte in ganz Deutschland verschickt, etwa 3000 Exemplare“, sagt Julia Lyhs.

Am 4. Mai 2020 wollen sie im UKSH-Gesundheitsforum über „Blasenkrebs – Hilfe vom Arzt, von der App und von der Gruppe“ informieren.

Heracles ist ein deutsch-dänisches Interreg-Projekt. Das Kernteam bilden die Kieler UKSH-Klinik für Urologie, das Kieler Start-up Binary Molecule, das Krankenhaus Sygehus Lillebælt in Vejle und der Fachbereich Design der Syddansk Universitet in Kolding. Die EU fördert Heracles mit 1,3 Millionen Euro. Zukünftig wollen die Klinik und die Selbsthilfegruppe Kiel näher zusammenrücken.

Die Selbsthilfegruppe besteht zurzeit nur aus zwei Mitgliedern. Vorsitzender ist Gerhard Webers, 72, Rentner und Hobby-Radfahrer, „bis heute ohne E-Bike“, der schon alle deutschen Flüsse abgefahren und darüber hinaus große Radtouren im Ausland unternommen hat. In diesem Jahr plant er eine weitere in Polen.

Der Urologe, der 2010 die Diagnose Blasenkrebs stellte, „hat mich zusammengefaltet, als er hörte, dass ich ein halbes Jahr vorher schon einmal Blut im Urin hatte, aber erst jetzt kam“, berichtet Nichtraucher Webers. „Ich habe das Glück, meine Blase noch zu haben.“ Jedes Jahr geht er zur Blasenspiegelung und bezeichnet sich als geheilt. Die Selbsthilfegruppe trifft sich erstmals am 11. März 2020 im UKSH Kiel, Neubau (Haus C), Urologie, Raum Kroatien: von 16 bis 18 Uhr – danach am 13. Mai., 8. Juli, 9. September, 11. November 2020.

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