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Schleswig-Holstein Midyatli will Genossen zum Erfolg führen
Nachrichten Schleswig-Holstein Midyatli will Genossen zum Erfolg führen
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12:00 29.03.2019
Von Christian Hiersemenzel
Serpil Midyatli bewirbt sich am Sonnabend für das Amt der SPD-Landeschefin. Ihre Wahl gilt als sicher – es gibt keinen Gegenkandidaten. Quelle: eis - Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

Die Erwartungen sind riesig. Die neue, allererste Frau an der Spitze der Nord-SPD soll der Partei gegenüber der Fraktion endlich wieder Luft verschaffen. Sie soll sich vom Übervater Ralf Stegner emanzipieren, inhaltlich neue Akzente setzen, mit ihrer Herzlichkeit die geschundene Parteiseele streicheln – und nicht zuletzt die SPD wieder zu Wahlsiegen führen. „Es muss gut werden!“, sagte eine Genossin gestern.

Midyatli will an der linken Ausrichtung des Landesverbands nichts ändern

„Wir sind ein progressiver Landesverband: links, dickschädelig und frei“, sagt die 43-Jährige. „An dieser Ausrichtung werde ich nichts ändern.“ Wohl aber werde man sich personell breiter aufstellen müssen und Praktiker einbeziehen. Einige Themen lägen doch auf der Hand: mehr Wohnraum, die Beseitigung des Pflegenotstands, Mobilität der Zukunft auch im ländlichen Raum und der Kampf gegen den Fachkräftemangel. „Die Antworten darauf werden sozialdemokratisch sein müssen“, sagt Midyatli. „Pflege und Wohnen müssen sich alle Menschen leisten können“, der Markt regele eben nicht alles allein. Kommunale Grundstücke sollten für Neubauten nur dann zur Verfügung stehen, wenn ein Anteil auch für die alleinerziehende Krankenschwester und den Senior geschaffen wird. „Dem wird leider nicht überall zugestimmt. Das ist doch traurig!“

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Kämpferisch, leidenschaftlich und charismatisch sei sie, räumen auch politische Gegner ein, und wenn sie sich in Rage redet, wolle man ihr lieber nicht in die Quere kommen. Seit 2009 sitzt Midyatli im Landtag, sie war damals die erste muslimische Abgeordnete, inzwischen ist sie auch Fraktions-Vize. Ralf Stegner gilt als ihr politischer Ziehvater, Vergleiche liegen da auf der Hand. „Um Stegner-Format zu bekommen, muss sie sich noch ganz schön strecken“, heißt es aus der FDP. Und in der CDU bescheinigt man ihr zwar Energie. „Aber sie wird außer ihren Kernthemen Migration und Kita ihrer Partei null Impulse geben.“

Tochter von Gastarbeitern aus der Türkei

Die gebürtige Kielerin wuchs in Hasseldieksdamm und Mettenhof auf – nicht in Gaarden, wie so gern kolportiert wird. Ihre Eltern waren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen, ihr Vater arbeitete zunächst als Schweißer bei HDW, ihre Mutter eröffnete später ein Lebensmittelgeschäft. Anfang der 1990er-Jahre funktionierten die Eltern in Gaarden eine Tischlerei zum Veranstaltungszentrum „Mega Saray“ um. Die gerade mal 18-jährige Tochter Serpil brach das Wirtschaftsgymnasium ab und wurde Restaurantleiterin. 2004 übernahm sie zusammen mit ihrem Ehemann Atilla in Gaarden das Kulturzentrum Räucherei, später kam noch ein Catering-Service hinzu. „Ich bin eine sehr gute Organisatorin. Das hilft mir jetzt auch im Job.“

Zu wenig intellektuell? "Ich will ja kein Buch schreiben"

Im Regierungsviertel wird immer wieder darauf hingewiesen, dass ihr Vorgänger mit seinem Harvard-Abschluss glänzt. Und einer der vielen Parteifreunde räumt bei allem Wohlwollen für die designierte Parteichefin ein, dass die Intellektualität ausbaufähig sei. Midyatli, Vollblutgastronomin, Politprofi und zweifache Mutter, nimmt solche Seitenhiebe gelassen. Sie könne gut unterschiedliche Menschen an einen Tisch bringen und mit ihnen gemeinsam Lösungen erarbeiten. „Und ich will ja kein Buch schreiben. Die Menschen müssen verstehen, was wir als SPD wollen und welche Haltung wir einnehmen.“ Das traue sie sich zu.

In der Partei gilt es als offenes Geheimnis, dass sich Midyatli im Sommer aus dem Fraktionsvorstand zurückzieht. Sie selbst will das nicht kommentieren. Ob ihr dann nicht die Bühne fehle? „Wie oft ich im Landtag auftrete, hat mit meinen Themen zu tun, die ich besetze, nicht mit meiner Funktion als stellvertretende Vorsitzende“, antwortet sie. Es sei gut, sich aus dem Kleinklein der Fraktion herauszuziehen, heißt es im Landesverband. Auch sonst ist dort nahezu nur Gutes zu hören. Dazu passt auch, dass die Gettorferin seit ein paar Jahren im Präsidium des schleswig-holsteinischen Heimatbundes sitzt. „Sie ist Dorf und Stadtviertel zugleich“, schwärmt ein Kieler Parteifreund. Um dann zu beklagen, dass in der SPD ein „Raum der politischen Verlassenheit“ entstanden sei. Wenn es Serpil Midyatli gelänge, Menschen anzusprechen, die sich von der Politik nichts mehr erwarten, sei viel gewonnen.