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Schleswig-Holstein Wie SH seine Küsten vor dem Meer schützt
Nachrichten Schleswig-Holstein Wie SH seine Küsten vor dem Meer schützt
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17:01 25.09.2019
Blick bei Niedrigwasser auf das Wattenmeer vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste in der Nähe von St. Peter-Ording.  Quelle: Carsten Rehder
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Kiel

Der Klimawandel bedroht die deutschen Küsten stärker als bisher angenommen. Schleswig-Holstein mit seinen Inseln und Halligen ist besonders betroffen. Nach dem jüngsten Bericht des Weltklimarats steigt der Meeresspiegel immer schneller: Derzeit ist der Anstieg demnach mit 3,6 Millimetern im Jahr doppelt so hoch wie im Schnitt des 20. Jahrhunderts. Während der Meeresspiegel im gesamten vorigen Jahrhundert um 15 Zentimeter kletterte, könnte er bei starker Erhöhung der Treibhausgasemissionen bis 2100 um rund einen Meter steigen.

Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht sah am Mittwoch die schlimmsten Befürchtungen bestätigt, gerade für das Land zwischen den Meeren. Aber: «So alarmierend das Szenario ist - mit unserer Küstenschutzstrategie sind wir grundsätzlich darauf vorbereitet», sagte der Grünen-Politiker. Dennoch werde das Land für den Küstenschutz mehr Geld und Personal benötigen. Es werde festlegen müssen, «was uns die Sicherheit an unseren Küsten Wert ist».

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3900 Quadratkilometer überflutungsgefährdet

Immerhin fast ein Viertel der Landesfläche - 3900 Quadratkilometer - zählt zu den überflutungsgefährdeten Niederungen an Nord- und Ostsee sowie Elbe. In diesem Raum leben laut Landesregierung mehr als 350 000 Menschen; Sachwerte in Höhe von 49 Milliarden Euro gibt es dort.

Mehr lesen:Meeresspiegel steigt doppelt so schnell wie im 20. Jahrhundert – Klimarat schlägt Alarm

Schleswig-Holstein schützt seit langem mit großem Aufwand seine Küsten, besonders an der Nordsee. Dieses Jahr stehen für Deichverstärkungen, Sandvorspülungen, die Unterhaltung von Anlagen und weitere Maßnahmen 77 Millionen Euro zur Verfügung. Neben den in diesem Jahr fertigzustellenden Arbeiten zur Verstärkung der Deiche Dagebüll-Nord und Seestermüher Marsch laufen unter anderem mehrjährige Deichverstärkungen an Hauke-Haien-Koog und Eiderdamm-Süd.

450 Menschen in Küstenschutzverwaltung

Auf Hallig Hooge zum Beispiel ist die Verstärkung der Hanswarft noch nicht wie geplant fertig, aber bis Beginn der Sturmflutsaison Ende Oktober muss das geschafft sein, wie Bürgermeisterin Katja Just sagte. Weitere Maßnahmen werden absehbar starten, um die Menschen an der Westküste vor dem «Blanken Hans» zu schützen, den gefährlichen Sturmfluten. Rund 450 Menschen arbeiten in der Küstenschutzverwaltung des Landes, mehr als 30 davon leben auf Halligen.

Themenseite zum Küstenschutz

«Das Wattenmeer wird ertrinken», sagte der damalige Umweltminister Robert Habeck (Grüne) 2015 - kurz nachdem das Landeskabinett eine «Strategie Wattenmeer 2100» beschlossen hatte, um dem Anstieg des Meeresspiegels zu begegnen. Sandaufspülungen und Verstärkungen der Warften sollen dazu beitragen, dass auch in Zukunft Menschen im Wattenmeer leben können. Rund 280 sind es derzeit auf den Halligen; 1824 waren es einmal 937.

Schleswig-Holstein sei gut aufgestellt

Da die Halligen so flach sind, werden sie regelmäßig überflutet. Fünf- bis sechsmal im Jahr ist auf Hooge Land unter, auf Langeneß auch 20 Mal. Bei den Küstenschutzmaßnahmen auf Inseln und Halligen geht es im Übrigen nicht nur um diese selbst, denn an ihnen wird die Energie der Sturmfluten so gebrochen, dass dies auch das Leben an der Festlandküste sicherer macht.

Mehr lesen:WWF warnt vor steigendem Meeresspiegel

Das Land werde die jüngsten Erkenntnisse des Weltklimarats in seinen Küstenschutzplanungen berücksichtigen, sagte Minister Albrecht. Die Sturmflutwasserstände an den deutschen Küsten würden höher ausfallen. «Mit dem derzeitigen Klimazuschlag und dem Konzept des Klimadeiches sind wir in der Lage, in zwei bis drei Bauphasen die Sturmflutsicherheit auch bei einem Meeresspiegelanstieg von bis zu zwei Metern erhalten zu können.» Schleswig-Holstein sei damit sehr gut aufgestellt. «Die Sturmflutsicherheit an unseren Küsten ist nach derzeitigem Stand bis zum Ende dieses Jahrhunderts gewährleistet.»

Baureserve für spätere Verstärkungen der Deiche

Im Land werde bereits seit 2001 ein Klimazuschlag von 0,5 Metern bei der Verstärkung der Landesschutzdeiche berücksichtigt, erläuterte der Minister. Seit 2009 werde zusätzlich eine Baureserve für spätere Verstärkungen geschaffen. «Gleichwohl werden in Folge des beschleunigten Meeresspiegelanstiegs das Wattenmeer und die sandigen Küsten langfristig zunehmend von Erosion und Küstenabbruch betroffen sein.» In der zweiten Jahrhunderthälfte sei mit Sedimentdefiziten im Wattenmeer zu rechnen. Wattflächen und Salzwiesen würden zurückgehen. Für den Küsten- und Naturschutz habe das Wattenmeer eine überragende Bedeutung, erläuterte Albrecht.

Mehr lesen:Bedrohung durch Starkregen und Sturmfluten an Europas Küsten immer höher

An der sandigen Ostseeküste sei mit stärkeren Küstenabbrüchen zu rechnen - dann auch an Stellen, die heute noch stabil sind. Angesichts immer stärker schmelzender Gletscher und anderer Eismassen mahnte der Weltklimarat zum raschen Handeln. Nur so könnten schwerwiegende Konsequenzen für Millionen von Menschen verhindert werden. Das Papier stellt der Politik ein verheerendes Zeugnis aus und zeichnet eine düstere Zukunft, wenn nicht schnell etwas unternommen wird.

Von RND/dpa

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