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Schleswig-Holstein Trotz Mindestabstand: Schlaflos in Holtsee
Nachrichten Schleswig-Holstein Trotz Mindestabstand: Schlaflos in Holtsee
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16:30 29.11.2019
Von Christian Hiersemenzel
Windanlagen bei Holtsee: "Wir sind die Gekniffenen der Energiewende", sagt Anwohnerin Ute Mohr. Quelle: Ulf Dahl
Holtsee

Ein genereller Mindestabstand von 1000 Metern? Ute Mohr kann über die Forderung von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in der Windkraftdebatte nur den Kopf schütteln. Die 64-jährige Büroangestellte wohnt mit ihrer Familie in Holtsee – dort, wo Rendsburg-Eckernförde besonders malerisch und hügelig ist. Bloß, dass der Ortsteil Harfe leicht erhöht liegt und sich auf beiden Seiten gleich zwei Windparks befinden – die Fläche Holtsee-Altenhof mit derzeit zehn Rädern ist gerade mal einen Kilometer entfernt.

Im Oktober drehten sich die Räder oft auch nachts

Es ist der Vorführeffekt. An diesem Donnerstagvormittag stehen die Räder dort still. „Das tun sie gerade ziemlich oft“, sagt Ute Mohr und schenkt Kaffee ein. Ihr Blick schweift aus dem Wohnzimmer hinaus auf einen Knick, der jetzt im Spätherbst kein Laub mehr trägt. Dahinter sind ein paar der Räder zu sehen. Im Oktober hatten sie sich häufiger gedreht, der Wind kam aus Südwest, die Witterung war feucht. Vier Nächte hintereinander habe sie kaum ein Auge zugemacht, stattdessen auf dem Tablet Fernsehserien geschaut – und Protest-Mails geschrieben. Auf Antworten warte sie noch immer.

Denker & Wulf verweist auf die Wirtschaftlichkeit - und auf geltendes Recht

Windräder dürfen in Dörfern tagsüber ein Geräusch von 60 dB(A) erzeugen, das entspricht etwa dem Lärm eines Rasenmähers. Nachts sind 45 dB(A) erlaubt. „Selbstverständlich halten wir diese Grenzwerte ein“, versichert Torsten Levsen, Vorstandsvorsitzender der Betreiberfirma Denker & Wulf aus Sehestedt. Gerade laufe eine zivilrechtliche Klage gegen seine Firma mit der Forderung, den Park von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens abzuschalten. Nur: „Abseits der Westküste können Sie nicht wirtschaftlich arbeiten, wenn Ihre Anlagen ein Drittel der Betriebszeit stillstehen.“ Lange habe man den Windpark gedrosselt, sagt Levsen, bis eine Vermessung schwarz auf weiß bestätigt habe, dass sich sein Unternehmen an die gesetzlichen Vorgaben halte.

Geräuschkulisse in Stereo

Susanne Kirchhof vom Landesverein Vernunftkraft kommentiert den Vorgang sarkastisch. „Gerade in Harfe bekommen die Anwohner den Sound in Stereo“, sagt sie. „Das Drama ist doch, dass sich der Schall unberechenbar ausbreitet.“ Da die beiden Windparks am Rande von Niederungen errichtet worden seien, würden die Anwohner sehr weiträumig belastet. „Auch in 1500 Metern hört man die Turbinen immer noch“, sagt Kirchhof. „Aber das Geräusch ist nicht mehr so erdrückend.“

Im benachbarten Hohenholm drehen sich an diesem Vormittag vier Räder. Es klingt so, als würde irgendwo da oben unter den dichten Regenwolken ein Düsenjet fliegen, der einfach nicht von der Stelle kommt. Nachdem sich das Ohr eingehört hat, sind über diesem Grundlärm in regelmäßigen Intervallen kurze anschwellende Geräusche zu vernehmen. Sie stammen von mehreren Rotorblättern.

"Wir sind die Gekniffenen der Energiewende"

Ute Mohr hält sich den Bauch, wenn sie allein an diese Geräusche denkt. Schön sei es hier gewesen, als sie 1978 nach Harfe zog, und bei gutem Wetter habe sie sich oft ein Buch geschnappt, um draußen vor der Tür zu lesen. Ende 2013 seien nachts die ersten Baufahrzeuge mit riesigen Rotorblättern angerollt. Das habe sie als spektakulär erlebt. „Wir sind nicht gegen Windräder“, sagt Ute Mohr. „Es soll ja die Umwelt schonen.“ Aber falls in Holtsee-Altenhof tatsächlich in absehbarer Zeit drei weitere Anlagen entstehen, würde sie den Fahrzeugen am liebsten den Weg versperren. „Das ist ein Albtraum. Wir sind die Gekniffenen der Energiewende.“

Ihre Nachbarn gegenüber, die noch näher an den Rädern wohnen, wollen nicht mehr namentlich in der Zeitung und auf KN-online erscheinen. Viel zu oft hätten sie sich aufgeregt, dass es inzwischen ihrer Gesundheit schade, erzählen sie. Am schlimmsten sei die Belastung abends, wenn die Welt ruhiger wird und bei entsprechender Windrichtung die Räder umso schlechter zu ignorieren seien.

Verhärtete Fronten

Die Fronten sind verhärtet. Man habe mit den Anwohnern sogar Schalltagebücher geführt, sagt Denker & Wulf-Chef Levsen. Es sei bedauerlich, dass es mittlerweile ein juristisches Kräftemessen gebe. „Wir wollen die Leute nicht nerven, darum geht es nicht. Es geht darum, ökologisch sauberen Strom zu erzeugen.“ Die Energiewende sei ein gesellschaftliches Thema. Und in Holtsee störe sich längst nicht jeder an den Windrädern.

Das räumt auch Ute Mohr ein. „Aber nicht nur ich habe hier schlaflose Nächte.“ Sie würde Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) gern einmal zu sich nach Hause einladen. „Dann soll er sich mit mir vor die Tür setzen und erzählen, dass die 1000 Meter wirklich reichen.“

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